Das Treibhaus der Worte

4. Dezember 2009, 18:49
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Vom Unbehagen eines Umweltschützers am "nationalen Erbsenzählen von CO2-Molekülen" auf internationalen Klimakonferenzen - von Christian Salmhofer

Und zur Rolle Österreichs in diesem Zahlenzirkus, genannt "Kioto-Protokoll"

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Wir nahmen all das auf uns, um den Mond zu erforschen und wir entdeckten das Wichtigste: unsere Erde." Diese Erkenntnis von Astronaut Bill Anders von Apollo 8 war nicht nur der wirklich große Schritt für die Menschheit, sie steht symbolisch auch für das Ende der Globalisierung. Die Endlichkeit unserer hauchdünnen Atmosphäre zeigt uns in aller Deutlichkeit: Klimaschutz kann nur in seiner globalen Dimension wirken. Gegenwärtig befinden wir uns aber noch im Stadium globaler Autisten. Anstatt Taten zu setzen, perfektionieren wir das Zählen von Treibhausgasen, haben aber keine Ahnung, welche Auswirkungen das Zählwerk namens "Kioto-Protokoll" auf das Weltklima haben wird. Ein Großteil der politischen sowie wissenschaftlichen Analysen dient nur mehr der akrobatischen Selbstdarstellung von nationalen Klimabilanzen.

Klimakonferenz im Orbit

Gelöst werden könnten die internationalen Grabenkämpfe nur durch eine radikale Klimakonferenz. Sie müsste wohl in der Raumstation ISS abgehalten werden. Das wäre zwar sehr teuer. Aber im Angesicht der Erde würden die Entscheidungen mit Sicherheit solidarischer und zugunsten des Weltklimas ausfallen. Denn bei aller Wichtigkeit von Effizienz und Suffizienz wird durch Präpotenz eines vergessen: Wie organisieren wir eigentlich das respektvolle Zusammenleben auf unserem Globus? Wer soll zum Beispiel die CO2-Schuld eines T-Shirts tragen? Das Land, welches die Baumwolle in Monokultur angebaut hat, die Arbeiter, die das T-Shirt genäht haben, der Handel, der die internationale Logistik aufgebaut hat, oder der Konsument, der das Kleidungsstück trägt?

Zurzeit steckt die Klimapolitik, die nichts anderes als "Weltinnenpolitik" ist, mitten im Dilemma dieser nicht verstandenen globalisierten Ethik. "Der Treibhauseffekt ist die letzte kommunistische Gefahr!" , war 1992 die Einschätzung von Georg Bush sen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion glaubten die Neoliberalen gar schon, das "Ende der Geschichte" sei gekommen. In ihrer Siegesfreude wischten sie die Diskussion über die Nutzung der Atmosphäre als globales Gemeingut mit solchen Totschlagargumenten vom Tisch.

Durch die Beschleunigung des Klimawandels sind zwar Polemiken dieser Art selten geworden, dennoch befindet sich die globale Klimapolitik noch im tiefen Sumpf des nationalen Erbsenzählens von CO2-Molekülen. Doch gerade diese Methode ist durch die Globalisierung der Warenströme und der internationalen Arbeitsteilung sehr ungenau. Wenn wir in Zukunft die Globalisierung positiv gestalten wollen, muss uns klar werden, dass unsere klimarelevanten Emissionen eine direkte Folge des Konsums von Gütern sind. Wenn wir Waren wie einen Laptop aus China, der aus Rohstoffen aus aller Welt zusammengesetzt ist, konsumieren, werden nur die Betriebskosten in Österreich abgerechnet. Selbst wenn er in Österreich zusammengeschraubt wird, liegen die wesentlichen Teile der Rohstoffe und des Energieverbrauchs außerhalb unserer Verantwortung. Wer ist nun schuld an den CO2-Emissionen: der Nutzer oder der Hersteller?

Die internationalen Klimakonferenzen funktionieren auf Basis der nationalen Emissionsbilanzen, und so agiert auch die Politik. Sie rechtfertigt vor der eigenen Bevölkerung die Energiesparmaßnahmen mit nationalen Durchschnittswerten von CO2-Emissionen.

Doch das Treibhaus der Worte ist in der Realität nahezu wirkungslos geblieben. Österreich, das pro Kopf und Jahr 11 Tonnen CO2 emittiert, hat kein einziges Klimaschutzziel auch nur in Ansätzen erreicht. Als Bevölkerung eines kleinen, reichen Staates können die Österreicher viel am globalen Markt mitnaschen. Das hohe Konsumniveau bringt es mit sich, dass in Österreich 52% der CO2-Emissionen als graue Energie in den importierten Produkten versteckt ist. Als 1992 die Aluminiumproduktion in Ranshofen geschlossen wurde, verbesserte sich schlagartig die österreichische CO2-Bilanz. Seit dieser Zeit hat aber der Aluminiumkonsum nicht abgenommen. Im Gegenteil, er ist von Jahr zu Jahr gestiegen. Die Energie, die die Aluminiumproduktion verbraucht, findet sich nun meist in der Statistik eines Landes innerhalb der Tropen, wohin die meisten Bauxitschmelzen verlagert wurden.

Globalisierung der Emissionen

Großbritannien, welches bei der Erreichung des Kioto-Ziels als europäischer Musterschüler gilt, hat die CO2-Emissionen nach offizieller Statistik zwischen 1990 und 2006 um rund 16% reduziert. 1990 hat GB 110 Millionen Tonnen seiner CO2-Emissionen in Produkten als graue Energie importiert. 2006 stieg dieser Wert bereits auf 620 Millionen Tonnen. Über die Jahre wurden die energieintensiven Industrien geschlossen und ins Ausland verlagert. London stieg zum weltgrößten Finanzplatz auf, und 84% der Bürger arbeiten inzwischen in Dienstleistungsjobs. Die schwere Arbeit und die graue Energie werden den wirtschaftlich weniger entwickelten Ländern aufgehalst.

Schon im Jahr 2001 setzte die Produktion der Importgüter für die Europäische Union im Ausland fast eine Milliarde Tonnen CO2 frei. Die in der EU hergestellten Exportgüter beinhalten nur halb so viele Tonnen CO2. Somit hat die EU die Emissionen von 500 Millionen Tonnen CO2 ins Ausland verschoben, wobei der monetäre Wert der Im- und Exporte in Summe etwa gleich hoch blieb. China dagegen exportiert in seinen Produkten ein Drittel seines CO2-Wachstums. Versteckt als graue Energie konsumieren die Dienstleistungsgesellschaften diesen statistischen Vorteil.

Alle Staaten, die das Kioto-Protokoll unterzeichnet haben, emittieren netto mindestens ein Viertel ihrer Emissionen im Ausland. - Diese Art von internationaler Klimapolitik leidet am "Dilemma des texanischen Scharfschützen": Wer blind auf ein Scheunentor ballert und dann eine Zielscheibe um die Treffer zeichnet, bekommt zwar ein beeindruckendes Ergebnis, im Endeffekt aber ist es wertlos! (Christian Salmhofer/DER STANDARD, Printausgabe, 5.12.2009)

Christian Salmhofer ist seit 1995 Regionalstellenleiter im Klimabündnis Kärnten und, laut Eigendefinition, "Entwicklungshelfer in Österreich"; das Klimabündnis ist das größte kommunale Klimaschutz-Netzwerk Europas.

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