Staatsoper Wien

Opernwald der flachen Pointen

08. Dezember 2009 18:26
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    Foto:apa

    Es staunt Macbeth (Simon Keenlyside, am Tisch) über den Besuch des ermordeten Banquo (Stefan Kocan). Lady Macbeth (Erika Sunnegardh) will beruhigen.

Premiere von Verdis "Macbeth": Die etwas zu verspielte und unausgewogene Regiearbeit von Vera Nemirova erregt die vorurteilsverliebten Gemüter

Wien - Nun gehört die Oper seit jeher zu jenen hysterisch rezipierten Kunstformen, bei denen der Ärger mitunter nicht das Ende einer Vorstellung abwarten kann, um sich gnadenlos zu entladen. Quasi: Ausreden lassen gibt es nicht! Dass es schon nach etwa drei szenischen Minuten dieses Macbeth an der Wiener Staatsoper zu den ersten Buhrülpsern kam, gehört jedoch schon in den Bereich der rekordverdächtig schnell einsetzenden Belästigungen durch eine Geisteshaltung, die es wohl dumpf als Provokation empfindet, dass das 20. Jahrhundert mit all seinen zeitgemäßen Regieentwicklungen überhaupt existiert hat.

Umso grotesker wirkt dieser während der Vorstellung immer wieder anschwellende Zorngesang, der sich zum Schluss, als Regisseurin Vera Nemirova auf die Bühne kam, zum Orkan formierte, als eigentlich so gar nichts Skandalöses passiert war. Man war nur Zeuge einer aktualisierenden Werkdeutung geworden, die sich selbst halt mindestens ein Regiebein gestellt hatte - durch Ideen, die etwas aufgesetzt witzig wirkten, aber alles andere als besonders kühn erschienen.
Nicht sehr originell

Das Problem dieser Version war somit weniger in einer kalkulierten Provokation, vielmehr in der mangelnden Balance zwischen den ernsten, dramatischen Momenten und jenen durch die Hexenwelt repräsentierten zu suchen, die Nemirova etwas zu sehr auswalzte und dabei mit nicht besonders originellen Ideen ausschmückte.

Bei ihr wirkt das Kollektiv der weissagenden Damen als Teil einer im düsteren Wald wohnhaften, fröhlich dahinlebenden Künstlerkolonie. Die Damen malen gerne, proben Theaterstücke, fotografieren dies und jenes Ereignis, turnen in Bademänteln und zeigen, was passiert, wenn eine Regie das eigene Humorpotenzial überschätzt und auch bezüglich der szenischen Organisation keine Präzision, vielmehr Unverbindlichkeit erreicht. So wirkt die Hexenwelt bemüht humorig und vor allem bieder. Dies alles führt zu Längen.

Produktiver wäre es gewesen, sich auf das Düstere zu konzentrieren, sich mehr auf die machtkoalitionäre Beziehung zwischen Macbeth und seiner Lady einzulassen. Hier wären Ansätze vorhanden gewesen: Wie Macbeth zur Begrüßung seiner Dame herzlos-beiläufig eine Blume hinwirft, sagte schon einiges aus über die unwahren Gefühle, die da herrschen. Und wie sich beide nach dem ersten Mord auf engstem Duschraum aneinander klammern und verzweifelt versuchten, Blut von den Händen abzuwaschen, vermittelte, dass die Annäherung der beiden extrem viel mit Angst zu tun hat.

Es waren dies allerdings nur Momente, kleine szenische Punkte, die zu theatralen Verdichtungen führen. Es lässt Nemirova zwischendurch aber auch richtige Leerläufe zu, echte Stehpartien, die alles Aufgebaute und Entwickelte wieder gleichsam ausradieren. Erst am Ende, wie Macbeth in Zeitlupe gegen eine Armee von Äxten kämpft, entsteht so etwas wie imposante Bildkraft.

Dass Simon Keenlyside (als Macbeth) immer zugegen war, wenn es qualitativ aufwärts ging, macht ihn zur Ausnahme eines auch musikalisch durchschnittlichen Abends. Mit seinem Talent zum Lyrischen (das Dramatische liegt seiner Stimme merklich nicht wirklich) verleiht er der Figur auch eine gewisse poetische Fragilität. Zudem hatte er noch zum Schluss hin Kraft zum grandios-kultivierten Vokalaugenblick.

Die ausgebuhte Erika Sunnegardh (als Lady Macbeth) verfügte nur über tragfähige Höhen. Sie hatte zudem auch das Pech, einen heiklen finalen Augenblick in einer eher ungünstigen Liegeposition absolvieren zu müssen ... Drumherum einigermaßen solide Qualität (Stefan Kocan als Banquo, Dimitri Pittas als Macduff und Gergely Nemeti als Malcolm).

Die Vorgänge im Orchestergraben schließlich waren dem szenischen Geschehen keine übergroße Hilfe - der für Daniele Gatti eingesprungene Guillermo Garcia Calvo konnte kaum Impulse setzen. Er ließ kurzatmig phrasieren, erst ab der Mitte des Abends kam punktuell etwas Intensität auf. Letztlich blieb die instrumentale Gestaltung zu eindimensional, um neben Lautstärke auch wirkliche Ausstrahlung vermitteln zu können. Auch der Dirigent wurde natürlich ausgebuht. (Ljubisa Tosic, DER STANDARD/Printausgabe, 09.12.2009)

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skip it
07.01.2010 08:58
hier noch eine andere meinung dazu...

..."neue zuercher":
http://www.nzz.ch/nachricht... 46407.html

mit der publikumsbeschreibung trifft der artikel den bernhard'schen schwarzen zielpunkt praezise.

wackelkandidat
12.12.2009 20:19

das schau ich mir sicher nicht an.

Egal wie die Inszenierung ist, ich finde die Musik grauenhaft. Das hat Shakespeare nicht verdient. (Es gibt z.B. eine Macbethvertonung von Salvatore Sciarrino, die ganz gut ist - aber das Musicalpublikum steht leider mehr auf Easy Listening.)

Em sembla que ara em toca a mi.
10.12.2009 09:59
vorurteilsverliebt

ein besonders stupides wort des kritikers

Jan miron11
10.12.2009 23:48
find ich nicht - das passt schon

BastiGross
09.12.2009 17:02
Kritiker

Kritiker sind Leute, die den schöpferischen Künstler dahingehend zu beeinflussen versuchen, dass er so schreiben, so spielen und so inszenieren soll, wie sie, die Kritiker, es täten, wenn sie schreiben, spielen oder inszenieren könnten.
(Ephraim Kishon)

Caroline Schmelz
10.12.2009 18:39
kishon

war ein rechtsaußen, der blamable kämpfe gegen entartete kunst geführt hat

Robert Waloch
11.12.2009 02:28
ACHSOOOO

Kommt Wahres, Richtiges von der ungewünschten Seite, ist es für AlmaSchmelzkäse also nicht mehr wahr, richtig...???

wackelkandidat
12.12.2009 20:21

es ist auch nicht wahr.

mem
09.12.2009 19:24
kritiker

beauty is in the eye of the beholder - daher ist es unmöglich, ein objektives urteil über einen subjektiven eindruck abzugeben. wenn eine (negative) publikumsreaktion derartig einhellig ist, gibt das zu denken. in der morgigen vorstellung kann ich mir selbst mein - subjektives - urteil bilden.

Kaulquappe
09.12.2009 22:27

Natürlich ist jedes Urteil subjektiv. Aber während Sie völlig subjektiv urteilen können, ist ein Kritiker zu einem gewissen Maß an Objektivität verpflichtet. Er/sie bekommt ja bezahlt und kritisiert beruflich. Auch das Urteil jedes Richters ist bis zu einem gewissen Grad subjektiv, da kann ein anderer anders urteilen. Die Ablehnung der Macbeth Aufführung ist ziemlich einhellig, Publikum und Kritik. Der Standard ist da eine Ausnahme, aber auch nur bis zu einem gewissen Grad.

das poppende lottchen
09.12.2009 22:21
bitte schreib dann hier, wie

du es gefunden hast!

mem
09.12.2009 16:47
absage von gatti

weiß jemand warum gatti eigentlich abgesagt hat?

baumfreund
09.12.2009 23:56
vielleicht war ihm die dusche zu viel

das poppende lottchen
09.12.2009 16:51
stress - er muss sich auf anraten seiner ärzte schonen.

zumindest bis zur lulu-premiere in mailand. :-)

mem
09.12.2009 16:57
absage von gatti

könnte der stress eventuell auch daher kommen, dass er das regiekonzept von frau nemirova und die mangelnde sängerische qualität der produktion gekannt hat? ich meine, man muss sich ja nicht absichtlich selbst verheizen als dirigent...

das poppende lottchen
09.12.2009 17:09
dazu will ich nichts sagen, weil ich gatti

extrem hochschätze.
aber wenn er sich aus einer verdi-produktion an einem großen haus zurückzieht, dann liegen dafür ernste gründe vor. gatti ist ein sehr seriöser mann.

baumfreund
10.12.2009 13:48
die schwerwiegenden gründe

kann man nach dieser aufführung ja leicht erraten!

mem
09.12.2009 19:29
seriöser gatti

genau das wollte ich sagen. er muss schwerwiegende - gesundheitliche? - gründe gehabt haben.

Dr. Lari and Mr. Fari
 
13.12.2009 21:42
Darf ich eine Synthese wagen?

Wenn er 3/4 des Abends durch den Blick auf die Bühne heftiges Sodbrennen bekommt, dann ist solch eine hier vermutete/diskutierte Absage eigentlich wegen Ablehnung des Regiekonzeptes jedenfalls gesundheitlich begründet.

Em sembla que ara em toca a mi.
09.12.2009 14:55
Sich zum Teil schlecht aufführendes Publikum

ist noch lange kein Beweis für eine auch nur halbwegs gute Regie!

Causa Nostra
09.12.2009 12:35

Vera Nemirova ist und bleibt einfach ne ganz schlechte Regiseurin. Sollte es halt mal in einem anderen Fach versuchen!

dreyfusard
09.12.2009 12:25

also die oper war zwar ein geschmettere, aber lange nicht so schrecklich wie das darauffolgende buhgeschrei der zuschauer. das staatsopernpublikum könnte man doch als zusätzlichen grauseleffekt einbauen.

Isogseich Eini
09.12.2009 22:33

Die dritte Halbzeit eben...

p-hammer
09.12.2009 10:11
Opern-Hooligans

Unabhängig von der Qualität der Inszenierung:
Wer bei Macbeth nach drei Minuten (also in die erste Hexenszene) hineinbrüllt hat offenkundig keine Bereitschaft, sich mit einer Inszenierung auch nur ansatzweise auseinanderzusetzen. Zumal diese Hexendarstellung nicht neu ist (etwa Pountney in Zürich, Bondy in Edinburgh).

Wer sich von der Regie (englisch im Übrigen "direction") beleidigt fühlt, darf das der "Übeltäterin" ja auch nachher bei ihrem Auftritt lauthals kundtun. Aber die hier gezeigte Rücksichtslosigkeit gegen Künstler (mit Keenlyside sogar einer von Weltrang) ist nichts als blanker Hooliganismus.

Übrigens stehen Callas und insbesondere Ludwig in ihrer (vokalen) Interpretation der Lady klar im Widerspruch zu Verdis Wünschen.

baumfreund
09.12.2009 23:59
woher haben sie denn diese weisheit

bezüglich verdis wünschen?

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