Gnadenlose Freundschaft unter Männern

6. Dezember 2009, 20:07
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Strenges Kammerspiel: Helmuth Lohner begeistert in Sándor Márais "Glut" - nun auch in Wien zu erleben

Graz/Wien - Henrik, der einsame, alte ungarische Schlossherr aus Sándor Márais Roman "Glut", mag recht haben, wenn er nach Stunden des selbstzerfleischenden Monologs zwischenbilanziert: "So ist die menschliche Natur. Sie will eine Antwort auf die Frage, die das Leben bestimmt hat."

Henrik will eine solche seit über 40 Jahren. Damals verließ sein bester Freund Konrád nach einem Ausflug in Henriks Jagdrevier und Eheleben fluchtartig das Land. Er hinterlässt den Freund mit quälenden Zweifeln, Eifersucht und Enttäuschung, die Henrik in eine selbstgewählte Einsamkeit treiben. Als Konrád als alter Mann, während draußen der Zweite Weltkrieg tobt, noch einmal zu Besuch kommt, will Henrik die große Aussprache, nach der er sterben kann. Seine Frau, von der man nur weiß, dass sie Krisztina hieß und offenbar von beiden Männern geliebt wurde, hat das schon vor 30 Jahren getan. Sie hatte er nichts gefragt.

Um die Frau geht es hier aber auch nicht: "Es gibt nichts Schlimmeres als das Abkühlen einer Männerfreundschaft", glaubt Henrik, ganz Adeliger des frühen 20. Jahrhunderts, wo man sich noch mit Duellen unliebsame Diskussionen ersparte. Und er sieht das "Gnadenlose" an Freundschaft, weil sie auch nach "Verrat" andauern muss. Warum, erschließt sich allerdings nicht jedem.

Dass sich diese abendliche Begegnung als Kammerspiel für die Bühne eignet, bewies Christopher Hampton schon 2006, als die Bühnenfassung mit Jeremy Irons in London uraufgeführt wurde. Graz erlebte die deutsche Erstaufführung im Beisein des Oscarpreisträgers (Drehbuch von "Gefährliche Liebschaften") Hampton.

Doch Ingo Berks Inszenierung, der mit Anna Badora, nach Produktionen mit Peter Simonischek und Udo Samel weiter auf prominente Zugpferde setzt, ist nicht angetreten, um die Fragen Henriks grundsätzlich zu hinterfragen. Berk lässt Helmuth Lohner machen, was der am besten kann: Theater spielen. Ein langer, emotional facettenreicher Monolog, der ein ganzes verpfuschtes Leben aufrollt, wird von Lohner routiniert zelebriert. Gerhard Balluch liefert als passiver Antwortverweigerer Konrád nur Stichworte.

Die Regie ist dabei allzu zurückhaltend. Ewig gültige Aspekte menschlicher Seelenpein, wie etwa das Wesen der Eifersucht, werden von Lohner alleine entblättert: Es ist die Angst Henriks als gänzlich unmusischer Mensch, Konrád, dem Musiker und Blutsverwandten Chopins seit beider Kindheit, nicht das Wasser reichen zu können. Es ist ein Buch, das Konrád Krisztina geliehen hatte, das Henrik Verdacht schöpfen ließ und Angst machte, aus der Welt, die beide verbindet, ausgesperrt zu sein.

Düsterer, staubig und ernst

Der erst 34-jährige Berk versäumte es, den dicken Staub, der sich auf dem Altmänner-Weltbild zur Ruhe gesetzt hat, den Protagonisten heftig in die Augen zu blasen. Der - ästhetisch ansprechende, aber diese Welt auch allzu ernst nehmende - Bühnenraum von Damian Hitz verstärkt diese in düsterer Ehrfurcht erstarrte Haltung noch. Es sind schwarze Wände, die ein bisschen an einen vertäfelten Salon und ein bisschen an einen Käfig erinnern und die Welt Henriks noch enger werden lassen. Ein schöner, aber kurzer Auftritt von Gerti Pall als Henriks liebevolle Amme Nini durchbricht kurz den Herrenabend. Nini bleibt am Ende an Henriks Seite - an diesem Ort, wo er geboren wurde und nun sterben will, ohne gelebt zu haben. (Colette M. Schmidt / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7./8.12.2009)

Aktualisierung: "Die Glut" mit Helmut Lohner steht ab Donnerstag, 15.4., im Theater in der Josefstadt in Wien auf dem Programm.

  • Alte Freunde: Helmuth Lohner (re.) und Gerhard Balluch
    foto: manninger

    Alte Freunde: Helmuth Lohner (re.) und Gerhard Balluch

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