Lichterbäume, Punsch und trügerische Ruhe

6. Dezember 2009, 17:19
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Rauchen, Trinken, Verschmutzen und Vertuschen sind populär - Also kein Thema für Populisten

Die Adventbeleuchtung der großen Städte hat sich auf die kleineren ausgebreitet. Und das Punschtrinken auch. Die Lichterbäume und funkelnden Designer-Kronen seien alle mit Energiesparlampen bestückt, sagen die Kommunen. Und die Punschtrinker zahlen für einen guten Zweck: von Lions bis Kolping.

Unter dem Eindruck, etwas Gutes zu tun, schmeckt der Advent besonders gut. Man riecht förmlich die Beruhigung inmitten des Weihnachtsstresses.

Außerdem ist in Österreich der Herrgott barmherzig, wie die Beichte des Dompfarrers Anton Faber in einem Wiener Massenmagazin zeigt. Und wenn dem Faber die Sünden erlassen werden, warum nicht auch allen anderen, die mit Promille heimwärts steuern?

Auch das Krankrauchen wird in Österreich weiterhin toleriert. Zum Unterschied von Italien, wo die Lokale mittlerweile rauchfrei sind, pafft man in der hiesigen Gastronomie mit wenigen Ausnahmen weiter. Ein Rauchverbot treibe die Wirte in den Ruin, heißt es in der Wirtschaftskammer.

Grund genug für die Spitzenpolitik, die Themen von sich aus und in den Prunksälen dieser Republik nicht einmal zu erwähnen. Aus Angst vor Blessuren bei der nächsten Sonntagsfrage? Ja. Außerdem sind das österreichische Tabus, die nicht einmal H.-C. Strache berührt.

Rauchen, Trinken, Verschmutzen und Vertuschen sind populär. Also kein Thema für Populisten.

Österreich lebt wie andere Länder seit Jahrhunderten mit einem Suchtkonsens, der wegen des Klimawandels und wegen der Ursachenforschung für die Krankheiten der Neuzeit nicht mehr haltbar ist. Der Unterschied zu den anderen ist jedoch, dass die (noch einmal Italien) die Probleme ernster nehmen als die österreichischen Regierungen in Bund und Ländern. Durchzugreifen, EU-Vorgaben oder internationale Vereinbarungen wie jene zur Klimafrage zu exekutieren, scheitert auch an der flächendeckenden Konsens- und Kuschelpolitik der Faymann/ Pröll-Koalition. Jeder Streit wird sofort beruhigt. Oberflächlich geschlichtet.

Diese Ruhe ist allerdings trügerisch. In die Menge vor den Wiener Punschständen käme ziemliche Bewegung, würde die Polizei auf Geheiß der ÖVP-Innenministerin Maria Fekter das Audimax räumen. Es gibt ja ein Vorbild: Vor 25 Jahren wurde mitten im Weihnachtsfrieden, damals auf Anordnung des SPÖ-Kanzlers die besetzte Hainburger Au geräumt.

Die Au hatte keinen Chef. Die Wiener Universität hat einen - und der ist gegen eine Räumung. Rektor Winckler hat sich im Audimax den Fragen der Studenten gestellt. Bleibt es dabei?

Die ÖVP versteht unter "Ruhe" das gewaltsame Ende der Besatzung, die Universitätsspitze sucht das Gespräch. Das dauert länger, kostet mehr, ist aber demokratischer. Kommt es zu einer Kraftprobe?

Vielleicht halten die Besetzer ja bis zum Opernball durch und funktionieren auch den noch um. Indem sie sich ein paar (teure) Karten organisieren und aus einer Loge heraus den Bildungsnotstand proklamieren. Das wäre eine neue Stufe der Globalisierung des Protests. Er wäre weltweit in den Medien. Die Ruhe der Besucher des Balls aber wäre nicht wirklich gestört. Denn die tanzten weiter. Bei Champagner statt Punsch. (Gerfried Sperl/DER STANDARD-Printausgabe, 7.12.2009)

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