"Zwei gewinnen nur ganz selten"

6. Dezember 2009, 21:26
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Alex Pointner, Cheftrainer der österreichischen Skispringer, zweifelt nicht daran, dass seine Mannschaft auch die Olympia-Saison dominieren kann - ein STANDARD-Interview

Standard: Gibt es nach den ersten drei Einzelkonkurrenzen im Weltcup Zweifel daran, dass Österreichs Skispringer in der Erfolgsspur bleiben können?

Pointner: Nein, das erste Springen in Lillehammer, der Doppelsieg und das Abschneiden der gesamten Mannschaft, war eine schöne Bestätigung für uns.

Standard: Welche Rolle spielen witterungsbedingte Rückschläge?

Pointner: Wirklich gute Skispringer zeichnet aus, dass sie sich durch Pech mit den Verhältnissen nicht aus der Balance bringen lassen. Vor dem Sturz von Gregor Schlierenzauer hat man aber die eine Option nicht in Erwägung gezogen, dass man keinen Wettkampf macht. Mir kommt vor, dass die Leute von der Jury ein bisschen getrieben sind. Die Anlaufsituation war für den Aufwind, den Gregor hatte, viel zu viel."

Standard: Nach einer Saison wie der vergangenen mit dem Tourneesieg, dem Gesamtweltcup und den WM-Titeln dürfte es eher schwergefallen sein, in der Vorbereitung etwas zu verbessern.

Pointner: Wir haben Sachen, die funktioniert haben, natürlich mitgenommen. Bei den Spitzenspringern kann man nur kleine Verbesserungen erzielen. Die geleistete Arbeit wird erst dort gut sichtbar, wo es zuletzt nicht so gut gegangen ist. Zum Beispiel bei Andreas Kofler, der sehr gut in die Saison gestartet ist. Und auch hinter ihm haben wir sehr viel Potential, ob das jetzt der Quereinsteiger David Zauner, der Juniorenweltmeister Lukas Müller, Manuel Fettner oder ein Stefan Thurnbichler ist, der bei einem Trainingswettkampf in Kuusamo alles zerrissen hat.

Standard: Und die Konkurrenz? Neben den üblichen Verdächtigen wie Simon Ammann, Rückkehrer Janne Ahonen oder Adam Malysz wirken vor allem einige junge Norweger sehr stark.

Pointner: Schon, aber ich bin überzeugt, dass wir besser gearbeitet haben als die anderen. In verschiedenen Bereichen.

Standard: In welchen zum Beispiel?

Pointner: Alles was mit Trainingssteuerung zu tun hat. Da sind wir sicher auf einem eigenen Level.

Standard: Die Häufung von Spitzenathleten in einer Mannschaft ist zwar fein, bringt aber auch Probleme. Wurden da aus der Vergangenheit Lehren gezogen?

Pointner: Die gruppendynamischen sozialen Aspekte waren mir ja immer schon besonders wichtig. Vor zwei Jahren haben wir zum Beispiel die Tournee verloren, weil Ahonen die Konkurrenz zwischen Schlierenzauer und Morgenstern ausnützen konnte. Da hat die Sozialkompetenz gefehlt. Es ist ganz schlecht, wenn man Topspringer hat, diese aber nicht an einem Strang ziehen.

Standard: In dieser Saison gibt es viele schöne Ziele, vor allem die Olympischen Spiele in Vancouver. Sind da Probleme innerhalb der Mannschaft nicht vorprogrammiert?

Pointner: Zwei gewinnen nur ganz selten. Darauf muss man sich einstellen. Es ist ganz wichtig, dass die Leistung, die zu einem zweiten Platz führt, respektiert und anerkannt wird. Oft ist die ja auch siegwürdig. Viele empfinden sich auf Platz zwei als erste Verlierer.

Standard: Thomas Morgenstern war am Boden zerstört, weil er bei der WM in Liberec kein Einzelspringen gewinnen konnte. Solche Reaktionen sind auch nicht förderlich. Wurde daran auch gearbeitet?

Pointner: Sicher, man muss lernen, wie man mit seiner eigenen Erwartungshaltung umgeht. Umgekehrt muss man auch lernen, wie man mit seiner momentanen Überlegenheit innerhalb der Mannschaft umgeht. Den Biss für den Sieg kann man auch zeigen, ohne gleich verletzend zu wirken.

Standard: Eine Olympiasaison ist besonders fordernd. Wurde und wird auf die Vielzahl der Höhepunkte Rücksicht genommen?

Pointner: Das hat ja schon im Sommer begonnen. Beim Grand Prix hatten heuer Leute wie Müller oder Thurnbichler die Verantwortung zu tragen. Die Spitzengruppe war nicht immer mit dabei. Grundsätzlich haben wir schon so trainiert, dass alle alles springen können, ohne körperliche Probleme zu bekommen. Pausen für den einen oder anderen sind eingeplant, aber aus jetziger Sicht nicht zwingend. (Sigi Lützow stellte die Fragen, DER STANDARD Printausgabe 07.12.2009)

ZUR PERSON:

Der Oberösterreicher Alexander Pointner (38) war als Aktiver nur mäßig erfolgreich, führte die Skispringer als Cheftrainer (seit 2004) aber bisher zu zwei Olympiasiegen, sieben WM-Titeln und 50 Weltcup-Erfolgen. Pointner lebt in Innsbruck, ist verheiratet und hat vier Kinder.

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    Den Biss für den Sieg kann man auch zeigen, ohne gleich verletzend zu wirken.

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