"Im Diesseits überwiegen die Ambivalenzen"

8. Dezember 2009, 18:13
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    fotos: apa, stadtkino

    Hoffen auf ein Wunder: Sylvie Testud als Pilgerin in "Lourdes" - ab Freitag im Kino.

Die Filmemacherin Jessica Hausner hat eine Parabel über Hoffnungen und Glücksversprechen gedreht - im STANDARD-Interview

Standard: Wunder sind nicht besonders zeitgemäß. Ganz generell gefragt: Was hat Sie an diesen göttlichen Interventionen in einem zeitgenössischen Kontext interessiert?

Hausner: Genau das Unzeitgemäße! Es ist wie eine Kinderfantasie. Ich selbst bin jemand, der Dinge rational begreift. Ein Ort wie Lourdes ist für mich daher im ersten Moment eher ein Horror. Ich sehe die Leute, die mit dieser naiven Hoffnung, diesem Glauben dort hingehen, damit etwas Ungewöhnliches geschieht, das sie mit einem Schlag aus ihrem Elend befreit. Das ist mir fremd, aber gleichzeitig ersehne ich es auch: Das habe ich erst während des Films entdeckt. Ich habe in mir auch so ein Fantasie bewahrt: Hokuspokus, simsalabim, und alles ist gut.

Standard: Aber das Wunder muss ja nicht mit Glück einhergehen.

Hausner: Ja, und Glück ist auch vergänglich. Was mich am Wunder interessiert, ist die Ambivalenz daran. Selbst wenn es eintritt, lösen sich nicht alle Schleifen in Wohlgefallen auf, sondern neue Unannehmlichkeit treten auf. Der Erlösungsglaube ist in unseren Breiten immer noch etwas, was uns sehr bestimmt. Das ist ein Superjoker, den die katholische Kirche da in der Hand hat: das Leben nach dem Tod. Im Diesseits überwiegen die Ambivalenzen, aber das ist nicht ganz unser Ding. Leider - das wäre nämlich gescheit.

Standard: Wie sind Sie auf Lourdes gekommen - Sie hätten das Wunder ja auch im Alltag verorten können?

Hausner: Das verdankt sich meiner Liebe zum Rationalismus. Ich wollte eben keine ganz fiktive Geschichte erzählen. Ich wollte an einen realen Ort fahren.

Standard: Weil sich dort das Profane mit besonderer Vehemenz am Übersinnlichen reibt?

Hausner: Dass es in dieser aufgeklärten Welt diesen Ort überhaupt noch gibt, ist absurd: ein Widerspruch zwischen dem Wunsch nach Rettung und dem, was man sich zugesteht, glauben zu dürfen.

Standard: Wie hat sich Ihre Vorstellung des Ortes mit der Realität gebrochen?

Hausner: Als ich mir das Ganze überlegt habe, war es eher abstrakt. Ich hatte eine Märchenform vor mir. Dort war dann alles viel existenzieller, als ich dachte - ich habe gemerkt, was es für diese Menschen heißt, mit dem Sterben konfrontiert zu sein. Es hat mich regelrecht erschüttert. Wir haben jeden Abend eine Flasche Wein getrunken, die Kranken auch.

Standard: Christine (Sylvie Testud), eine junge Frau im Rollstuhl, ist zwar die zentrale Figur des Films, sie bleibt aber eher eine skeptische Beobachterin. Warum?

Hausner: Sie war lange wie ein Platzhalter in der Geschichte - komischerweise. Sobald ich ihr biografische Details angedichtet habe, fand ich sie uninteressant. Irgendwann wurde mir aber klar, dass es genau um das Prototypische geht - auch bei den anderen Figuren. Individuelle Sorgen sind zweitrangig. Es ist wie eine Märchenanordnung - wie bei Heidi: Christine ist die Clara im Rollstuhl, die junge Malteserin Maria ist Heidi usw. Ich finde es außerdem spannend, wenn alle Figuren auch Aspekte eines Einzelnen sein könnten.

Standard: Auf psychologische Motivation zu verzichten - das ist etwas, das Sie nicht das erste Mal tun.

Hausner: Ja, die tue ich immer raus. Ich beschäftige mich gerade mit einem neuen Projekt, das eine Liebesgeschichte wird. Da geht es schon wieder so los: Ich streiche psychologische Entwicklungen. Übrig bleiben nur die Fakten.

Standard: In "Lourdes" arbeiten Sie viel mit Einstellungen, die mehrere Figuren auf einmal zeigen - man durchläuft diesen Ort, ein wenig distanziert, als wäre er eine Fabrik der Wunder. Wie wurde dieser räumliche Zugang denn konzipiert?

Hausner: Grundsätzlich merke ich, dass ich den Raum gerne unvollständig gestalte. Es soll unklar bleiben, wie er genau funktioniert. Schon in Hotel haben wir falsche Achsen verwendet, den Raum so gefilmt, dass er eigentlich gar nicht funktionieren kann. Bei Lourdes wollte ich die Frage nach dem Größeren, nach Gott, mit den Räumen verknüpfen. Man soll die Gesamtheit der Gruppe sehen, weil es ja jeden treffen kann; zugleich wollte ich nur Ausschnitte präsentieren - ein gesetztes Bild. Das Gefühl, dass es auch ein Dahinter, ein Außerhalb des Bildausschnitts, gibt, wollte ich bewahren.

Standard: Das Außerhalb wäre dann aber kein realer Ort mehr?

Hausner: Genau, es liegt sozusagen zwischen den Schnittstellen. Die Antwort ist im Off. Dass die Bilder eher total sind als nah, nimmt auch schon einen Standpunkt ein: Es gibt einen vierten Blick - einen, der alles beobachtet. Wer ist das?

Standard: Sie haben erstmals mit französischen Darstellern gearbeitet. War das auch der Versuch, auf sprachlicher Ebene die Distanz zu vergrößern?

Hausner: Es ging mir vor allem darum, die Geschichte aus der Alltäglichkeit herauszuheben. Ich wollte nicht in so ein Lokalkolorit münden, das die Herkunft zu sehr ausstellt. Der Ort ist ja skurril genug - ich habe eher versucht, dem mit "schönen" Bildern bewusst entgegenzuarbeiten.

Standard: Hat es Sie überrascht, dass Sie auch von kirchenkritischer Seite eine Auszeichnung erhielten?

Hausner: Den Atheisten hat wohl gefallen, dass das Wunder nicht richtig hält. Ich war froh, dass der Film von mehreren Seiten angenommen wurde. Überrascht hat mich nur, dass man ihn auch rührend findet.

(Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe, 09.12.2009)

Zur Person:
Jessica Hausner (37) studierte an der Wiener Filmakademie. "Lourdes" ist nach "Lovely Rita" und "Hotel" ihr dritter Spielfilm.

Kommentar posten
21 Postings
damueff
00
13.12.2009, 00:25
Ich komme gerade aus dem Film

Absolut empfehlenswert! Ein sehr ruhiger, nachdenklicher und nachdenklich machender Film, der das Geschehen eher dokumentiert und weniger präsentiert - auf diese Weise dem Zuseher aber mehr eigene Gedankenarbeit abfordert. Die Schauspieler sind durch die Bank sensationell gut besetzt. Zwar baut sich das Geschehen sehr langsam und bedächtig auf, zieht aber den Zuseher doch unmittelbar in den Bann. Der Film verdient jedenfalls die Aufmerksamkeit einer breiteren Öffentlichkeit, wie ich finde.

Risotta M.
00
16.12.2009, 13:42
also ich fand ihn eher mühsam

nicht gerade ein Meisterwerk würd ich sagen... http://diepresse.com/home/kult... 0/index.do

eyeinthesky
00
11.12.2009, 14:47
verraten

wenn dem standard etwas an den zuschauerzahlen des filmes läge, hätte er die letzte antwort hausners nicht mehr gedruckt, wo das ende des filmes verraten wird. ein wohl beispielloser pr-lapsus.

El Zorro
00
10.12.2009, 22:54
In Lourdes sind sicher mehr Leute geheilt worden als die

die diesen Film jemals sehen werden.

paradeyugo
00
9.12.2009, 23:56
trailer

uups.
jetzt nehme ich meine kritik wieder zurück (siehe unten) und mache sogar etwas werbung für den film.
den trailer (mit dem witz) finde ich sehr gelungen. vielleicht überrascht mich der film doch noch.
mal schauen ...
http://www.lourdes-derfilm.at/

ernst thaelmann1
00
9.12.2009, 19:18
um ethan coen zu zitieren:

"Being noncommercial is never an ambition", diesen spruch sollte man allen "kunstfilmern" aufs hirn tätowieren.

JETZT 10% UMSONST, NUR FÜR KURZE ZEIT!
 
00
9.12.2009, 23:38

lustig dass sie ethan coen zitieren und trotzdem nichts verstanden haben :-)

ernst thaelmann1
00
10.12.2009, 09:06

viel spass bei der statistik:
http://www.filminstitut.at/de/menu88/

snufkin
00
9.12.2009, 10:35

Die schaut lieb aus, die Sylvie Testud!

Andrew Jones
00
9.12.2009, 10:33
Ich kenne Sylvie Testud persönlich -

eine echt charmante Frau! Mit ihr habe ich zusammen im Film namens "In Heaven" gespielt.
(vom Michael Bindlechner, ca. 1996)

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00
9.12.2009, 23:40
ich nicht!




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jack johnson
 
02
9.12.2009, 14:12
Ach komm, sag' schon

habt ihr oder habt ihr nicht?

paradeyugo
02
9.12.2009, 09:53
gute frage (n)

ich frage mich oft das gleiche.
am besten wäre es wenn die Fr. Hausner antworten würde. So viel ich weiss, reichen ein paar Festivals (und die gibt es jede menge; siehe "la Pavelina") und man kann schon für den nächsten film beim ÖFI, BMUKK, usw. einreichen.
Es gibt ca 10 Regisseure (die bekanntesten) die mit ihren Filmen weniger als 30000 Zuschauer (im Jahr!!!) erreichen und trotzdem ein Film nach dem anderen drehen. Wie Herr Glawoger zum Beispiel.
Die jungen, noch unbekannten haben es viel schwieriger. Das Budget kann eben nicht für alle sorgen. Nur für die zehn eben.
Somit werden sich die Zuschauerzahlen eigentlich nie verbessern. schade eigentlich.

JETZT 10% UMSONST, NUR FÜR KURZE ZEIT!
 
00
9.12.2009, 23:51

und herr glawogger war nie jung und unbekannt?
wer sollte ihrer meinung nach entscheiden was förderungswürdig ist?
soll man etwa einen bully herbig film fördern, weil der millionen zuschauer hat (und deshalb auch keine förderungen benötigt)?
das liegt in der natur der sache dass qualitativ hochwertige filme nicht so viele zuschauer haben als die üblichen hollywood blockbuster.

Chris_SM
00
9.12.2009, 19:11
Na ja

Murnberges großartiger Film Knochenmann hatte ca. 450 T Zuschauer im gesamten deutschsprachgen Raum, und lief darüber hinaus in Frankreich und Rußland in den Kinos.(da kenne ich keine Zahlen, aber viele Zuschauer werden es dort wohl nicht gewesen sein.)

Schicke Schickse
01
8.12.2009, 22:49
Wie rechnen sich Hausers Filme eigentlich

Ich kann mich erinnern, dass ein Poster einmal behauptete, dass es sehr schwierig ist, einen österreichischen Film zu finanzieren, weil es zu wenige Zuschauer gäbe etc. Auch "In 3 Tagen bist du tot" war angeblich nur recht knapp ein Geschäft. Und vor kurzem hat Xaver Schwarzenberger ähnliches gesagt und damit begründet, warum er kein Kino mehr macht.
Wie ist es dann mit Hausners Filmen, die ja vergleichsweise wenige Zuschauer haben? Bringen die Preise und Festivalteilnahmen etwas? Oder fließen hier die Förderungen üppiger? Konnte der Film in andere Länder verkauft werden, was Geld in die Kasse bringt?
Kurz: Wie macht sie das?
Danke für eventuelle Antworten.

Chris_SM
01
9.12.2009, 16:35

Ein Großteil des Budgets wird durch Fördergelder abgedeckt, die Eigenfinanzierung beträgt meist unter 20%. Und nur diese muss der Film wieder einspielen.
Lourdes hat ca 2 Mio gekostet, das ist beträchtlich mehr als ein durchschn. ö. Fernsehfilm kosten darf. Er wurde von Coop 99 produziert. Diese gehört u.a Hausner, Barbara Albert u. Martin Gschlacht.
Lourdes wurde neben ÖFI, ö. Filmfonds u.ä auch von ZDF, Arte und der EU gefördert. Der Film läuft und lief bei vielen Festivals,(im Jänner bei Sundance in den USA) das bringt Geld. Er wird in vielen Ländern (D,F,E,Ch u.v.a) in die (Arthouse)Kinos kommen und so das Risikokapital locker einspielen. Hausners letzter Film konnte das nicht, u. war so ein Verlustgeschäft für Coop 99.

Chris_SM
00
9.12.2009, 21:07
Nachtrag

An folgende Kinofilmverleiher konnte Lourdes bis jetzt verkauft werden:

Cinecitta - Italien
Filmmuseum - NL
Lumiere - Belgien
MTU Otaku - Estland
NFP Distribution - Deutschland
Net Xenix - Schweiz
Palisades Tartan - USA
Alta Films - Spanien
Gussi Artecinema - Mexico
Nutopia - Griechenland
TFM Distribution - Frankreich
Stadkino Filmverleih - Österreich

Informationen lt. imdb.com

Lord Schaumloeffel
10
9.12.2009, 13:28
das ist ja der grund, warum manche filmemacher schräg angeschaut werden

weil ihre filme ausschließlich mit geldern der öffentlichen hand finanziert werden: öfi, orf-ffa, die landesförderstellen, das bundeskanzleramt, tourismusverbände, plus vielleicht ausländische filmförderstellen (wenn co-produktion - darum rennen in unseren filmen so oft die quoten-piefkes mit, damit die deutschen mitfördern).

einerseits ist das nötig, weil auch hochkulturelle einrichtungen wie oper, konzertbetriebe und theater ohne öffentliche hand nicht mal ansatzweise bei uns existieren könnnten.

andererseits ist es eine schande. weil immer noch am zuseher vorbeiproduziert wird. und weil andere den spagat schaffen, kunst und ausreichende erlöse unter einen hut zu bringen.

aber das ist bei uns auch ideologisch unerwünscht.

JETZT 10% UMSONST, NUR FÜR KURZE ZEIT!
 
00
10.12.2009, 00:03

wer ist ihr "zuseher"?
im fall von jessica hausners filmen wurde auf jeden fall nicht an mir vorbeiproduziert, im gegenteil!
seien wir froh dass es in österreich noch solche filmemacher gibt die bereit sind sich das unter diesen schwierigen bedingungen anzutun und sich nicht aus finanziellen gründen dem massengeschmack anbiedern.

Lord Schaumloeffel
00
10.12.2009, 13:32
da hab ich mich missverständlich ausgedrückt

weil mir "lourdes" nämlich sehr gut gefallen hat. dass aber immer noch am gros der heimischen kinobesucher (wenn sie so wollen, am mainstream) vorbeiproduziert wird, kann jeder aus den öfi-zahlen nachlesen.

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