"Das Problem sind die Entwicklungsländer"

6. Dezember 2009, 18:04
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Mietwagenkonzern-Chef Erich Sixt wehrt sich dagegen, dass in der Diskussion um CO2 ständig auf den Pkw eingedroschen wird

Erich Sixt, Chef des gleichnamigen Mietautokonzerns, wehrt sich dagegen, dass in der Diskussion um CO2 ständig auf den Pkw eingedroschen wird. Das Auto sei das geringste Problem, sagte er auf Fragen von Günther Strobl.

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STANDARD: Sie verdienen ihr Geld damit, dass Leute mit Autos herumfahren und die Luft verpesten. Nie ein schlechtes Gewissen gehabt?

Sixt: Im Gegenteil, ich habe ein gutes Gewissen. Die Sixt-Flotte besteht stets aus Fahrzeugen mit modernster Technik. Die Diskussion um den Ausstoß von CO2 ist ohnehin kurios. Auf alle Kraftfahrzeuge zusammen entfallen nur 0,4 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen. Dennoch wird auf das Auto eingedroschen

STANDARD: In Europa ist das Verhältnis anders. Hier sind Verkehr und Raumwärme hauptverantwortlich für das Klima schädigende CO2, noch vor der Industrie.

Sixt: In Deutschland ist der Verkehr mit 18 Prozent am CO2-Ausstoß beteiligt. Aber selbst das ist nicht entscheidend. Auch wenn wir die durch Pkw verursachten Emissionen drastisch senken, verringert sich der weltweite CO2-Ausstoß gerade einmal um 0,1 Prozent. Das wirkliche Problem sind die Entwicklungsländer. Dort wird noch immer stark auf Kohle gesetzt, die bei der Verbrennung enorme Mengen an CO2 freilässt.

STANDARD: Klingt irgendwie nach Schuld abwälzen. Wenn das alle machen, wo kommen wir da hin?

Sixt: Die Facts sind so wie sie sind. Selbst wenn man Autos verbieten und nur mehr Fahrräder zulassen würde, hätte das keinen signifikanten Einfluss auf die weltweite CO2-Bilanz. Außerdem sind wir keine Autobauer. Wir vermieten und liefern, was die Kunden wünschen.

STANDARD: Und die wünschen sich abgasärmere Fahrzeuge?

Sixt: Unsere Kunden wollen vor allem verbrauchsarme Autos, um Kosten zu sparen. Beim Thema Umweltschutz gibt es unglaublich viel Verlogenheit. Jene, die am meisten schreien wie manche Grüne sind meist auch diejenigen, die mit den ältesten Autos herumfahren. Jeder bekennt sich zur Umwelt, aber wenn es darauf ankommt, wird gekniffen.

STANDARD: Ein Beispiel?

Sixt: Vor zwei Jahren hatten wir 1000 unserer damals 42.000 Autos in Deutschland mit Erdgasantrieb, mehr als jeder andere Vermieter. Es gab aber ein Problem: Nur wenige wollten damit fahren, weil es nicht genug Tankstellen gibt.

STANDARD: Haben Sie keine Marktforschung betrieben?

Sixt: Ich halte nichts von Marktforschung. Das war eine Bauchentscheidung. Umwelt ist in, haben wir gedacht. Wir waren überzeugt, dass die Leute auf solche Produkte warten. Das war ein Fehler.

STANDARD: Wieviele Erdgasautos haben Sie noch in ihrer Flotte?

Sixt: Keines mehr. Unsere Zielgruppe ist der Geschäftsreisende zwischen 30 und 50, mittleres bis hohes Einkommen, der von A nach B fährt. Der braucht eine funktionierende Infrastruktur.

STANDARD: Und das Elektroauto?

Sixt: Das wird dauern. Das Problem ist die geringe Reichweite. Ich sehe das Elektroauto in der näheren Zukunft bestenfalls als innerstädtisches Transportmittel, wenn jemand 50 bis 100 km am Tag fährt.

STANDARD: Der durchschnittliche Sixt-Kunde fährt wie weit?

Sixt: Etwa 200 Kilometer am Tag. Ich persönlich glaube an das Wasserstofffahrzeug. Wasser gibt es zuhauf.

STANDARD: Wasserstoff herzustellen ist aber sehr aufwendig?

Sixt: Derzeit noch. Aber das wird sich ändern. Man müsste mehr Geld in die Forschung stecken. Die Kosten werden mit der Zeit sinken.

STANDARD: Sie wollen den Staat in die Pflicht nehmen?

Sixt: Das ist einer der wenigen Bereiche, wo ich mehr Staat möchte.

STANDARD: Gerade jetzt in der Krise haben viele ihrer Kollegen gesagt, es sei wichtig, dass der Staat eingreift. Die haben das generell gemeint.

Sixt: Ich halte das für falsch. Unternehmer sollten sich zur Marktwirtschaft bekennen, auch in schwierigen Zweiten. Ich halte die zuletzt erfolgten Eingriffe des Staats mit Ausnahme der Einlagensicherung für Sparer für verfehlt.

STANDARD: Muss man Mobilität neu denken?

Sixt: Nicht die Mobilität, wie wir sie verstehen. Das moderne Automobil ist heute schon sensationell umweltfreundlich. Wenn, dann müsste man die Altautos wegbekommen. Aber das ist Utopie. Die Herausforderung für die nächsten 30 Jahre wird sein, die Entwicklungsländer dazu zu bringen, vernünftiger mit Energie umzugehen.

STANDARD: Wie spüren Sie die Krise?

Sixt: Wir haben bei Mietwagen einen Nachfragerückgang von nur drei Prozent und bei Leasingautos von 1,5 Prozent. Das ist deutlich weniger als die Airlines an Einbrüchen gemeldet haben. Wir haben den Vorteil, mit dem Mietauto das im Augenblick günstigste Transportmittel zu haben. Unternehmen verordnen ihren Mitarbeitern, mit dem Auto zu fahren statt zu fliegen.

STANDARD: Die Controller haben wieder das Sagen?

Sixt: Wie in jeder Krise. Und immer machen sie das Gleiche: erst die Marketingausgaben kürzen, dann die Reisekosten.

STANDARD: Um wieviel haben Sie die Fahrzeugflotte reduziert?

Sixt: Durchschnittlich um vier Prozent, mehr als der Nachfragerückgang war. Dadurch haben wir die Auslastung verbessert und kommen mit einem positiven Ergebnis durch das heurige Jahr.

STANDARD: Es wird aber unter den 86 Millionen Euro von 2008 liegen?

Sixt: Ja, den Einbruch im 1. Quartal können wir nicht mehr wettmachen. Aber das Jahresergebnis wird deutlich positiv sein.

STANDARD: Sind Sie von der Krise überrascht worden?

Sixt: Das Ausmaß haben wir tatsächlich nicht vorhergesehen. Noch im August 2008 waren wir optimistisch. Dann kam die Lehman-Pleite und die Welt hat sich geändert. Wir haben gelitten, weil wir einen zu großen Fuhrpark hatten. Weil die durchschnittliche Behaltezeit für einen Mietwagen sechs Monate sind, konnten wir erst zeitverzögert reagieren.

STANDARD: Die USA sind für Sixt noch ein weißer Fleck?

Sixt: Das ist ein ganz heißes Pflaster. Der Schritt in die USA will wohlüberlegt sein. Ich war zweimal in einem Bieterverfahren, habe aber immer abgewunken. Ein anderer, der nicht eigenes Geld einsetzen muss, hätte wahrscheinlich zugeschlagen. Wenn die Dinge bei mir schiefgehen, vernichte ich mein Lebenswerk. Ich bin ja nicht nur Vorstandsvorsitzender, sondern auch Großaktionär.

STANDARD: Wann wollen Sie die Lücke schließen?

Sixt: Wir haben keine Eile. Wenn ich eine Gesellschaft kaufe, dann nur zu einem vertretbaren Preis. Die ganz großen wie Hertz scheiden für uns als mittelgroßes Unternehmen aus. Und anderes ist in den USA derzeit nicht in Sicht.

STANDARD: Muß man als Mietwagenunternehmen global aufgestellt sein, um international tätige Kunden bei der Stange zu halten?

Sixt: Global nicht, aber europäisch. Wenn man heute nicht europaweit vertreten ist, kann man im Geschäftsreisesegment, in dem wir hauptsächlich tätig sind, nicht mehr viel gewinnen. Deshalb beherrschen vier Autovermieter (neben Sixt noch Europcar, Hertz und Avis; Anm.) mehr als 70 Prozent des gesamten europäischen Marktes. Die kleinen Unternehmen sterben aus. Wir haben in Deutschland nur noch ein paar hundert. Wie ich vor 40 Jahren angefangen habe, waren es noch ein paar tausend.

STANDARD: Haben Sie manchmal Angst, dass ihnen ihr Lebenswerk zerbröseln könnte?

Sixt: Angst ist ein furchtbarer Ratgeber, Angst darf man nicht haben.

STANDARD: Ihr Verhältnis zu Autos?

Sixt: Ist ein gestörtes. Autos sind für mich gewaltige Zahlenkolonnen, hinter denen sich Rabatte, Rückkaufpreise, Abschreibungen, Zinsen, Reparaturen verbergen.

STANDARD: Was planen Sie?

Sixt: Wir sind als Unternehmen noch zu deutschlandlastig, erwirtschaften 80 Prozent des Umsatzes am Heimmarkt. Das müssen wir durch stärkeres Wachstum im Ausland ändern

STANDARD: Auch in Österreich?

Sixt: Durchaus. Im Mietwagengeschäft sind wir mit 17 Vermietstationen und rund 2000 Autos zwar gut aufgestellt und mit 20 Prozent Marktführer. Wir haben aber eine Schwäche bei Leasing; die wollen wir beheben.

STANDARD: Wie lange wollen Sie an der Spitze von Sixt bleiben?

Sixt: Solange ich kritikfähig bin. Wenn ich andere Meinungen nicht mehr gelten lasse nach dem Motto, das haben wir immer schon so gemacht, ist es Zeit zu gehen.
 (Langfassung/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7./8.12.2009)

Zur Person

Erich Sixt (65) hat den gleichnamigen Autovermieter vom Mittelständler zum deutschen und österreichischen Marktführer gemacht. Der seit 1986 börsennotierte Konzern vermietet Autos in 100 Ländern. Im Vorjahr erzielte die Gruppe bei einem Umsatz von 1,8 Mrd. ein Ergebnis von 86 Millionen Euro. Der in Mistelbach geborene Deutsche mit Mutter aus Wien ist verheiratet und hat zwei Söhne.

  • Erich Sixt: "Unternehmer sollten sich zur Marktwirtschaft bekennen, auch in
schwierigen Zweiten. Ich halte die zuletzt erfolgten Eingriffe des
Staats mit Ausnahme der Einlagensicherung für Sparer für verfehlt."
    foto: standard/cremer

    Erich Sixt: "Unternehmer sollten sich zur Marktwirtschaft bekennen, auch in schwierigen Zweiten. Ich halte die zuletzt erfolgten Eingriffe des Staats mit Ausnahme der Einlagensicherung für Sparer für verfehlt."

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