Herta Müllers Nobelpreiszeremonie

10. Dezember 2009, 17:36
1 Posting

Jurysprecher Olsson: "Ihr Werk ist ein Kampf, der weitergeht und weitergehen muss, eine Form des unwiderruflichen Gegen-Exils"

Stockholm -  Die deutsch-rumänische Schriftstellerin Herta Müller (56) hat am Donnerstag im Stockholmer Konzerthaus aus der Hand von Schwedens König Carl XVI. Gustaf den  Literaturnobelpreis für in Empfang genommen. Zusammen mit Müller bekamen weitere elf Nobelpreisträger für Medizin, Physik, Chemie und Wirtschaftswissenschaft ihre Auszeichnungen. US-Präsident Obama hatte  wenige Stunden zuvor in Oslo den Friedensnobelpreis in Empfang genommen.

Bei der Zeremonie hob der Sprecher der Jury, Anders Olsson, die Konsequenz heraus, mit der sich die seit 1987 in Berlin lebende Autorin gegen die Unterdrückung in der kommunistischen Diktatur ihres Geburtslandes Rumänien gewehrt hat: "Sie haben großen Mut gehabt und provinzieller Unterdrückung und politischem Terror kompromisslos Widerstand geleistet." Müller bekomme den Nobelpreis "für den künstlerischen Gehalt dieses Widerstands", sagte der Vertreter der Schwedischen Akademie. "In ihrer Prosa findet sich eine sprachliche Energie, die uns von Beginn an mit einbezieht. Es steht etwas auf dem Spiel, bei dem es um Leben und Tod geht."

In ihrer Nobelvorlesung Anfang der Woche hatte die Preisträgerin davon berichtet, wie sie Anwerbungsversuchen des rumänischen Geheimdienstes Securitate widerstanden hatte und danach erbarmungslos isoliert wurde. In ihrem jüngsten Roman "Atemschaukel" verarbeitet Müller die Erfahrungen ihres 2006 gestorbenen Landsmannes und Schriftstellerkollegen Oskar Pastior als hungernder Deportierter im Gulag der Stalin-Ära. Dieses Werk sei geprägt von "unendlicher Einfühlung und dem unsentimentalem Blick" der Preisträgerin, sagte Olsson.

Olssons Laudatio in Auszügen und Übersetzung

"Es gibt Literatur, die ihre tieferen Qualitäten erst langsam, Schritt für Schritt offenbart. Und dann gibt es Literatur, die den Leser sofort direkt anspricht und fesselt. Herta Müllers Werk gehört zu letzterer. In ihrer Prosa findet sich eine sprachliche Energie, die uns von Beginn an mit einbezieht. Es steht etwas auf dem Spiel, bei dem es um Leben und Tod geht. Wir spüren das schon an der Temperatur, dem kurzen Atmen, dem markanten Detail, an allem, das angedeutet wird, aber ungesagt bleiben muss. Diese Energie kommt aus der Weigerung, das zu akzeptieren, was ist. Herta Müller wählt den Widerstand als Methode, dabei dem österreichischen Autor Thomas Bernhard eng verwandt. Aber ihr Werk wurzelt stärker als Bernhards im Selbsterlebten. (...)

In Herta Müllers Prosa gibt es keine epische Linie, keinen Handlungsverlauf von Anfang bis Ende. Wenn die Welt zweideutig und undurchschaubar ist, muss die Literatur dem entsprechen und ein trügerisches Ganzheitsbild von ihr geben. Herta Müller hat gesagt, dass nur die erfundene Überraschung uns der Wirklichkeit nahekommen lässt. (...)

Mit unendlichem Einfühlungsvermögen und unsentimentalem Blick setzt sie ihr Gegen-Exil in dem großen Roman "Atemschaukel" (2009) fort, in dem es um die Deportation der Deutsch-Rumänen ab 1945 mit ihrer Zwangsarbeit in der damaligen Sowjetunion geht. (...)

Auch hier gelingt es ihr, in stärkerer Abhängigkeit von dokumentarischem Material als vorher, die Anschaulichkeit der Prosa mit der Schockwirkung des poetischen Bildes zu vereinen.

(Olsson schloss seinen schwedischen Vortrag in deutscher Sprache ab und wandte sich direkt an die Preisträgerin.)
Liebe Herta Müller. Sie haben großen Mut gehabt und provinzieller Unterdrückung und politischem Terror kompromisslos Widerstand geleistet. Es ist der künstlerische Gehalt dieses Widerstands, für den Sie diesen Preis verdienen. Ihr Werk ist ein Kampf, der weitergeht und weitergehen muss, eine Form des unwiderruflichen Gegen-Exils. Und obwohl Sie gesagt haben, dass Sie das Schreiben vom Schweigen und Verschweigen gelernt haben, haben Sie uns Wörter gegeben, die uns unmittelbar und tief ergreifen - mit dem Schweigen, über dem Schweigen. Ich möchte die wärmsten Glückwünsche der Schwedischen Akademie aussprechen, wenn ich Sie jetzt auffordere, den Nobelpreis für Literatur aus der Hand Seiner Majestät des Königs entgegenzunehmen." (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

     Herta Müller zwischen Jack W. Szostak (Medizin) und  Elinor Ostrom (Wirtschaftswissenschaften)

Share if you care.