Klima: Die Bewährungsprobe unserer Generation

6. Dezember 2009, 18:41
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Heute unternehmen 56 Zeitungen aus 44 Ländern den bisher noch nicht dagewesenen Schritt, in einem gemeinsamen Editorial mit einer Stimme zu sprechen

Wir machen dies, weil die gesamte Menschheit mit einem schwerwiegenden Notfall konfrontiert ist.

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Wenn wir uns nicht zusammenschließen, um entscheidende Schritte zu setzen, wird der Klimawandel unseren Planeten verwüsten und in der Folge auch verheerende Auswirkungen auf unsere Sicherheit und unseren Wohlstand haben. Seit einer Generation sind die Gefahren offensichtlich. Jetzt beginnen auch die Fakten zu sprechen: Elf der letzten 14 Jahre waren Wärmerekordjahre, die arktische Eiskappe schmilzt, und die überhitzten Preise bei Öl und Lebensmittel im vorigen Jahr geben einen Vorgeschmack auf zukünftiges Chaos. In wissenschaftlichen Publikationen geht es längst nicht mehr darum, ob die Menschen dafür verantwortlich zu machen sind, sondern darum, wie viel Zeit uns noch bleibt, um den Schaden zu begrenzen. Bis jetzt antwortete die Welt darauf nur zögerlich und halbherzig.

Der Klimawandel braute sich über Jahrhunderte zusammen, hat Konsequenzen bis ans Ende aller Zeiten, und über unsere Aussichten, das alles in den Griff zu bekommen, wird in den nächsten 14 Tagen entschieden. Wir rufen die Repräsentanten von 192 Ländern auf, die sich in Kopenhagen versammeln, nicht zu zögern, nicht zu streiten und sich nicht gegenseitig die Schuld zuzuweisen, sondern nach dem größten politischen Fehler der heutigen Zeit die Gelegenheit beim Schopf zu packen. Es soll kein Kampf werden zwischen Reich und Arm oder zwischen Ost und West. Klimawandel betrifft alle, und die Probleme müssen auch von allen gelöst werden.

Die Wissenschaft dahinter ist komplex, aber die Fakten liegen klar auf der Hand. Die Welt muss Schritte setzen, um den Temperaturanstieg nicht höher als zwei Grad Celsius werden zu lassen. Dafür ist es erforderlich, die weltweiten Emissionen nicht mehr weiter ansteigen zu lassen, sondern sie in den nächsten fünf bis zehn Jahren herunterzudrücken. Bei einem größeren Anstieg der Temperatur um 3 bis 4 °C - und das ist die vorsichtigste Schätzung für die Folgen dessen, wenn nichts geschieht - würden Kontinente verdorren und landwirtschaftliche Flächen zu Wüsten werden. Die Hälfte aller Arten würden aussterben, unzählige Millionen Menschen müssten auswandern und ganze Länder würden im Meer versinken. Die Kontroverse um die E-Mails britischer Forscher, die nahelegt, dass sie ungelegene Daten zu unterdrücken versuchten, hat die Sache weniger durchsichtig gemacht. Sie entkräftete aber nicht die Gesamtmenge an Beweisen, auf denen diese Prognosen basieren.

Nur wenige glauben noch, dass nach Kopenhagen ein voll ausgearbeiteter Vertrag auf dem Tisch liegen wird; der wahre Schritt in diese Richtung konnte erst gesetzt werden, als Präsident Obama ins Weiße Haus einzog und die Jahre der US-Quertreiberei beendete.

Aber selbst jetzt ist die Welt noch immer der Gnade der US-Innenpolitik ausgeliefert, da der Präsident sich nicht zu allen nötigen Schritten verpflichten kann, solange es der US-Kongress nicht auch macht. Aber die Politiker in Kopenhagen können und müssen sich auf die wichtigsten Elemente eines fairen und effizienten Abkommens einigen und - das ist entscheidend - auf einen fixen Zeitplan, um diese Vorhaben in einen Vertrag zu gießen.

Die UN-Klimakonferenz in Bonn im nächsten Juni könnte dieser Zeitpunkt sein, oder wie es ein Verhandler ausdrückt: "Wir können in die Verlängerung gehen, aber das Spiel nicht neu austragen." Herzstück des Abkommens muss eine Übereinkunft zwischen den reichen Nationen und den Entwicklungsländern darüber sein, wie die Lasten des Kampfes gegen den Klimawandel aufgeteilt werden - und wie wir eine Ressource aufteilen, die jetzt umso wertvoller erscheint: rund eine Billion Tonnen Kohlenstoff, die wir noch emittieren können, bevor die Quecksilbersäule gefährlich ansteigt.

Reiche Staaten verweisen gern auf die rechnerische Wahrheit, dass es keine Lösung geben kann, solange Entwicklungsgiganten wie China nicht radikalere Schritte setzen, als sie es bisher getan haben. Aber die reichen Staaten sind verantwortlich für den Großteil der Kohlenstoffansammlungen in der Atmosphäre - drei Viertel allen seit 1850 emittierten Kohlendioxids. Sie müssen jetzt die Führung übernehmen. Die Reichen müssen sich zu tiefen Einschnitten verpflichten, die ihre Emissionen innerhalb einer Dekade auf einen substanziell niedrigeren Level drücken als jenen von 1990.

Entwicklungsländer können darauf hinweisen, dass sie das Gros der Probleme nicht verursacht haben und auch darauf, dass die ärmsten Regionen der Welt am schwersten getroffen werden. Aber auch sie tragen immer mehr zur Erwärmung bei und müssen sich daher verpflichten, selbst sinnvolle und quantifizierbare Taten zu setzen. Obwohl beide Seiten um etwas umfallen, auf das einige gehofft hatten, war die Tatsache, dass sich die beiden größten Verschmutzer, die USA und China, zu Emissionszielen verpflichtet haben, ein wichtiger Schritte in die richtige Richtung.

Den Ärmeren helfen

Die soziale Gerechtigkeit erfordert, dass die industrialisierte Welt tief in ihre Taschen greift und Geld lockermacht, um ärmeren Ländern zu helfen, sich an die Notwendigkeiten des Klimawandels anzupassen, und saubere Technologien finanziert, um ihnen wirtschaftliches Wachstum ohne steigende Emissionen zu sichern.

Auch das "Gerüst" eines zukünftigen Vertrages muss festgelegt werden - mit rigorosem multilateralem Monitoring, fairen Belohnungen, wenn Wälder geschützt werden, und einer realistischen Einschätzung "exportierter Emissionen" , sodass die Last möglicherweise etwas gleichmäßiger verteilt werden kann zwischen jenen, die umweltschädliche Produkte herstellen, und jenen, die sie konsumieren.

Die Fairness erfordert, dass auch berücksichtigt wird, inwieweit die einzelnen entwickelten Staaten imstande sind, diese Last zu tragen; kürzlich beigetretene EU-Mitglieder beispielsweise sind oft viel ärmer als das "alte Europa" und sollen, relativ gesehen, nicht stärker belastet werden als die reicheren Gemeinschaftspartner.

Der Übergang wird teuer sein, aber im Endeffekt um ein Vielfaches weniger kosten, als wenn globalen Finanzen aus der Klemme zu helfen ist, oder auch sehr viel weniger als die Folgen, wenn nichts getan wird. Viele von uns, besonders in der entwickelten Welt, werden ihren Lebensstil ändern müssen. Die Ära der Flüge, die weniger kosten als das Taxi zum Flughafen, geht zu Ende. Wir werden intelligenter einkaufen, essen und reisen müssen. Und wir werden mehr für unsere Energie zahlen und weniger davon verbrauchen.

Aber der Übergang zu einer Gesellschaft, die wenig Kohlenstoff emittiert, wird mehr Möglichkeiten bieten, als uns Opfer abverlangt werden.

Erneuerbare Chancen

Einige Länder haben bereits erkannt, dass es Wachstum, Jobs und mehr Lebensqualität bringen kann, wenn wir akzeptieren, dass dieser Wandel stattfindet. Der Kapitalfluss erzählt seine eigene Geschichte: Voriges Jahr wurde zum ersten Mal mehr in erneuerbare Energieformen investiert, als Geld aus Elektrizität aus fossilen Brennstoffen erzielt wurde.

Die Änderung unserer Kohlenstoffgewohnheiten innerhalb einiger weniger Dekaden wird im Bereich von Innovation und Entwicklung etwas festlegen, das es noch nie in der Geschichte gegeben hat. Aber während der bemannte Mondflug oder die Spaltung von Atomen aus Konflikten und aus dem Wettbewerb heraus entstanden sind, muss das kommende Rennen um die Kohlenstoffemissionen aus gemeinsamen Anstrengungen heraus entstehen, eine gemeinsame Lösung zu finden.

Um den Klimawandel zu bewältigen, wird Optimismus über Pessimismus triumphieren müssen, Visionen über die Kurzsichtigkeit, oder es muss das dominieren, was Abraham Lincoln in seiner Antrittsrede als Präsident als die "nobleren Seiten unseres Wesens" beschrieb.

In diesem Sinne haben sich 56 Zeitungen aus der ganzen Welt auf dieses Editorial geeinigt. Wenn wir uns mit all unseren unterschiedlichen nationalen und politischen Standpunkten und Perspektiven auf etwas einigen konnten, das getan werden muss, dann können es unsere politischen Führer sicherlich auch.

In Kopenhagen haben die Politiker die Macht, das Urteil der Geschichte über unsere Generation mitzubestimmen: Wird es eine Generation, die die Herausforderung angenommen hat und daran gewachsen ist, oder eine, die so dumm war, dass sie das Unheil kommen sah, aber nichts tat, um es abzuwenden. Wir beschwören Sie, die richtige Wahl zu treffen. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.12.2009)

Die Initiative für diese Aktion kam von "The Guardian", London. Übersetzung: Luzia Schrampf

An der Aktion nehmen 56 Zeitungen in 45 Länder teil, der Text wurde in zwanzig Sprachen übersetzt.

Süddeutsche Zeitung - Deutschland - Deutsch
Gazeta Wyborcza - Polen - Polnisch
Der Standard - Österreich - Deutsch
Delo - Slowenien - Slowenisch
Vecer - Slowenien - Slowenisch
Dagbladet Information - Dänemark - Dänisch
Politiken - Dänemark - Dänisch
Dagbladet - Norwegen - Norwegisch
The Guardian - Großbritannien - Englisch
Le Monde - Frankreich - Französisch
Liberation - Frankreich - Französisch
La Reppublica - Italien - Italienisch
El Pais - Spanien - Spanisch
De Volkskrant - Niederlande - Niederländisch
Kathimerini - Griechenland - Griechisch
Publico - Portugal - Portugiesisch
Hurriyet - Türkei - Türkisch
Novaya Gazeta - Russland - Russisch
Irish Times - Irland - Englisch
Le Temps - Schweiz - Französisch
Economic Observer - China - Chinesisch
Southern Metropolitan - China - Chinesisch
CommonWealth Magazine - Taiwan - Englisch
Joongang Ilbo - Südkorea - Koreanisch
Tuoitre - Vietnam - Vietnamesisch
Brunei Times - Brunei - Englisch
Jakarta Globe - Indonesien - Englisch
Cambodia Daily - Kambodscha - Englisch
The Hindu - Indien - Englisch
The Daily Star - Bangladesch - Englisch
The News - Pakistan - Englisch
The Daily Times - Pakistan - Englisch
Gulf News - Dubai - Englisch
An Nahar - Libanon - Arabisch
Gulf Times - Katar - Englisch
Maariv - Israel - Hebräisch
The Star - Kenia - Englisch
Daily Monitor - Uganda - Englisch
The New Vision - Uganda - Englisch
Zimbabwe Independent - Simbabwe - Englisch
The New Times - Ruanda - Englisch
The Citizen - Tansania - Englisch
Al Shorouk - Ägypten - Arabisch
Botswana Guardian - Botswana - Englisch
Mail & Guardian - Südafrika - Englisch
Business Day - Südafrika - Englisch
Cape Argus - Südafrika - Englisch
Toronto Star - Kanada - Englisch
Miami Herald - USA - Englisch
El Nuevo Herald - USA - Spanisch
Jamaica Observer - Jamaica - Englisch
La Brujula Semanal - Nicaragua - Spanisch
El Universal - Mexico - Spanisch
Zero Hora - Brasilien - Portugiesisch
Diario Catarinense - Brasilien - Portugiesisch
Diaro Clarin - Argentinien - Spanisch

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