"Ich frage nach Brad Pitts Masseur"

8. Dezember 2009, 19:09
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"Wer im Sacher nach Brad Pitt fragt, ist selber Schuld" - Autogrammjäger Steffan ist fünf Tage pro Woche auf der Jagd nach Promis und hat seine Tricks

Man ignoriert sie geflissentlich, aber Autogrammjäger gehören zum globalen VIP-Business wie Paparazzi, Zicken und Stars

Wien – Gerald Steffan ist ein friedlicher Mensch. Darum betont der Wiener, der im berufstätigen Alltag in der Marketingabteilung einer Bank arbeitet, stets, dass er kein Jäger ist. "Ich bin unbewaffnet. Mich überlebt man: Ich will Autogrammsammler genannt werden."

Steffan sammelt seit über zehn Jahren. Mindestens fünf Tage pro Woche ist er deshalb auf der Jagd (Pardon: sammelt er). Wie viele Unterschriften er mittlerweile hat, "weiß ich nicht. Aber es geht mir nicht um Quantität."

Freilich: Worum es ihm tatsächlich geht, kann der 30-Jährige nicht so genau sagen. So wie die anderen rund 15 Angehörigen des harten Kerns jener Szene, die allein in Wien nationalen wie internationalen Berühmtheiten auflauert. Bei Events, an Bühnenausgängen oder vor Hotels. Und obwohl Stars und Medienleute meist so tun, als wären sie bloß lästige, im Weg stehende Möbelstücke, wäre der VIP-Zirkus ohne sie nicht denkbar: Wie wichtig Ornella Mutis Verlassen der Albertina für die Welt ist, versteht man nämlich erst, wenn Menschen wie Gerald Steffan vor dem Eingang auf sie warten. "Bei der Muti waren es sieben Stunden – aber das hat sich ausgezahlt." Wieso? "Nach drei Stunden Warten gibt man eben nimmer auf – und bleibt." Auch wenn andere sich an die Stirn tippen. "Das ist mir egal."

Angefangen hat Steffan mit 20 Jahren. Als Fan alter UFA-Filme wollte er "persönliche Erinnerungen an diese Stars, bevor sie wegsterben. Also habe ich viele angeschrieben." Nicht alle antworteten.

Universelle Sammelwut

Nach zwei Jahren erweiterte Steffan daher Spektrum und Aktionsradius: "Außer Sport und Politik sammle ich alle." Und nicht nur einmal: "Es ist spannend zu sehen, wie nah- oder unnahbar Menschen manchmal sind."

Sir Simon Rattle etwa habe ihn sechsmal abblitzen lassen, "ab dann war er plötzlich freundlich". Beyonce Knowles ignorierte Steffan geflissentlich – bis sie einmal vor halbvollem Haus spielte: "Auf einmal hatte sie Zeit für uns." Und Reinhard Mey freute sich angeblich, mitten auf der Wiener Kärntner Straße erkannt zu werden: "Er stand an der Ampel neben mir."

Wo der Tross ist, ist der Star

Mit Glück, betont der Autogrammsammler, habe Erfolg nur in zweiter Linie zu tun: "Man muss schlau sein. Und fleißig." Recherche (alle Societymedien, täglich) ist Pflicht: "Wer im Sacher nach Brad Pitt fragt, ist selber Schuld. Aber wenn ich weiß, wie sein Masseur heißt, frage ich nach dem. Und wo der Tross ist, ist der Star."

Darüber hinaus zählt Mobilität: "Der D-Wagen fährt an allen Hotels vorbei." Und? "Popstars touren in Europa oft mit den schwarzen Bussen eines Tiroler Spezialbetriebs – die sieht man." Außerdem erkennt er Limousinen, Sammler – und Medienleute. Obwohl: "Wir kennen uns besser aus – oft fragen Journalisten uns, wer das gerade war." Umgekehrt, räumt der Sammler ein, folge die Szene aber auch den Medien. Vor allem bei lokalen VIPs: "Wenn ich im Seitenblickemagazin jemanden sehe, den ich nicht habe, sammle ich ihn beim nächsten Mal." Schwer sei das aber nicht: "In Wien sind das immer die gleichen Leute an immer den gleichen Orten. Das ist so vorhersehbar, dass es langweilt."

Sinkendes Niveau

Aus Gründen der Vollständigkeit (und: "Die anderen sammeln sie ja auch") kommen aber auch diese Figuren in seine Sammlung. "Aber das Niveau sinkt mehr und mehr. Gute Leute oder Leute, die tatsächlich wichtig werden könnten, gehen ja nicht mehr auf diese Events. Und wenn ich eine Ex-Miss um ein Autogramm bitte, frag ich mich manchmal, wie tief ich eigentlich gesunken bin."

Doch bei aller Liebe zur Komplettheit, sagt Steffan, gibt es schon eine Welt jenseits der Schmerzgrenze: "Die Freundinnen und Begleiterinnen des Herrn Lugner. Weil irgendwann muss man dann schon sagen, dass genug einfach genug ist." (Thomas Rottenberg/DER STANDARD-Printausgabe, 9.12.2009)

  • Warten auf eine Unterschrift: Gerald Steffan bei der Arbeit. Sein Rekord: sieben Stunden vor der Albertina - für ein Autogramm von Ornella Muti. "Es hat sich ausgezahlt."
    foto: christian fischer

    Warten auf eine Unterschrift: Gerald Steffan bei der Arbeit. Sein Rekord: sieben Stunden vor der Albertina - für ein Autogramm von Ornella Muti. "Es hat sich ausgezahlt."

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