Ambitionierte Dänen in der Klimazwickmühle

4. Dezember 2009, 19:20
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Das Gastgeberland hat sich Nachhaltigkeit verordnet, wird diesen Ansprüchen aber oft selbst nicht gerecht

Dänemark hat in den vergangenen Jahrzehnten viel daran gesetzt, sich als Musterland zu positionieren. Neben dem Anspruch, das "glücklichste Land der Welt" zu sein, oder dem durch die radikale Ausländerpolitik angekratzten Image einer besonders toleranten Gesellschaft rückte zuletzt der Aspekt des sauberen und nachhaltigen Dänemark in den Vordergrund. Diese Gewichtung ist angesichts des Uno-Klimagipfels sicher nicht zufällig.

In vielerlei Hinsicht werden die Dänen durchaus ihrem Anspruch auf Vorreiterschaft in Fragen umweltfreundlicher Energie gerecht. Den Regierungen vergangener Jahre ist es - schrittweise und oft mit Unterstützung der jeweiligen Opposition - gelungen, eine ehrgeizige und im Resultat auch erfolgreiche Klima- und Energiepolitik zu führen. Dänemark ist beispielsweise mit einem Selbstversorgungsgrad von rund 130 Prozent derzeit der einzige Netto-Exporteur von Energie in der EU. Der Anteil der Windenergie an der Jahresproduktion von elektrischem Strom stieg seit 1990 von vier auf zuletzt (2008) 24 Prozent.

Durch diverse Effektivierungsmaßnahmen gelang es, den Pro-Kopf-Verbrauch der rund 5,5 Millionen Einwohner in den vergangenen 30 Jahren weitgehend konstant zu halten. Mit 157 Gigajoule (GJ) im Jahr lagen die Dänen 2007 nur wenig über dem EU-Durchschnitt (152 GJ) und waren dabei deutlich sparsamer als beispielsweise die Österreicher (170 GJ).

Mit Vorzeigeprojekten wie der innerhalb von zehn Jahren mithilfe von Klein-und Kleinsterzeugung von Energie auf CO2-Neutralität getrimmten 4000-Seelen-Insel Samsö setzte Dänemark früh einen Trend in Richtung "Small is beautiful" , der erst jüngst auch von anderen Ländern Europas aufgegriffen wird.

Bei genauerem Hinsehen ergibt sich aber ein differenzierteres Bild. So erklärt sich der überproportionale Selbstversorgungsgrad nicht zuletzt durch die in den vergangenen Jahren forcierte Gewinnung von Erdöl aus den dänischen Nordseebrunnen, die das Land laut Energiebehörde zum drittgrößten Erdölproduzenten in Westeuropa machen - nach Norwegen und Großbritannien. Voriges Jahr brachte das dem Staat dank des gestiegenen Ölpreises Rekordgewinne von 4,8 Milliarden Euro ein. Mehr als die Hälfte der in Dänemark produzierten Energie (54 Prozent) stammte 2008 aus Rohöl und lediglich elf Prozent aus erneuerbarer Energie.

Kein Wunder, das sich Dänemark nach Einschätzung von Experten wie Ellen Margarethe Basse von der Universität Aarhus schwertun wird, seinen CO2-Ausstoß bis 2012 um 21 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken. Auch die Europäische Umwelt-Agentur EEA nannte Dänemark in ihrem Statusreport gemeinsam mit Spanien und Italien als einen der schlimmsten Nachzügler im Hinblick auf die Erfüllung der Kioto-Ziele - wenig ruhmreich für das Veranstalterland des Uno-Klimagipfels, der darüber hinaus Forschritte bringen soll.

Über jeden Zweifel erhaben ist nicht einmal die scheinbar größte Errungenschaft der dänischen Klima-Strategie, die Windkraft.

Windiges Business

Dänische Firmen, allen voran Weltmarktführer Vestas, beliefern rund ein Drittel des Weltmarkts mit Windkraftwerken. Bei Umsätzen wie jenen von Vestas (2008: sechs Milliarden Euro) ein Riesengeschäft. Dissidenten werfen den dänischen Windkraftwerke-Industriellen daher "Katastrophenkapitalismus" vor, indem sie die Angst vor dem Klimawandel dazu nützen, um mit immer größeren Kraftwerken immer mehr Geld zu machen. Die neuesten Windmühlen haben bei einer Leistung von drei Megawatt Rotordurchmesser von mehr als 100 Meter und erreichen Höhen von 180 Meter. Die daraus entstehende Geräuschbelästigung und andere Beeinflussungen der Umwelt bringen die Einwohner von Regionen, in denen Windkraftparks geplant sind, zunehmend auf die Barrikaden. So geschehen zuletzt in Südschweden und an der finnischen Ostseeküste.(Andreas Stangl, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 5./5.12.2009)

 

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