Jüdische Migration ist kein Sonderfall

9. Dezember 2009, 12:54
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Symposium in Wien beleuchtet Integration jüdischer Auswanderer im Kontext der allgemeinen Migrationsforschung

Jüdische Migration ist kein Sonderfall, meint Ingo Haar, und setzt sie daher mit gutem Grund beim von ihm organisierten Symposium in den Kontext der allgemeinen Migrationsforschung. Bei der Veranstaltung vom 10. bis 13. Dezember in Wien soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit jüdische ImmigrantInnen in Europas Metropolen bis zum Beginn des 20. Jahrhundert ein neues Zuhause fanden - ob sie integriert oder ausgeschlossen wurden. Der Fokus des Symposiums mit über 30 renommierten MigrationsforscherInnen aus den USA, Israel und Europa liegt darauf, die jüdische Integration im europäischen Vergleich zu untersuchen.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts, verstärkt aber seit 1880/90 wanderten mehrere Millionen Juden und Jüdinnen u. a. aufgrund von Pogromen aus dem damals geteilten Polen, aus Rumänien und Russland ins westlichere Europa. Manche machten hier auch Zwischenstation auf dem Weg nach Nord- und Südamerika. Die überwiegende Mehrheit der jüdischen MigrantInnen ließ sich - wie andere MigrantInnengruppen auch - in Städten nieder.

Wie sich die jüdischen ImmigrantInnen zur damaligen Zeit - noch vor dem Aufkommen des Nationalsozialismus - in die städtischen Gesellschaften integrieren konnten, beleuchtet das Symposium unter dem Titel "Jewish Migration to the Metropolises of Europe, 1848-1918: A Comparative Perspective". Dieses setzt die jüdische Migration ganz bewusst in den Kontext der allgemeinen Migrationsforschung, um Ausschließungs- und Einschließungsformen in "modernen Gesellschaften" gegenüber den jüdischen Zuwanderern und Zuwanderinnen aufzuzeigen.

Zwei Perspektiven

"Bisher wurde die jüdische Migrationsgeschichte häufig aus zwei Perspektiven erzählt: Eine Position geht davon aus, dass Juden bereits im 19. Jahrhundert Opfer von Antisemitismus und eines darauf beruhenden Ausschlussprozesses waren; ein anderes Modell geht von einer erfolgreichen Integration zu dieser Zeit aufgrund starker Anpassungen an die christlich-katholische Mehrheitsgesellschaft aus", so der Symposiumsorganisator Haar vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien.

"Eine solche Darstellung greift jedoch zu kurz. Denn Wechselwirkungen zwischen diesen beiden Modellen - die durchaus nebeneinander existiert haben können - werden nicht sichtbar und Entwicklungen, die der allgemeinen Migrationsforschung bekannt sind, wie z. B. Desintegration, Exklusion oder Segregation, blieben bislang unberücksichtigt. Die komplexe Realität von verschachtelten und gleichzeitig existierenden Einschluss- und Ausschlussmechanismen wird nicht widergespiegelt. Diese Forschungslücke werden wir jetzt mit dem Symposium schließen."

"Parallele Gesellschaften"?

Die Beiträge von über 30 renommierten MigrationsforscherInnen aus den USA, Israel und Europa beleuchten dabei die Integration jüdischer ImmigrantInnen in verschiedenen europäischen Metropolen, um diese einem Vergleich zuzuführen. Folgende Fragen stehen dabei u. a. im Fokus: Wie wirkten sich damals herausbildende Nationsverständnisse auf die jüdische Integration aus, wie funktionierte die jüdische Selbstorganisation oder gab es "parallele Gesellschaften" und vom wem wurden sie wie konstituiert? (red)

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