ÄrztInnen oft erste und einzige AnsprechpartnerInnen

7. Dezember 2009, 13:25
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Vermehrt Schulungen in Gesundheitsberufen gefordert, um Spuren und Folgen von Gewalt an Frauen erkennen zu können

Wien - Eine von fünf Frauen wird laut Schätzungen zumindest einmal im Leben Opfer von Gewalt durch einen männlichen Verwandten, Freund oder Bekannten. Der Großteil der Frauen sucht nach einer Gewalterfahrung Hilfe bei ÄrztInnen und Pflegepersonal: Da das Sprechen über das Erlebte schwer fällt, bleiben Misshandlungen in vielen Fällen unentdeckt, erklärten OpfervertreterInnen bei einer Pressekonferenz am Montag in Wien. Sie forderten u. a. die Implementierung der Thematik in die Aus-, Fort- und Weiterbildung der Gesundheitsberufe sowie auch entsprechende Schulungen für RichterInnen.

ÄrztInnen einzigen AnsprechpartnerInnen

Laut Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF) sind ÄrztInnen oft die ersten und auch einzigen AnsprechpartnerInnen für von Gewalt betroffenen Frauen: Trotzdem seien sie kaum über das Problem informiert.

Bei der Gewaltausübung würden Kleinstverletzungen wie Abschürfungen z. B. durch das Zu-Boden-Drücken oder Mundschleimhauterosionen durch das Zuhalten des Mundes entstehen: Viele Mitarbeiter des Gesundheitswesens würden diese Kleinstverletzungen allerdings nicht erkennen bzw. nicht richtig deuten können, erklärte Andrea Berzlanovich vom Department für Gerichtliche Medizin der Medizinischen Universität Wien, die auch für eine standardisierte Untersuchung eintrat. Dazu gibt es in Wien, Niederösterreich und Burgenland spezielle Spurensicherungssets des Departments für Gerichtliche Medizin.

Schulungen für Gesundheitspersonal

"Wir haben alle miteinander nicht gewusst, dass das Gesundheitswesen eine so klare, zentrale Rolle (als Ansprechpartner für Betroffene, Anm.) spielt", meinte Anneliese Erdemgil-Brandstätter, Koordinatorin des niederösterreichischen Schulungsprojekts "Gewalt gegen Frauen - Die Bedeutung des Gesundheitswesens". Im Rahmen des Projekts wurden seit 2000 TeilnehmerInnen geschult, um u. a. Formen und Muster von Gewalt, Akut- und Langzeitfolgen zu erkennen, adäquate Interventionsschritte setzen und Kooperationsmöglichkeiten mit verschiedenen Einrichtungen nutzen zu können. Den Rückmeldungen zufolge seien die Schulungen eine große Hilfe gewesen.

Bundesweite Kampagne

Im Auftrag des Wirtschaftsministeriums wurde nun das Papier "Gesundheitliche Versorgung gewaltbetroffener Frauen - Ein Leitfaden für Krankenhaus und medizinische Praxis" im Auftrag gegeben - es soll im Gesundheitsbereich Informationen zur Befunderhebung, Dokumentation und Gesprächsführung mit Gewaltopfer geben. Auch wollen die neun heimischen Frauenorganisationen der Plattform gegen die Gewalt mit der Plakatkampagne "Gewalt gegen Frauen hat gesundheitliche Folgen. Wir schauen hin. Es gibt Hilfe" für für mehr Bewusstsein sorgen. Das Plakat soll noch vor Weihnachten bundesweit an Praxen, Spitäler und Ambulanzen verschickt werden. (APA)

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