"Gewalt und Mobbing im Spital nicht selten"

8. Dezember 2009, 08:20
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Die Feinheiten von Mobbing und Gewalt im Spitalsalltag - Die Ombudsfrau der Wiener Ärztekammer, Brigitte Schmidl-Mohl, über körperliche und psychische Übergriffe am Arbeitsplatz

Gewalt am Arbeitsplatz ist in Österreich laut Arbeiterkammer und Gewerkschaft ein Problem (derStandard.at berichtete): Eine Umfrage unter österreichischen Betriebsräten hat ergeben, dass bei mehr als einem Drittel Gewalt am Arbeitsplatz bereits einmal Thema war. Die Übergriffe gingen besonders häufig von Klienten, Kunden oder Patienten aus, aber auch von Arbeitskollegen oder Vorgesetzten. Die Ombudsfrau der Wiener Ärztekammer, Brigitte Schmidl-Mohl, sprach mit Marietta Türk über die Probleme am Arbeitsplatz Krankenhaus.

derStandard.at: Inwiefern haben Ärzte, Pfleger und Schwestern mit gewalttätigen Übergriffen von Patienten zu tun?

Schmidl-Mohl: Körperliche Übergriffe und Beschimpfungen von Patienten kommen nicht selten vor - das Pflegepersonal ist häufiger betroffen als Ärzte. Vor allem demente oder postoperativ verwirrte Patienten können aggressiv sein. Auch Alkohol- oder Psychiatriepatienten sind manchmal gewalttätig. Bei all diesen Patienten ist die Kontrolle nicht vorhanden. Ärzte und Pfleger wissen das, können aber nicht immer damit umgehen. Krankenschwestern sind auch mit verbaler sexueller Enthemmtheit und Entblößungen konfrontiert.

derStandard.at: Hängt es auch von der persönlichen Verfassung ab, ob medizinisches Personal mit solchen Übergriffen gut umgehen kann?

Schmidl-Mohl: Es hängt sehr stark von der privaten Situation ab, wie dünnhäutig man ist. Auch erfahrene Personen können Übergriffe persönlich nehmen. Die normalerweise distanzierte Haltung zu den Patienten schaukelt sich auf, wenn jemand zu schwach ist und das kann dann zum unüberwindlichen Problem werden. Normalerweise geht medizinisches Personal damit aber locker um - es weiß ja, dass es meist keine Absicht der Patienten ist.

derStandard.at: Lernen Ärzte und Pflegepersonal damit umzugehen?

Schmidl-Mohl: Ob der Bedarf an professioneller Hilfestellung gedeckt ist, ist zu bezweifeln. Oft kann das Team nicht mitbestimmen, wer die Supervision macht und wie sie abläuft - die Supervision wird dann oft mehr als Belastung als Hilfe erlebt.

derStandard.at: Wie kann sich medizinisches Personal vor körperlichen Übergriffen schützen?

Schmidl-Mohl: Sich zu schützen, ist schwierig, aber Ärzte sollten respektieren, dass Menschen Ich-Grenzen haben, Patienten nicht ohne Vorwarnung angreifen und deren Signale aufgreifen. Das ist in medizinischen Abteilungen problematischer als in psychiatrischen, weil dort Körpergrenzen für Untersuchungen überschritten werden müssen.

derStandard.at: Mobbing ist eine andere Form von Gewalt am Arbeitsplatz. Sie haben als Ombudsfrau mit Mobbingopfern aus dem Gesundheitsbereich zu tun. Unterscheiden sich Mobbingfälle im Krankenhaus von jenen in der Privatwirtschaft?

Schmidl-Mohl: Prinzipiell kommt Mobbing im Spital nicht selten vor. Die Hierarchie im Spital macht Probleme beim Lösen von Mobbing. Ein Mobbingopfer darf sich immer nur an den ihm direkt Vorgesetzten wenden, darf also keine Hierarchiestufe überspringen, wenn er mit jemandem darüber sprechen will. Der Dienstweg muss bei Beschwerden immer eingehalten werden.

Spitäler, wie andere NPOs auch, sitzen negative Medienberichte oft aus, es wird oft mit der Macht der Institution gespielt, denn meist erscheint ein einziger Artikel zu einem Fall und danach wird darüber nicht mehr berichtet. Wenn es nicht darum geht Gewinne zu machen, werden interne Probleme auch oft nicht gern wahrgenommen. Die Privatwirtschaft fürchtet die Presse mehr, ist eher bereit, etwas gegen Mobbing zu tun. Es gibt Manager Coachings und Opfer werden oft abgefunden. In Zeiten wo Mitarbeiter entlassen werden sollen, nutzt die Privatwirtschaft aber Mobbing allerdings auch für sich. Generell unterscheiden sich die Mobbingmechanismen im Krankenhaus aber nicht wesentlich von jenen in Schulen, Banken oder in der Privatwirtschaft generell.

derStandard.at: Wie reagieren Vorgesetzte, wenn Sie damit konfrontiert werden, dass einer ihrer Mitarbeiter gemobbt wird?

Schmidl-Mohl: Die primäre Reflexhaltung ist meistens das sei ein Hirngespinst des Opfers. Vorgesetzte wollen meist, dass die Kollegen einen Konflikt unter sich ausmachen. Am Anfang von Mobbing wird oft nicht erkannt, dass es sich um keinen Konflikt mehr handelt.

derStandard.at: Wann ist es kein Konflikt mehr sondern schon Mobbing?

Schmidl-Mohl: Bei Mobbing ist das Opfer immer total isoliert. Sobald alle gegen Einen stehen, ist das verdächtig. Chefs stellen sich aber oft auf die Seite der Gruppe.

Der Wiener Spruch, der aus Zeiten stammt, wo es den Begriff "Mobbing" noch gar nicht gegeben hat "Den schiaß ma auße" sagt im Grunde alles über die Situation aus: es ist die Deklaration von geplantem Mobbing.

derStandard.at: Was ist der Unterschied zu sexueller Belästigung am Arbeitsplatz?

Schmidl-Mohl: Zu 99 Prozent hat sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz nichts mit Mobbing zu tun. Sexuelle Belästigung hat mit Macht über das Opfer zu tun und der Täter hat im Gegensatz zum Mobbing kein Interesse daran, das Opfer los werden.

derStandard.at: Wie geht es den Mobbingopfern?

Schmidl-Mohl: Mobbing läuft im Spital - wie überall im öffentlichen Sektor - viel zerstörerischer als in der Privatwirtschaft, wo es relativ schnell vor sich geht: In der Privatwirtschaft können Betroffene relativ schnell und gut den Arbeitgeber wechseln, weil intern nichts weitergegeben wird. Im öffentlichen Sektor sind viele für einen bestimmten Posten pragmatisiert. Das Mobbingopfer muss ausharren, wenn es die Pragmatisierung nicht verlieren will.

Dazu kommt: Viele Mobbingopfer haben ein bestimmtes Muster, ein Teil ihres Ichs sagt "Ich will, dass mir Recht geschieht" und das kann zum Teufelskreis werden. Die Patienten gehen oft kaputt, auch wenn sie in Frühpension gehen. Sie sind nicht stabilisierbar, wenn man Mobbing nicht rechtzeitig abfängt.

derStandard.at: Was halten Sie von Unterbegriffen wie Quermobbing oder Bossing?

Schmidl-Mohl: Ich halte von diesen Unterscheidungen nichts, Mobbing ist Mobbing, egal von wem es ausgeht und in welche Richtung. Mobbing ist ein prozesshaftes Geschehen, in Laufe dessen eine Person zum Sündenbock wird - mit dem Ziel, sie zu entfernen.

Ich hatte schon den Fall, dass sich Schwestern gegen eine Stationsärztin gestellt haben. Das ist eine schwierige Situation aufgrund der verschiedenen Hierarchieebenen. Solche Fälle haben oft seriellen Charakter, wenn der Vorgesetzte Mobbing geschehen lässt: es war schon die dritte Ärztin, die auf dieser Station hinausgemobbt wurde.

derStandard.at: Was machen Sie als Ombudsfrau in dieser Situation?

Schmidl-Mohl: Da muss man bis in die Direktion hinauf gehen und verhandeln. Der ärztliche Chef ist oft um des Friedens mit dem Pflegepersonal willen, eher bereit einen betroffenen Arzt zu opfern. Und das muss man versuchen zu konterkarieren. Wichtig ist, dass ein guter Betriebsrat da ist, dass man wirklich auf allen Ebenen auch über die Standesvertretung vorgeht. Man muss sich auch mit den Personalverantwortlichen vom nicht-ärztlichen Personal akkordieren.

derStandard.at: Warum wird im Krankenhaus gemobbt?

Schmidl-Mohl: Der Wettbewerb untereinander ist hoch, es gibt daher auch karrierebedingte Gründe. Oft gibt es Mann-Frau-Probleme in den Teams. Unter Ärzten gibt es wieder andere Probleme als unter Pflegern, die Auslöser sind unterschiedlich.

Dazu kommt, dass Mediziner, die frisch von der Uni kommen noch immer wenig Berufserfahrung haben, sie haben nie gelernt, sich zu präsentieren, sich durchzusetzen. Multiple Choice Tests als Prüfungsmodus sind dem auch nicht zuträglich. Viele kommen dann ins Spital und spielen sich auf, sobald sie einen weißen Mantel anhaben, grüßen die Schwestern und Pfleger nicht, sind überheblich - das kann übel ausgehen.

Das entlastende Gefühl, das Sündenböcke auslösen, ist auch nicht zu unterschätzen!

derStandard.at: Wer ist ein potenzielles Mobbingopfer?

Schmidl-Mohl: Es gibt unterschiedliche Typen, aber es ist immer das in irgendeiner Weise schwächste Mitglied. Das kann auch ein engagierter neuer Kollege sein, der neue Ideen mitbringt und so Unruhe ins altbewährte System bringt. Die Opfer haben häufig ein stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsbedürfnis.

derStandard.at: Was muss das System Krankenhaus tun um Mobbing abzustellen?

Schmidl-Mohl: Eine Firma oder ein Spital muss sich dazu bekennen, dass Mobbing nicht geduldet wird. Bei ersten Fällen muss hart vorgegangen werden, es darf nicht bei einem schriftlichen Verweis bleiben.

Ärztliche Führungskräfte gehören mehr geschult. In Seminaren wird nicht so klar wahrgenommen, wie wichtig Personalführung wäre und wie wichtig gruppendynamische Prozesse zu nehmen wären. (derStandard.at, 8.12.2009)

Zur Person

Brigitte Schmidl-Mohl ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Sie ist Chefärztin des Psychosozialen Diensts Burgenland Nord. Seit 1994 beschäftigt sich die Medizinerin auf Initiative von Klaus Niedl, der das Thema nach Österreich gebracht hat, mit Mobbing und betreut seit damals Mobbingopfer. In ihrer Privatordination ist sie fachärztlich tätig und betreibt Case Management. Seit zwei Jahren ist sie Ombudsfrau der Wiener Ärztekammer.

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    Gewalt und Mobbing: auch in den Spitälern ein aktuelles Thema

  • Brigitte Schmidl-Mohl, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie: "Es hängt sehr stark von der privaten Situation ab wie dünnhäutig man ist."
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    Brigitte Schmidl-Mohl, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie: "Es hängt sehr stark von der privaten Situation ab wie dünnhäutig man ist."

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