Ein Kraftprotz möchte Lehrer sein

8. Dezember 2009, 18:35
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Matthias Langhoff inszeniert Brechts "Im Dickicht der Städte"

Linz - Zu den großen Rätseln von Bertolt Brechts selten gespieltem Frühwerk Im Dickicht der Städte gehört der Wetteinsatz: Ein Großstadtmensch erklärt dem anderen den Krieg. Da der Aggressor ein vermögender Mann ist, gibt er seinem verwahrlosten Gegenüber großmütig die Waffen an die Hand. Zu bewundern sei, schreibt Brecht 1921, die "Kampfform der Gegner": Der Schwächere macht dem Stärkeren à la longue den Garaus.

Da der Augsburger Kraftprotz aber noch nichts von der marxistischen Gesellschaftslehre weiß, drängt er alle Gedanken an eine mögliche Ursachenforschung beiseite: Shlink, der Holzhändler aus Malaysien, bedrängt den Bibliotheksangestellten Garga wie ein übermütiger, aber eben nicht völlig austrainierter Boxchampion. Die beiden Gegner tänzeln, täuschen an und verbeißen sich wie Liebende ineinander. In Matthias Langhoffs kompetent gedachter Dickicht-Aufführung im Linzer Landestheater werden Brechts Bezugsebenen schmerzlich deutlich gemacht: Der eben erst zum Leben erwachte Komplex der "großen Stadt" wird zum Dschungel erklärt. Zum anderen zählen im Boxsport keine anderen Besitztümer als methodisch antrainierte.

Langhoff bringt ein weiteres Kampfwerkzeug ins Spiel der Schmächtigen: Er stellt die Kampfarena hinter einen Zaun, dessen Krone mit Stacheldraht bewehrt ist (Ausstattung: Catherine Rankl): Die Welt der Besitzenden schließt sich gegen die Bedürftigen nach außen ab. Zugleich nötigen die Wechselfälle des Lebens zu Mobilität: Ein Eisenbahnwagon enthält alle Schauplätze, während der Zuschauer als "unparteiischer" Punktrichter die Annehmlichkeiten eines Nachtcafés genießt.

Nach ein paar Szenen schwindet die Lust an der Betrachtung des prototypischen Kampf-Spektakels freilich beträchtlich. Es ist kein Zufall, dass der späte Brecht seiner eigenen Kraftmeierei gründlich misstraute: Kaskaden einer expressionistisch steil gestellten Gossensprache regnen auf den Zuhörer nieder. Das Stück selbst lahmt und hinkt - und erscheint vor allem im Spiel der Protagonisten unnötig ausgedünnt. George Garga (Konstantin Bühler) gibt den kettenrauchenden Köter mit elastischer Gebärde; seinem Antagonisten Shlink (Stefan Matousch) wurde ein Asia-Look aufgeschminkt, der diesen undurchdringlichen Spekulanten zu Andachtshaltungen eines Ölgötzen verdonnert.

Es ist Langhoffs Kommentarebene, die ebenso bestrickt, wie sie das Stück beinahe zur Gänze zuschüttet. Die Fuckhead-Musiker Didi Bruckmayr und Sigmar Aigner rezitieren zähnefletschend aus Brechts Lesebuch für Städtebewohner; Stummfilmbilder aus der Arbeitswelt erhärten den Verdacht, dass Langhoff lieber von vornherein Recht hat, als dass er sich vom Ausgang dieser Schlacht noch überraschen ließe. Aber so ist es eben mit dem als wundertätige Chance begriffenen Chaos: Es ist zur Gänze aufgebraucht. Die heutigen Pflasterstrände sind viel weniger übersichtlich, als es sich das Theater heute träumen lässt. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 09.12.2009)

  • Kampfarena für ungleiche Gegner: Brechts "Im Dickicht der Städte" im Landestheater Linz.
    foto: landestheater

    Kampfarena für ungleiche Gegner: Brechts "Im Dickicht der Städte" im Landestheater Linz.

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