Rückblick

Die "symbolische Besetzung" ohne Ende

Michael Kremmel, Marijana Miljkovic, 10. Dezember 2009, 07:10
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    foto: derstandard.at/pumberger

    Die Rufe die Besetzungen zu beenden werden lauter, die wenigen verbleibenden Studenten wollen aber nicht aufgeben.

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    Immer weniger Studenten verirren sich ins Audimax.

Fünfzig Tage Uni-Besetzungen und kaum Resultate - Die Bewegung ist geschwächt, der Ruf nach dem Ende wird lauter - Ein Lokalaugenschein mit Rückblick auf das Ende vergangener Proteste

"Wir brauchen kein Ausstiegsszenario", sagt ein Besetzer. Er steht hinter der Budel in der Volksküche im Audimax. Viel ist hier vormittags nicht los - das Audimax ist noch dunkel, vereinzelt schlafen Menschen auf den Bänken. Studenten sieht man kaum. Es sind überwiegend Obdachlose, die den Hörsaal besetzt halten. Sechs Wochen sind ins Land gezogen. Das Audimax ist noch immer besetzt. Doch wie lange noch? Und: Welches Ausstiegsszenario wünschen sich die Studierenden?

Wenige Studenten im Audimax

Der Student, er nennt sich Simon, gibt zu: „Jetzt sind tagsüber weniger Studenten da. Das liegt vor allem daran, dass sie hier schwer arbeiten können." Sie arbeiten eben woanders und treffen sich im Audimax zu den Plena, argumentiert der Student. "Die Frage, ob und wenn wir aufgeben, stellt sich jetzt nicht."

Die fast nunmehr 50-tägige Besetzung des größten Hörsaals der Uni war nicht die einzige in der Geschichte der Studentenschaft: 1987, 1996 und 2001 gab es ebenfalls Besetzungen des Audimax. Vorher, nachher und dazwischen gab es weitere Aktionen, die "Tortung" des Uni-Wien-Rektors 2004 - während einer Veranstaltung drückte ein Student dem Rektor eine Torte ins Gesicht - ist wohl einer der jüngsten Höhepunkte.

Exekutiertes Ende

Die Besetzungen endeten entweder durch Polizeieinsätze, oder indem sich der Protest auflöste. Karl Stocker, Historiker an der Karl-Franzens-Universität in Graz erinnert sich an zahlreiche Hörsaalbesetzungen in den 70-er Jahren: "Die Hörsäle wurden immer von der Polizei geräumt". Von Erfolg waren die studentischen Aktionen nicht gekrönt - heute könnte das aber anders sein. "Heute gibt es auch ein koopreatives Vorgehen der Rektorate", sagt Stocker. Eine Räumung wünscht er sich nicht, eher gefällt ihm ein anderer Vorschlag der Studierenden: "Der Plan mit dem Parlament ist super."

Proteste dünnen aus

"Studentenbewegungen haben in dem Sinn nie wirklich geendet, mit einer großen Abschlusskundgebung oder ähnlichem. Die Proteste dünnen aus, es werden immer weniger. Genauso wie jetzt auch die Zahl der Studenten im Audimax kleiner wird, wenn die Proteste so lange dauern", sagt Karl Vocelka, Vorstand am Institut für Geschichte an der Uni Wien. Er hat sich in einem Buch mit den Folgen der Achtundsechziger-Bewegung auf Österreich auseinandergesetzt: "Die Studentenbewegung ist damals erfolgreich gescheitert. Kurzfristig war die Achtundsechziger-Bewegung überhaupt nicht erfolgreich, langfristig hat der Veränderungswille die Gesellschaft und die Universitäten aber maßgeblich geprägt." Nun stellt sich die Frage, wie die aktuellen Besetzungen enden.

Weihnachten im Audimax

Im Audimax-Besetzer-Büro, einem Raum neben dem Hörsaal, steht jedenfalls schon ein Christbaum, schräg in der Ecke, mit silbernem Lametta geschmückt.

Nur die Bewegung als ganzes könne das Ende der Besetzung beschließen, das sei aber noch nicht der Fall, sagt Jakob, der Presseanfragen beantwortet. Das Angebot von Rektor Winckler, das Audimax für Vorlesungen freizugeben und in Büros umzuziehen, konnte das Plenum noch gar nicht behandeln: "Er hat das Angebot an uns Studierende gar nicht gerichtet", sagt der Besetzer.

Jakob will von der Räumung des Audimax nichts wissen, genauso wenig wie der Student, der sich in der Zwischenzeit zu den Obdachlosen in den großen Hörsaal gesellt hat, eine Zeitschrift liest und die ältere Frau, die auf der Bühne Lyrik vorträgt, kaum beachtet. "Es verläuft sich irgendwie. Doch ich weiß leider auch nicht, wie man das ändern könnte. Die Anliegen sind noch immer wichtig", sagt er.

"Die Politik sitzt die Besetzung aus"

Welche Anliegen waren das schnell noch einmal? „Das Ende der Besetzung wäre gerechtfertigt, wenn den Unis genügend Geld zur Verfügung gestellt werden würde. In welchem Maß, weiß ich nicht genau, doch jetzt ist es zu wenig", sagt ein anderer, der seine Freizeit manchmal im Audimax verbringt.

Olga, die sich mit einer Kommilitonin unterhält, ist verärgert: „Die Politik sitzt die Besetzung jetzt nur aus." Ein ideales Ende der Besetzung wäre jenes, wenn die Politik wirklich Änderungen vornehmen würde. Sie kann sich auch vorstellen, den Hörsaal für Vorlesungen frei zu machen und - wie an manchen deutschen Unis - in der vorlesungsfreien Zeit zu besetzen. Ihre Kollegin Berit ergänzt: „Die Besetzung hat jetzt symbolischen Charakter. Der Protest geht an den Instituten und in den Arbeitsgruppen weiter."

Festgefahrene Situation

Auch Außenstehende machen sich Gedanken zur Situation. Der Blogger Niko Alm sieht die Studenten in einer festgefahrenen Situation: denn weder bewegt sich das Ministerium noch die Studenten. Also rät er den Besetzern, eine Party zu veranstalten, einen Forderungenkatalog abzugeben und nach einem halben Jahr die Uni notfalls nochmal zu besetzen.

Helmut Konrad, Zeithistoriker an der Uni Graz und aktiver Teilnehmer an den Protesten 1968, sieht trotz seiner Sympathien für die Proteste die Zeit für Ausstiegsszenarien ebenfalls gekommen. "Einen konkreten Handlungserfolg hat es früher nie gegeben nach dem Motto: Wir besetzen die Aula und fordern dieses und jenes und werden nicht gehen bevor das erfüllt ist. Da ist die jetzige Bewegung erfolgreicher. Im Gegensatz zur heutigen Bewegung waren das aber auch oft nur Strohfeuer." Er sieht ein Problem für die jetzige Situation in der Strategie der Studenten, keine Gesichter und Namen in den Vordergrund zu rücken. "Das war die anfängliche Stärke des Protest. Längerfristig gesehen ist es aber immer nachteilig, da es so keine Verhandlungspartner gibt." (Michael Kremmel, Marijana Miljkovic, derStandard.at, 9. Dezember 2009)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 214
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meso kor
12
11.12.2009, 18:13
schlimm ...

dass immer wieder von "demokratiepolitischen Zielen" gesprochen wird uns allerdings manche Kräfte auf diesem Weg beinahe uns ins Altertum zurücksetzen;

ich sehe die protestierenden Studenten nicht als Studenten, die scheinbar nur spielen wollen ... sondern sich die Umstände gut genug überlegen und überlegt haben... schließlich kommen die Forderungen nicht von irgendwoher ...

ich wäre soweit, dass anstatt auf die bremse zu treten, demokratierechtlich auf dem Terrain der Bildung, diese auch den StudentInnen zu gewehren, somit bei Gesetzesentwürfen den StudentInnen Gehör zu schenken und ein bisschen;

meso kor
10
11.12.2009, 19:00
schlimm ...

ach ja und das was ich mit vielen anderen teile ...

Bildungsmöglichkeiten für sozial Schwache, die in meinen Augen einfach nicht gegeben sind ...

schlimm ...

das geht mich an ...

wir können nicht in eine gerechtere, vernünftigere und bessere Welt sehen, wenn andere ein ums andere Mal einen Schritt um den anderen zurücksetzen;

diese zerstören nicht nur das Leben der anderen, sondern auch sich selbst ... ach ja und unser Land haben sie nach bestem Wissen und Gewissen zu "führen" und repräsentieren;

ein schlimmes Zeugnis, das ich dem Hahn und der Fekter ausstelle;

meso kor
00
11.12.2009, 18:50
schlimm ...

hinzuzufügen - die StudentInnen wissen schon wo der Schuh drückt ...

somit auch der Dank und und meine Solidarität den kämpfenden StudentInnen ...

als auch der Dank an unsere Bildungsministerin, die uns ein weitaus besseres Licht bescherrt als manch anderer Minister und ununterbrochen für bessere "Verhältnisse" kämpft ...

demokratiepolitisch jedoch die Frage in den Raum zu stellen, dass wenn keine Einigung gelingt, manch ein Ressort einer der Oppositionsparteien zu überlassen ist;

meso kor
00
11.12.2009, 19:11
schlimm ...

demokratiepolitsch bei Uneinigung die Ressorts des Wissenschaftsministeriums, als auch das des Innenministerium ...

irgendwelche Belege müssten ja belegen, dass das Wissenschaftsressort peinlich geführt worden war;


meso kor
00
11.12.2009, 18:26
schlimm ... konnte meine Gedanken nicht ganz fertig artikulieren ...

... den StudentInnen bei Gesetzesentwürfen Gehör zu schenken, und natürlich schon ein wenig mehr Rechte einräumen, sie eben mitbestimmen lassen;

bei Alternativen Bildungsräumen und Bildungesmöglichkeiten, wenn davon die Rede ist, das Werkzeug den StudentInnen zu überlassen ... wenn von einem anderen und weiteren Schritt nach vorn die Rede ist ... so gesehen demokratiepolitisch ein Versagen und in puncto alternativen und fortschritt "Der richtige Schritt in die falsche Richtung"

und vielleicht auch da anzusetzen ... jüngeren SchülernInnen die Möglichkeiten zu bieten deren Bildungsangebot sich selbst zu Recht zu stellen ...

mitgestalten lassen, nicht diktieren ...

ich muss mein posting noch einmal ergänzen ...

mm-10-1
01
11.12.2009, 17:45
ein zeichen der unzufriedenheit

machts es fest in wahlen!

Ernesto Sun
 
05
11.12.2009, 10:00
Schon peinlich

Ich finde dieses Geiertum so peinigend wo sie sich nun, beim vermeindlichen Schwächer-Werden der Besetzung, genauer Befreiung, scharren und ihren Untergangs-Senf zum besten geben.

Ihr, die ihr an Kritik und Analyse über die verpassten Chancen doch soo viel wisst, ihr, IHR, wo sind Eure konstruktiven Vorschläge jetzt, wo waren sie am Höhepunkt der Bewegung???

Es gibt ein Wiki dass die Studis für Alle offen gemacht haben. Entweder ihr seit Gegner der freien Bildung dann ist Euer Gemäcker autentisch oder ihr seid lahm und zu spät und fehl am Platz. Helft doch mit!!!

Und: Es ist noch lange nicht am Ende! Es gibt Menschen die inhaltliche Arbeit machen, naja, Meckern fällt leichter auf.

potz
12
11.12.2009, 02:24

tja man muss leider sagen die besetzenden studis habens verschlafen, und nicht verstanden dass die zeit nicht auf ihrer seite sondern der der politiker ist, die nichts zahlen wollen.

am hoehepunkte haetten sie was rausschlagen koennen. jetzt wirds einfach im sand verlaufen.

bitte jetzt nicht mit den diskussionsrunden kommen. die haette man auch ohne besetzung machen koennen. dem hahn hat man zero herausgeschlagen. ausser ach ja: 160 mille fuer den ORF.

Ernesto Sun
 
17
10.12.2009, 23:50
Es geht ja um so viel mehr!

Grandios wie die Studenten das Aussitzen der weichen Politiker noch immer !!! durchestanden haben. Grandios wie diese steinherzigen Geld-Versprechen nicht ihr Ziel erreichen. Grandios wie die Obdachlosen durchgefüttert werden.

Danke Studenten!!!!

Macht nur weiter und so manches wird sich noch ergeben. Vielleicht erkennt man noch den Sinn des Protestes für Klimaschutz, Menschenrechte und Korrekturen wie Tobin-Steuer. Ich freu mich auf wahre Bewegung!!

Jeder Protest lebt von Widerstand. Trotz der Nichtigkeit und Schwäche der politischen Rektionen seit ihr noch da!! Stark!!

Captain Smoker
22
10.12.2009, 22:02
"Es sind überwiegend Obdachlose, die den Hörsaal besetzt halten."

Das sagt ja schon alles aus...

Peter Ebner1
01
11.12.2009, 00:36
Ja das ist das Bittere daran

jetzt wird natürlich das Übernachten der Obdachlosen zum grossen Slogan für die Gegner der Bewegung. Es ist schade dass sich die Studenten immer mehr verzetteln. Ich kann zwar die Vorgangsweise der Studeneten nicht 100%ig billigen, aber ich bin auch dafür wenn man Misstände aufzeigen möchte, das auch plakativ macht, sei es eben mit einer Besetzung. Leider schiessen sie sich jetzt aber selbst ins Knie, indem sie über viele ihrer Forderungen hinausgehen und das Audimax anfangen zu missbrauchen. Ich befürchte jetzt wird das ganze zu einem Justamentstandpunkt einiger ultraradikalen Berufsstudenten, nochmal schade....

luchmhor
41
10.12.2009, 21:27

Ah, jetzt ist endlich jemand mit dem Rotstift durchgegangen. Ziemlich peinlich.

Herzerzog Johann
46
10.12.2009, 19:45
15 Obdachlose und zwei Studenten ...

... das ist angewandtes Outsourcing!

Emil Sacklinger
 
02
11.12.2009, 09:52

... dabei war's am anfang genau umgekehrt!

schwadronowski
49
10.12.2009, 16:24
symbolische besetzung stimmt

der grossteil der besetzer besteht inzwischen aus obdachlosen.
studenten sind nur noch sporadisch anwesend

trotzdem wird die mehrheit der studenten, die offensichtlich nichts mit der besetzung am hut hat, am studium durch eine zwutschkikleine minderheit gehindert.

daher eine umgehende räumung des audimax veranlassen

TU Student
55
10.12.2009, 17:18

NIEMAND wird am Studieren gehindert. Es fallen keine einzige Lehrveranstaltung und keine einzige Prüfung aus!
Ist das wirklich so schwer zu verstehen? Wie oft war schon von der Anmietung externer Räume die Rede? :(

schwadronowski
34
10.12.2009, 20:02
vom 9. bezirk zur messe oder ins austria center zu fahren ist keine behinderung??

so realitätsfremd kann aber auch nur ein audimax besetzer sein.

viele studenten empfinden die besetzung als belästigung und ärgernis.

leider verhält sich die mehrheit zumeist ruhig und lässt sich von einer minderheit terrorisieren.

dies und jenes
00
13.12.2009, 14:06

Ich frag mich grad wie realtitätsnah Ihre Vorstellungen sind. Es wohnt doch nicht jeder im 9. und es hat nicht jeder täglich sowohl an der Uni als auch im Austria Center zu tun!

Killer Bunny
11
11.12.2009, 06:42

Gibt es keinen Schulbus? Oje, mut Du selbst den Fahrplan studieren. Und man bekommt nicht einmal einen Schein dafür.

TU Student
04
10.12.2009, 22:26

also eigentlich hätte schon mein nick den entscheidenden Hinweis geben können, dass ich kein Audimaxbesetzer bin.
Zweitens: Ja, es ist ein bisschen mehr Aufwand, wenn man sich in die U-Bahn setzen muss. Die Fahrt dauert aber dank der U2-Verlängerung nur 11 Minuten, und um zu meinem vorigen Post zurückzukommen: NIEMAND wird dadurch am Studieren GEHINDERT.

luchmhor
10
11.12.2009, 20:16

Wenn man einen Fahrschein hat ...
Und 11 Minuten sind reine Fahrzeit ohne Geh- und Wartezeiten.

SiSe
01
10.12.2009, 21:59

Oder die Mehrheit ist gar in der Minderheit...

luchmhor
10
10.12.2009, 20:51

Hab ich mir auch gedacht. Vor allem wenn man vorher oder nacher eine andere Lehrveranstaltung am Ring/Campus hat wirds nervig.

TrifterSepp
 
21
10.12.2009, 17:22

Es verursacht aber extra Kosten, sowohl bei den Unis, als auch bei den Studenten.

SiSe
25
10.12.2009, 16:54

Wieso geht eigentlich jeder davon aus, dass die schweigende Mehrheit der Studierenden nicht hinter den Protesten steht?

Es gab genügend Versuche die Besetzungen aufzuheben und alle scheiterten, da die Gegenfraktion zuwenig Leute hatte. Also ich bin der Meinung die Mehrheit der Studenten steht hinter uns.

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