Nach Kopenhagen ganz viel beten

6. Dezember 2009, 08:48
106 Postings

Die Klimastrategien der Weltgemeinschaft haben nur eine Chance, wenn der schlimmste Fall nicht eintritt

In den nächsten zwei Wochen könnte sich die wahrscheinlich wichtigste Frage für die Zukunft der Menschheit entscheiden: Wird es der Staatengemeinschaft auf dem Klimagipfel in Kopenhagen gelingen, die CO2-Emissionen so deutlich einzudämmen, dass die Erderwärmung auf ein erträgliches Ausmaß beschränkt werden kann?

Vieles spricht dafür: Die Folgen des Klimawandels sind katastrophal, und sämtliche wichtigen Staaten – auch die USA und China - haben das Problem erkannt. Die Kosten einer effektiven Klimastrategie sind zwar groß, aber verkraftbar. Denn der Umbau auf nachhaltige Energiequellen und ein sparsamer Umgang mit fossilen Brennstoffen bringen den betroffenen Ländern große ökonomische Vorteile, die kurzfristige Belastungen mehr als wettmachen.

Technologische Fortschritte machen es jeder Gesellschaft möglich, schon jetzt auf eine Null-Emissionswirtschaft umzusteigen, ohne den Lebensstandard deutlich senken zu müssen. Wenn etwas dringend notwendig und machbar ist, warum soll es dann nicht geschehen?

Doch ein noch viel mächtigerer Faktor spricht dagegen – eine Dynamik, die verhindert, dass vernünftige Akteure vernünftig handeln. Mann nennt das Allmende-Problem, die Tragödie der Gemeingüter, das Trittbrettfahrerproblem oder das Gefangenendilemma.

 Die Logik ist klar: Wenn die Früchte des individuellen Handelns allen zufließen und die Kosten von allen geteilt werden, dann hat jeder Einzelne den Anreiz, möglichst wenig zum gemeinsamen Interesse beizutragen.

Dieses Dilemma ist beim Klimawandel besonders ausgeprägt: Jedes Land hat ein Interesse, die eigenen Belastungen einer Klimastrategie möglichst klein zu halten. Musterschüler zu sein zahlt sich nicht aus, denn wenn die anderen es nicht sind, nützt die eigene Tugend nur wenig. Wenn aber anderswo Treibhausgase drastisch eingeschränkt werden, dann macht es auch nicht so viel, wenn man selbst noch viel CO2 produziert.

Die diesjährige Wirtschaftsnobelpreisträgerin Elinor Ostrom hat Wege gezeigt, wie dieses Problem bewältigt werden kann. Aber ihrer Lösungen betroffen kleine lokale Gemeinschaften und nicht die große Welt. Dort ist es noch viel schwieriger, weil zu den Anreizen noch kulturelle Unterschiede, Antagonismus und Missverständnisse dazu kommen.

Jeder erwartet vom anderen, dass er mehr tut. China, der weltgrößte Treibhausgasemittent, besteht auf das Recht zur wirtschaftlichen Entwicklung, Indien ist immer noch wenig kooperativ, und in den USA gibt es laute Stimmen, die sich gegen jede Einschränkung wehren, solange China und Indien nicht voll dabei ist.

Und die anderen Entwicklungsländer warten darauf, dass sie Geld erhalten, bevor sie irgend etwas tun. Schließlich sind sie ja arm.

Europa ist zwar Vorreiter, aber auch bei uns gibt es genügend Trittbrettfahrer – vor allem die Österreicher, die zwar die eigene Umwelt gen- und AKW-frei halten wollen, aber fürs Weltklima besonders wenig tun. Ingesamt wird wohl auch die EU ihre ambitiösen Klimaziele verfehlen. Jeder schiebt dem anderen die Schuld zu.

Und auch innerhalb der Staaten wird gestritten: Die Industrie warnt, CO2-Eindämmung kostet Jobs und verweist auf den Individualverkehr, und die Politik traut sich nicht, die Treibstoffsteuern auf ein Niveau zu haben, die das Autofahren ernsthaft verteuern würden. Dafür sorgt schon die Auto- und Pendlerlobby.

Was bedeutet das für die Chancen von Kopenhagen? Trotz aller Probleme gibt es Gemeingüter, aber es gibt sie meist weniger, als die Menschen es eigentlich wollen. Der Untervorsorgung mit Gemeingütern kann nur ein starker Staat entgegenwirken, und selbst der ist oft unzureichend: siehe den Zustand unserer Schulen und Unis. Und beim Klima wäre eine Weltregierung notwendig, und die gibt es nicht und wird es auch nicht geben.

Daraus kann man schließen: Kopenhagen wird gewisse Fortschritte bringen, und in den kommenden Jahren wird vieles passieren, um das Wachstum der Treibhausgase (und vielleicht auch die Gase selbst) einzudämmen. Aber es wird weniger sein, als die Experten für notwendig halten.

Hier kommt der Faktor Unsicherheit herein: Wir wissen, dass die Erderwärmung stattfindet Aber wir wissen nicht, wie schnell. Wenn die pessimistischen Szenarien zutreffen, die von einer Erderwärmung um 6 Grad bis 2100 ausgehen, dann werden die Strategien und Maßnahmen nicht ausreichen. Dann steuern wir auf eine Katastrophe zu.

Für die optimistischeren (unter 2 Grad Erwärmung) und möglicherweise auch die neutralen Szenarien (etwa 3 Grad) könnte das, was in Kopenhagen und danach beschlossen wird, hingegen ausreichen. Dann könnte die Menschheit noch einmal davonkommen.

Was also in und nach Kopenhagen tun? Ganz viel hoffen und beten.

Share if you care.