"Eine Frau mit 50 ist heute noch nicht alt"

8. Dezember 2009, 19:13
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Die Wiener Biochemikerin Irene Rech-Weichselbraun erlangte mit Forschungen über Osteoporose beim jüngsten FemPower Call den zweiten Platz

Über ihre Arbeit und über Frauenförderung sprach sie mit Andreas Feiertag.

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STANDARD: Beim FemPower Innovation Call 2009 des Zentrums für Innovation und Technologie haben Sie den zweiten Platz erreicht und neben der Förderung auch ein Preisgeld von 10.000 Euro erhalten. Ihre entsprechende Forschung betrifft die Diagnose von Osteoporose. Was genau tun Sie da?

Rech-Weichselbraun: Wir versuchen hier einen völlig neuen Weg zu gehen. Der Bedarf an einem einfachen, kostengünstigen Diagnostikum ist evident. Während die gegenwärtige Labordiagnostik die Bestimmung eines Biomarkers pro Test vorsieht, ermöglicht es die von Bender MedSystems, also von uns, entwickelte Immunoassay-Technologie Flow Cytomix, eine Kombination von pathophysiologisch relevanten Markern gleichzeitig zu messen. Dabei setzen wir natürlich auch auf Biomarker. Zur Erklärung: Biomarker sind biologische, natürlich vorkommende Moleküle, die bei einer pathologischen Veränderung im Organismus sich in ihrer Konzentrationen ebenfalls verändern. Diese Veränderung kann gemessen werden, was ja auch heute bereits passiert. Im Prinzip tun auch wir nichts anderes, als die Konzentration von Biomarkern zu messen, allerdings setzen wir nicht auf singuläre Proteine, sondern auf eine ganze Reihe von Biomarkern. Das Neue unserer Technologie ist also, dass wir auf Kombination von diesen Molekülen detektieren. Diese Technologie stellt die verfahrenstechnische Grundlage für die Entwicklung eines multianalytischen Nachweissystems dar. Damit werden die Diagnosemöglichkeiten verbessert. Die gewonnen Informationen stellen, im Gegensatz zu singulären Aussagen, profunde Informationen über die Therapie dar.

STANDARD: Und wie weit sind Sie bei der Entwicklung dieses Verfahrens?

Rech-Weichselbraun: Wir haben die Technologie bereits sehr gut in unserem Unternehmen etabliert, da wir das Verfahren auch in anderen Bereichen anwenden. Es ist die Basis unserer gesamten Forschungs- und Entwicklungstätigkeit. Die Herausforderung, vor der wir heute stehen, ist die Kombination von verschiedenen Biomarkern zu einem Gesamtsystem. Sie dürfen nämlich nicht vergessen, dass es beim Zusammenfügen vieler Biomarker auch immer zu Interaktionen kommt, nicht zuletzt deshalb, weil die unterschiedlichen Proteine in unterschiedlichen Konzentrationen im Blut vorkommen. Und der Nachweis der Marker erfolgt nun einmal über Blutproben. Wir sind aber zuversichtlich, dass wir hier sehr bald reüssieren können.

STANDARD: Wie sieht es denn generell mit der Erkrankung aus. Ist Osteoporose, die man ja eigentlich auch als Alterserkrankung ansehen kann, ein zunehmendes Problem?

Rech-Weichselbraun: Osteoporose stellt ein schwerwiegendes Gesundheitsrisiko dar. Die Krankheit, an der weltweit 200 bis 300 Millionen Menschen leiden, führt dazu, dass Knochen brüchig werden und zu Frakturen neigen. Die Häufigkeit der Erkrankung bei den über 50-jährigen Frauen liegt bei 30 Prozent, so haben in Österreich etwa 470.000 Frauen ein Osteoporose-Problem. Ich würde Osteoporose jedoch nicht als Alterserkrankungen ansehen. Immerhin ist eine Frau heute mit 50 Jahren noch nicht alt und hat, nicht zuletzt dank des enormen medizinischen Fortschritts, noch viele Jahre vor sich. Die Osteoporose ist einerseits eine Erkrankung, an der viel mehr Frauen als Männer leiden und andererseits eine sehr stark hormonell abhängige Erkrankung. In der Regel beginnt das Leiden mit den Wechseljahren, wenn es bei der Frau zu massiven hormonellen Veränderungen kommt. Ob die - auch altersbereinigte - statistisch festzustellende Zunahme der Erkrankungen aber nur deshalb sichtbar wird, weil heute mehr Untersuchungen durchgeführt werden, kann ich auch nicht sagen. Jedenfalls ist eine große Anzahl an Frauen davon betroffen, und deshalb ist unsere Forschung auf diesem Gebiet auch wichtig und - wie man am zweiten Platz bei der Ausschreibung sieht - auch auf dem richtigen Weg.

STANDARD: Abgesehen vom Preisgeld: Haben solche Ausschreibungen und Wettbewerbe Ihrer Meinung nach einen weiter reichenden wissenschaftspolitischen Sinn?

Rech-Weichselbraun: Ja, absolut. Insbesondere für die Öffentlichkeit, die ja sonst kaum etwas erfährt über die Anstrengungen von Unternehmen im Bereich Life- Sciences und natürlich auch über andere Bereiche. Immerhin kommen die Forschungen und Entwicklungen von Unternehmen, die sich hier engagieren, ja der breiten Öffentlichkeit zugute. Solche Ausschreibungen erhöhen also auch die Akzeptanz unserer Arbeit in der Gesellschaft. Und eines ist auch klar: Die Förderungen und Preisgelder, die dabei ausgeschüttet werden, helfen insbesondere auch kleineren Unternehmen. Dadurch können Projekte finanziert werden, die aufgrund ihrer hohen Risiken ansonsten vielleicht niemals durchgezogen würden. Und gerade bei diesen risikoreichen Forschungsvorhaben kommen ja immer wieder innovative Ergebnisse heraus.

STANDARD: Und wie stehen Sie dazu, dass immer mehr dieser Ausschreibungen ausnahmslos auf Frauen zugeschnitten sind?

Rech-Weichselbraun: Da ich als Frau unsere F&E-Abteilung leite und unsere Wiener Unternehmen Bender MedSystems einen sehr starken Frauenanteil hat, kommt mir eine solche Ausschreibung natürlich jedenfalls zugute. Generell jedoch bin ich eine Verfechterin der Gleichberechtigung. Wäre diese jüngste Ausschreibung nicht auf Frauen in der Forschung zugeschnitten gewesen, hätte ich mir natürlich dennoch gewünscht - und ich hätte uns auch gute Chancen gegeben -, dass wir aufgrund der Einzigartigkeit unseres Projektes und der guten Datenlage auch ohne Frauen prämiert werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 09.12.2009)

Zur Person
Irene Rech-Weichselbraun (45), geboren in Wien, studierte Biochemie in Wien und ging danach in die Pharmawirtschaft. Seit elf Jahren ist die Wissenschafterin bei Bender MedSystems, leitet dort die F&E-Abteilung und ist seit Oktober auch Geschäftsführerin.

  • Erforscht in ihrem Wiener Biotech-Unternehmen Bender MedSystems die Osteoporose und sucht nach neuen, effizienten Diagnostik-Methoden: die Wissenschafterin Irene Rech-Weichselbraun.
    foto: rené van bakel

    Erforscht in ihrem Wiener Biotech-Unternehmen Bender MedSystems die Osteoporose und sucht nach neuen, effizienten Diagnostik-Methoden: die Wissenschafterin Irene Rech-Weichselbraun.

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