Großanschlag in Bagdad nach Durchbruch bei Wahlgesetz

9. Dezember 2009, 12:23

Mehr als hundert Tote bei Bombenserie – Parlamentswahlen für 6. März fixiert - mit Video

Bagdad - Einen Tag nach der Anschlagsserie in Bagdad haben überall im Land strenge Sicherheitsvorkehrungen geherrscht. Dennoch kam es am Mittwochvormittag zu zwei neuen Attentaten in der irakischen Hauptstadt, bei denen mindestens vier Menschen ums Leben kamen. Der eine Sprengsatz war nach Polizeiangaben in einem Mistkübel im sunnitischen Stadtteil Azamiyah versteckt und explodierte, als dort Straßenreiniger unterwegs waren. Zwei Straßenkehrer wurden getötet und drei Passanten verletzt.

Ein weiterer Sprengsatz brachte einen Minibus zur Explosion. Hier wurden ebenfalls zwei Menschen getötet, elf weitere erlitten Verletzungen. Die Zahl der Todesopfer bei den Anschlägen auf Ministerien und Behörden stieg unterdessen auf mindestens 127. Das Parlament lud zwei ranghohe Sicherheitsbeamte zu einer Sondersitzung am (morgigen) Donnerstag vor, um sie zu befragen, warum die Sicherheitsvorkehrungen derartig versagt hätten.

Mindestens 127 Tote

Bei der Anschlagsserie am Dienstag in Bagdad sind mindestens 127 Menschen ums Leben gekommen und mehr als 400 weitere verletzt worden. Vor Regierungseinrichtungen in mehreren Vierteln der Hauptstadt gingen am Dienstag im Abstand weniger Minuten fünf Autobomben in die Luft, wie ein Vertreter des Innenministeriums sagte. An verschiedenen Stellen der irakischen Hauptstadt explodierten kurz hintereinander vier Bomben. Die Nachrichtenagentur Al-Yaqen meldete auch einen Angriff mit Katjuscha-Raketen auf die scharf bewachte "Grüne Zone" im Zentrum von Bagdad. Dort befinden sich unter anderem Regierung und Parlament sowie die US-Botschaft.

Wie bereits bei Anschlagsserien im August und im Oktober standen Ministerien und öffentliche Gebäude im Visier. Drei Sprengsätze detonierten in der Nähe des Innenministeriums, des Arbeitsministeriums, vor einem Kunstinstitut und unweit eines Gerichtsgebäudes. Im Kinderkulturhaus von Bagdad, das neben dem Kunstinstitut liegt, wurden zahlreiche Kinder von Glassplittern getroffen. Gleichzeitig riss in dem südlichen Vorort Al-Doura ein Selbstmordattentäter mehrere Polizisten mit in den Tod.

Wahlvorbereitungen

Ungeachtet des Bombenterrors traf der sunnitische Vizepräsident Tarik al-Hashimi mit Vertretern der unabhängigen Wahlkommission zusammen, um Vorbereitungen für die Parlamentswahlen zu treffen. Die ursprünglich für Jänner geplant gewesene Wahl war verschoben worden, weil Hashemi gegen die ersten zwei Versionen des Gesetzes, das den Urnengang regeln soll, sein Veto eingelegt hatte. Erst in der Nacht auf Montag wurde schließlich eine Kompromisslösung gefunden, die alle Parteien mehr oder weniger zufriedenstellt.

Als neuer Wahltermin wurde am Dienstag der 6. März bekanntgegeben, darauf hatte sich die Präsidentschaft, bestehend aus Präsident Jalal Talabani und den Vizepräsidenten Tarik al-Hasimi und Adel Abdul Mahdi, geeinigt.

Nur kurz vor einer Deadline, die Hashimi gesetzt hatte - danach hätte er wieder offiziell sein Veto eingelegt -, hatte das irakische Parlament in der Nacht auf Montag ein Wahlgesetz verabschiedet, das alle Parteien zufriedenstellt. Hashimi hatte bereits gegen die erste Version des Gesetzes ein Veto eingelegt: Das Parlament hatte seinen Einwänden jedoch nicht entsprochen, sondern das Gesetz wieder an die Präsidentschaft zurückgeschickt, in einer Version, die die arabischen Sunniten, deren Repräsentant Hashimi ist, weiter benachteiligte.

In der jetzigen Version wird diese Benachteiligung wieder aufgehoben. Gemäß Hashimis Wunsch liegen jetzt dem Wahlgesetz Wählerstatistiken von 2009 zugrunde (die zweite Version bezog sich auf 2005, was unter Umständen vom Verfassungsgericht angefochten werden hätte können). Die Flüchtlinge außerhalb des Irak können ihre Stimme für den Wahlkreis, aus dem sie stammen, abgeben. Die Anzahl der Parlamentssitze für die kurdischen Provinzen wurde erhöht. Der Präsident der Kurdischen Regionalregierung in Erbil, Massud Barzani, hatte mit Boykott gedroht. Irakische Kommentatoren bezeichneten die Kurden als eigentliche Gewinner des Streits um das Wahlgesetz. Der Präsidialrat legte unterdessen den Termin für die Parlamentswahl auf den 6. März 2010 fest.

Al Kaida verantwortlich gemacht

"Was für ein Verbrechen haben wir begangen? Frauen und Kinder sind unter den Trümmern begraben. Warum haben sie (die irakischen Streitkräfte) diese Autobombe durchgelassen?" schrie Ahmed Jabbar beim Gang durch die Trümmer in der Nähe des neuen Finanzministeriums. Die Rettungskräfte versuchten auch mit Kränen, die Trümmer beiseite zu heben, um nach Überlebenden suchen zu können. Dutzende Fahrzeuge gerieten durch die Explosion in Brand.

Zu den Anschlägen bekannte sich zunächst niemand. Sie erinnerten jedoch im Ablauf an einen Doppelanschlag in Bagdad Ende Oktober mit mehr als 150 Toten, zu dem sich der irakische Arm des Terrornetzwerks Al Kaida bekannt hatte. Der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki sagte, die Anschläge trügen die Handschrift von Al Kaida und den Anhängern des gestürzten Machthabers Saddam Hussein. "Die Feinde des Irak wollen das Land ins Chaos stürzen und die Wahlen stören." Maliki und mehrere seiner Minister sowie die Chefs der Sicherheitskräfte wurden für Donnerstag zu einer Befragung über die Sicherheitslage ins Parlament bestellt.

Reaktionen

Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle zeigte sich bestürzt über die neuen Anschläge. "Ich verurteile diese menschenverachtenden Anschläge auf das Schärfste", erklärte er in Berlin. In Washington verurteilte das Weiße Haus die Gewalt. Verantwortlich seien diejenigen, die sich nach der Verabschiedung eines Wahlgesetzes von dem demokratischen Prozess im Irak bedroht fühlten, sagte Regierungssprecher Robert Gibbs. Auch die syrische Regierung wandte sich "entschieden gegen die terroristischen Bombenanschläge". Die Beziehungen zwischen Syrien und dem Nachbarland Irak sind zunehmend gespannt, da die Regierung in Bagdad Damaskus vorgeworfen hat, Führungsmitgliedern der ehemaligen Baath-Partei von Saddam Hussein Unterschlupf zu gewähren.

Weltsicherheitsrat verurteilt Anschläge

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat die Bombenanschläge"auf das Schärfste" verurteilt. Die Täter und Unterstützer müssten vor Gericht gebracht werden, forderte der Rat, dem derzeit auch Österreich angehört, am Dienstag in New York. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon sprach von einer abscheulichen Bluttat. Die Zahl der Todesopfer bei den Anschlägen auf Ministerien und Behörden stieg unterdessen auf mindestens 127.

 (Reuters, guha/DER STANDARD, Printausgabe, 9.12.2009)

Kommentar posten
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isidor vom billa
64
9.12.2009, 09:57
Nuri al-Maliki sagte:

"Die Feinde des Irak wollen das Land ins Chaos stürzen ..."
Die Feinde des Irak, denen er sein Amt vredankt, HABEN den Irak ins Chaos gestürzt!

Bürger Europas
21
9.12.2009, 15:05

Verschieben Sie nicht die Verantwortlichkeiten! Wer mordet, ist ein Mörder!

Der Fingerzeig auf andere Taten ändert nichts an der Schuld dessen, der die Bombe legt!

Simplicius Simplicissimus
105
9.12.2009, 09:45
Verantwortlich sind diejenigen, ...

... die den Irak rechtswidrig angriffen. Es gibt nur diese Ursache. Alles weitere ist Folge davon.

insertnamehere
 
03
10.12.2009, 02:55
Und wenn wer besoffen auf einem Zebratreifen einen Passanten niedermäht, ist das die Schuld von:

1.) den Sumerern, die das Bier erfunden haben.
2.) Nicolas August Otto, der den Verbrennungsmotor erfand.
3.) den Römern, die den Fußgängerübergang erfunden haben.

Alles weitere war nur Folge davon und keiner kann dafür verantwortlich gemacht werden.

Girgl Galgenstein
24
9.12.2009, 10:20
Ihr Nickname scheint für Sie Programm

so einfach ist die Sache nicht. Der Irak war eine blutige Diktatur, die man solange gewähren ließ als sie keine unmittelbare Bedrohung für ihre Nachbarn darstellte. Ob das gut war, sei dahingestellt.
Jetzt hat das Volk die Möglichkeit in demokratischen Wahlen seine Volksvertreter selbst zu wählen und Sie schreien: vorher war alles besser. Was war besser? Dass etliche Gruppen im Irak gegen eine Regierung sind die durch das Volk gewählt wird verwundert nicht. Die sehen sich in der Tradition des Diktators und jeder will da für sich die ganze Macht im Land und wenn das Volk dagegen ist, dann wird es eben malträtiert. Man mordet, was das Zeug hält. Aber ein Argument gegen die Demokratie ist das sicherlich nicht.

Simplicius Simplicissimus
21
9.12.2009, 13:18
Die Gewalttaten ...

... alleine der USA übertreffen inzwischen die Saddams bei weitem. Und: wer sagt, Vergleiche wären ohne Sinn? Im Übrigen sollen die Anschläge allesamt gründlichst untersucht werden, es ist meist nicht überall "al kaida" 'drin, wo's draufsteht.

Ha Ko
00
9.12.2009, 16:48

wo Reuter/APA “al kaida” draufschreibt.

Bürger Europas
11
9.12.2009, 15:07

Halten Sie die Morde für gerechtfertigt?

Leute wie SIE sind es, die den Mördern im Irak die moralische Grundlage schaffen!

Herzerzog Johann
01
9.12.2009, 10:05
Irgendwie witzig ...

Irgend jemand greift an, und die Angegriffenen jagen sich dafür gegenseitig in die Luft. Krank!
Die haben zu oft Monty Python’s Life of Brian gesehen. Wie war das dort mit dem Selbstmordkommando ... ?

Der Alte vom Berge
04
9.12.2009, 07:38
Die Bereitschaft...

...der Schiiten im Quietismus zu Verharren ist enden Wollend, ihr Interesse kann allerdings eine Verzögerung des Abzugs der Besatzer nicht Sein.

All Jenen Staaten im Mittleren Osten voran welche durch das Scheitern Washingtons im Irak in ihrer Substanz bedroht werden findet sich Saudiarabien welches über als hervorragend zu Bezeichnende Verbindungen zu Al Quaida verfügt, ist es doch Financier dieser Kräftegruppe.

Saudiarabien, Jordanien und Ägypten befinden sich in der Krise.

Der Abzug Americas wird nicht alle drei einem Zerfallsprozess Unterwerfen, doch diesen zumindest Beschleunigen. Zwei dieser Gebilde sind nach Letzterem mehr als Gefährdet durch innere Instabilität zu Zerbrechen.


"Broader Middle East" ist Gescheitert. ^^

Der Alte vom Berge
14
9.12.2009, 07:45
Zertrümmerung...

...und nachhaltige Destabilisierung arabischer Staaten ist tatsächliche Zielsetzung einer geostrategischen Konzeption.

Die Behauptung Demokratie zu Verbreiten das Plebejeropfer, Placebo für die Bevölkerung.

Die Welt ist in den Händen von Bestien.

--

Herzerzog Johann
14
9.12.2009, 09:59
Zielsetzung einer geostrategischen Konzeption ...

Die (nicht nur) arabischen Staaten destabilisieren sich selber, oder besser, die haben sich nie stabilisiert. Würden sie ihren Unfug nicht missionarisch weiterverbreiten könnte es uns völlig egal sein, wer dort wen und warum in die Luft jagt.

Raptor Jesus
20
9.12.2009, 06:30
Das ist der Geruch schlechter Verlierer!

*esofan*
22
8.12.2009, 16:20

manchmal kommt mir schon vor, für die ist das nur ein spiel, wie selbstverständlich die leute umbringen. wann hören diese kranken endlich auf? lasst euch therapieren!

meta_meta
513
8.12.2009, 13:29
Wo ist die Fatwa?

Ihr gemäßigten Moslems, kommt endlich in die Gänge, wenn ihr nicht verwechstelt werden wollt.

Sternchen100
32
9.12.2009, 09:24

Wie üblich gibt es zu Mord und Totschlag vom ach so friedlichen Islam keinen Pieps. Aber sich über das Minerettverbot auslassen und mit Terror drohen, das können sie.

Bürger Europas
00
9.12.2009, 15:09

Sie neigen ein wenig zu Verallgemeinerungen...

capkin
02
9.12.2009, 00:04
hat doch nichts mit islam zu tun

im irak geht es um handfeste interressen, der islam spielte im irak noch nie eine rolle. die iraker wissen gar nicht was eine fatwa ist, genau wie viele christen in deutschland nicht wissen, warum ostern diesen termin hat.

meta_meta
01
9.12.2009, 09:12

Eben weil es nichts mit dem Isalm zu tun hat, müssen sich Moslems von Verbrechern, die ihre Taten mit der Religion rechtfertigen, distanzieren.

Orakel1
37
8.12.2009, 12:52
Wer zahlt denn deren Familien Schadensersatz?

Sie solltn doch den Anwalt einschalten, der von den Deutschen Schadensersatz will, für die Toten bei den Tanklastzügen.

locken
1911
8.12.2009, 11:06
So ist der Islam Bomben auf Kinder eine feine Religion !!

Joe Dalton
14
8.12.2009, 22:05

Kann mich an die amerikanische Invasion des Irak erinnern. Dabei wurden Streubomben eingesetzt. Zehntausende kamen ums Leben. Das war genausowenig christlich wie die heutigen Bomben moslemisch waren.

halvar van flake
00
9.12.2009, 14:25
danke!

slartibartfaß der Umwandler
27
8.12.2009, 20:00

so sind die christen: bomben auf kinder. bomben auf hochzeiten. bomben auf christen. bomben auf moslems.

Sternchen100
22
9.12.2009, 09:27

Du verwechselst da etwas: die irren Moslems werfen da die Bomben, auf unschuldige andere Moslems. Frauen und Kinder. Die glauben, sie kommen durch hinterhältigen Mord ins Paradies.

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