STANDARD-Interview

"Spezialisierung ist unvorstellbar schwachsinnig"

08. Dezember 2009 18:12
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    Foto: privat

    "Dass, was sich am Bildungssektor der Universitäten abspielt, ist ja bitte der reine Wahnsinn", so der Musikschuldirektor Ernst Smole.

Durch Spezialisierungen und verkürzte Studien sinke das Bildungsniveau, kritisiert Musikschuldirektor Ernst Smole

Standard: Wodurch erklären Sie sich die Kommerzialisierung der österreichischen Musikbranche?

Smole: Das liegt daran, dass es sehr, teuer ist, eine gute Musikproduktion auf die Beine zu stellen. Bei einer Abendvorstellung der Wiener Staatsoper arbeiten hunderte Menschen. So ein Abend kostet so viel, dass man das mit den Eintritten nie abdecken kann. Es geht darum, möglichst viele Menschen zu Konzerten zu kriegen - das gelingt nur, wenn man immer die gleichen Dingen spielt, die die Leute schon kennen. Für Experimente bleibt da kein Platz. Darin liegt die Gefahr der Kommerzialisierung.

Standard:  Wie könnte ein Lösungsansatz aussehen?

Smole: Es hat in den westlichen Industriestaaten bis vor 15, 20 Jahren die Praxis gegeben, dass der Staat sehr viel für die Menschen getan hat. Mittlerweile wird alles privatisiert, und es kommt im Bereich der Bildung und der Kultur zu dieser Verengung, die wir jetzt erleben. Auch bei den Studentendemonstrationen geht es darum.

Standard: Um Verengung?

Smole: Ja. Ich meine, dass, was sich am Bildungssektor der Universitäten abspielt, ist ja bitte der reine Wahnsinn, und mich wundert es ja, dass diese Studentenproteste jetzt kommen. Früher hat man gesagt, man studiert fünf Jahre, um ganz einfach gebildet zu sein. Ich verstehe unter einem gebildeten Menschen jemanden, der unheimlich viel weiß, auch Dinge, die er in dem Sinne nicht zum Geldverdienen braucht. Dann ist man mit der Bologna-Sache gekommen und hat gesagt: "Aus, brauchen wir nicht - geht alles in drei Jahren. Wir schauen einfach, was man für einen bestimmten Beruf braucht" - wie bei Handwerkern. Durch Vereinheitlichung wird immer nach unten nivelliert, und das ist bei dem Bologna-Prozess ganz klar geschehen. Und ich finde es sehr gut, dass jetzt die Studenten - spät, aber doch - aufwachen und sagen: "Ja, hoppla, ist ja doch Wahnsinn, wo soll denn das hinführen?"

Standard:  Das heißt, sie haben Ihre Unterstützung?

Smole: Ja. Denn ich war zweimal unheimlich stolz in meinem Leben, ein Österreicher zu sein. Das eine Mal, als Österreich gesagt hat: "Wir haben zwar ein fertiges Atomkraftwerk, aber wir nehmen es nicht in Betrieb." Und das zweite Mal jetzt, wo die Studenten auf die Barrikaden steigen. Wobei ich es so erbärmlich finde, dass die Hochschulen in Österreich diese neue Studienordnung mehr oder weniger widerspruchslos akzeptiert haben. Aber das war auch typisch österreichisch: Die Österreicher wollen in der EU immer Musterschüler sein. So ist Österreich auch in diesen Bologna-Prozess hineingeplumpst. Und es ist kein Zufall, dass gerade die Kunstakademien die Ersten waren, die jetzt gesagt haben: "Nein, wir verweigern uns, wir tun da nicht mit."

Standard:  Welchen Punkt im Bologna-Protokoll können Sie am wenigsten nachvollziehen?

Smole: Anfang November gab es einen interessanten Kommentar der anderen im Standard, wo ganz richtig geschrieben wurde, dass sich die Unis früher dadurch ausgezeichnet haben, dass Lehre und Forschung unter einem Dach waren. Man kann ja das wissenschaftliche Arbeiten nur lehren, wenn man es selber tut. Jetzt kommt es immer mehr zu einer strikten Trennung zwischen forschenden und lehrenden Wissenschaftern. Das finde ich deswegen so unvorstellbar blödsinnig und schwachsinnig, weil wir in der gesamten Bildungslandschaft seit dem Zweiten Weltkrieg eine immer stärkere Spezialisierung gehabt haben, von der man seit zehn Jahren weiß, dass sie schlecht ist. Trotzdem hat man im Zuge von Bologna diese Spezialisierung weitergetrieben. Das kommt nur bei den Studenten nicht so klar durch, weil es nicht richtig formuliert wird. Genau das ist eigentlich das Schlimme. (Bath-Sahaw Baranow, DER STANDARD, Printausgabe, 9.12.2009)

ZUR PERSON:

 Ernst Smole, geb. 1952, leitet seit 1967 die Johannes-Brahms-Musikschule Mürzzuschlag.

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13 Postings
665
09.12.2009 11:49
geiz ist geil

Die aktuelle Fragestellung scheint zu sein: 'Wie kann der Staat mit möglichst geringen Kosten Uni -Absolventen produzieren lassen, die gerade noch vom Arbeitsmarkt als solche akzeptiert werden.' Das ist eine vollkommen andere politische Zielsetzung als wir sie kennen. Da geht es nicht um Bildung von Potential für Spitzenleistungen oder auch nur von Innovationen. Da geht es auch nicht um die Überlegung, dass Bildungsangebot ein Produkt sein könnte, dass unsere Bildungsindustrie in Europa positioniert, sondern es geht nur um Kostensparen, koste es was es wolle.

i_2_c
09.12.2009 10:02
Ernst Smole, geb. 1952, leitet seit 1967 die Johannes-Brahms-Musikschule Mürzzuschlag.

Wow, bereits mit 15 Jahren... ein zweiter Mozart ;)

molekühl
09.12.2009 10:00

Es ist ziemlich naiv, das erbärmliche Bildungsniveau (einmal abgesehen vom entsprechenden kulturellen, sozialen und moralischen Niveau) der Nachwuchsakademiker auf die Struktur des universitären Lehrbetriebes zu schieben. Als Grundlage schadet die Matura sicher nicht, aber für den Erwerb von (Allgemein-) Bildung ist man später als Erwachsener in erster Linie selbst verantwortlich; und diese Bildung eignet man sich auch nicht in ein paar Jahren an der Uni an, am besten auf dem Tablett serviert, sondern in einem Prozess lebenslangen, von Wissensdurst getriebenen Lernens.
Die Zeiten, in denen Wissen nur über (wortwörtlich) Vorlesungen aus unerschwinglichen Büchern zugänglich waren, sind gottseidank vorbei.

schweinebucht
11.12.2009 15:28
selbstverständlich

zieht sich das als "system" durch alle teilbereiche der gesellschaft! (Nicht nur des bildungsbereichs!)

HarrySa
09.12.2009 09:32
Zum Thema Bildung ...

gibt es einen guten Beitrag von Christoph Chorherr auf youtube. "Was ist ein gebildeter Mensch" Anschauen. Interessant.
http://www.youtube.com/watch?v=2Sds_8gk4xg

her wig
09.12.2009 09:18

Gibt es eigentlich Forschungsergebnisse zur Ökonomie des Einsparens? Ich meine, wenn man "Zeit spart" - ein limitiertes Zeitfester vorgibt, was aus Management-Gründen gefordert ist - dann würde ich ad-hoc sagen dass man das zu weit wählen kann und es werden tatsächlich Ressourcen verschwendet, oder zu eng und die Sache (hier, die Bildung) wird so sehr beschränkt dass erst recht Ressourcen verschwendet werden. So wie ein Kind das aus Mangelernährung stirbt einen Totalverlust darstellt, um ein sehr drastisches Beispiel zu geben.

Radio Eriwan
09.12.2009 08:26
Pech!

Im Standard kommt jetzt gleich wieder der mit seiner Studienplatzfinanzierung nach amerikanischem Vorbild.

Erwin Wolfram
09.12.2009 02:59

es ist offener betrug von spezialisierung zu sprechen, wo korrupt und voellig beliebig ueber qualifikationszuerkennung so wie bei uns entschieden wird. man sieht dies am besten, wenn man migrantenlaufbahnen verfolgt, die bereits eine spezialausbildung haben und spezialisten in bezug auf den herkunftskulturkreis sind und auf einen sprachkurs und matura nachmachen reduziert werden. wir benehmen uns so nicht, die vertreter der unis und bildungseinrichtungen und der gesetzgeber schon. das ekelt mich.

Peter Widzky
08.12.2009 20:36
Spezialisierung ist eine Sache für Ameisen -

Robert A. Heinlein

danyvet
08.12.2009 19:28

"Ich verstehe unter einem gebildeten Menschen jemanden, der unheimlich viel weiß, auch Dinge, die er in dem Sinne nicht zum Geldverdienen braucht."
Spezialisierung ist...blödsinnig, schwachsinn...
danke für diese wohltuenden Worte, Herr Smole!!!!!

27
08.12.2009 22:37

gerade diese Gleichsetzung (Wissen = Bildung) ist so falsch. Studieren soll nicht Ausbildung sein, aber man kann Bildung auch nicht an ein Institut (Uni) abtreten, weil es etwas persönliches ist.

Ich finde, diese Auffassung von Bildung (die viele Studenten teilen) ist äußerst primitiv.

Unser Wissen wird immer komplexer, Universalgenies gibt es schon lange nicht mehr, daher ist Spezialisierung wichtig - oder wollen wir lauter Halbwissende?

Entropix
10.12.2009 12:56
sie haben absolut recht!

Bildung ist etwas anderes wie Ausbildung. Der Stellenwert der Bildung unterliegt der persönlichen Werteskala, die zugemessene Priorität ebenfalls. Insofern kann es keinen "Mangel an Zeit" oder "Mangel an Gelegenheit" für Bildung geben. Wenn ich will, dann kann ich.

Ligationsmix
08.12.2009 23:47

Ich denke nicht, dass Sie verstanden haben welche Auffassung die Studenten von Bildung besitzen.

Gerade diese Studenten vertreten ja die Position, dass diese Bildung ihre höchst Eigene ist. Es fehlt nur der Platz und die Zeit sich diese zu erwerben. Vorallem geht es auch darum über ein Fachgebiet hinaus zu blicken und sich Zusammenhänge klar zu machen. Dies funktioniert jedoch nicht mit rigiden verschulten Plänen, besonders dann nicht wenn die eigenen Mittel begrenzt sind.

Spezialisierung ist wichtig, ja aber was wenn sich der eine Spezialist mit dem anderen nicht mehr unterhalten kann?

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