"Minarette sollten kein Problem sein"

6. Dezember 2009, 18:57
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An der Universität Wien lernen junge Muslime das "System Österreich" kennen

Wien - An der Universität Wien werden seit Ende November insgesamt 30 Imame, Seelsorger und junge Muslime über das "System Österreich" unterrichtet. "Wir leben in einem Land, wo verschiedene Gemeinschaften zusammenleben, und die müssen sich gegenseitig kennenlernen, um Empathie zu entwickeln", attestierte Student Mustafa Ilhan dem Lehrgang "Muslime in Europa" integrative Wirkung. Das erworbene Wissen, etwa über Politik und Recht in Österreich, wollen er und seine Kollegin Fatma Betül Altun danach auch an andere Muslime weitergeben.

Die 25-jährige Fatma Altun kam vor sechs Jahren aus der Türkei nach Österreich, um hier medizinische Informatik zu studieren. "Der Islam hat so einen schlechten Ruf, deshalb wollte ich etwas machen", erklärte sie ihre Motivation, sich bei dem zwei Semester dauernden Pilotprojekt zu bewerben.

Muslimische Seelsorger

Altun und ihr Landsmann Ilhan, 29 Jahre alt und Student der Islamischen Religionspädagogik, wollen nach dem Weiterbildungslehrgang als muslimische Seelsorger arbeiten. Zum Beispiel in Krankenhäusern und Gefängnissen.

Zunächst gilt es für die Studierenden aber, sich bis Ende Mai jedes Wochenende an der Uni einzufinden: In fünf Modulen und einem Pflichtpraktikum stehen etwa "Europäische Kulturgeschichte", "Christliche Theologien" oder "Bildung und Erziehung in Österreich" auf dem Lehrplan.

Lehrgänge wie "Muslime in Europa" würden auch dazu beitragen, Muslime besser zu integrieren, glaubt Ilhan. "Die erste Generation, die nach Österreich gekommen ist, muss man ehrlich sagen, waren nicht die ausgebildeten Menschen." Diese Migranten hätten ständig gearbeitet und keine Zeit gehabt, sich weiterzubilden oder mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. "Die zweite, dritte Generation von heute hat diese Möglichkeit - die Ausgebildeten haben kein Problem." Früher sei es auch nicht möglich gewesen, Imame in Österreich zu finden, deshalb habe man sie aus der Türkei oder Ägypten geholt. Mit zunehmenden Ausbildungsmöglichkeiten hierzulande "ändert sich das".

Die aktuelle Debatte über ein Minarettverbot nach dem entsprechenden Votum in der Schweiz sei übertrieben, meinte Altun. "Ich verstehe die Menschen, aber Österreich ist noch demokratisch, soweit ich weiß, also sollten Minarette kein Problem sein." (APA, red/DER STANDARD, Printausgabe, 7. Dezember 2009)

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    Fatma Betül Altun studiert medizinische Informatik und absolviert den Uni-Lehrgang "Muslime in Europa"

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