Steirische Idylle mit Waldleiche

4. Dezember 2009, 18:30
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Rustikal-autoritärer Performance-Spaß: Die Rabtaldirndln erzählen vom Landleben

Wien - "Häuser, in denen Männer gestorben sind, haben eine super Energie." Das ist einer der rabiat-feministischen Weisheitsprüche der Rabtaldirndln, auf den selbst einschlägige Rock- und Popbösewichte noch neidisch werden könnten. Daheim, im (imaginären) steirischen Rabtal, ist das Leben eben nicht zimperlich. Die Rabtaldirndln (Rosi Degen, Bea Dermond, Barbara Carli, Gudrun Maier und Gerda Strobl) betreiben dort neben einer Schänke auch eine kleine Landwirtschaft. Der gehirnschwache Nachbar lenkt den Traktor.

Hochstände und tote Tiere markieren die Grundstücksgrenzen, ein Jagdhund wacht, und für die Hausschlachtung holt man sich den Hubert. Allerdings: Den Hasen murkst man doch gern selber ab. Und sollte es in der Wirtsstube einmal an Gästen mangeln, dann knöpft die Renate vorm offenen Fenster einfach ihre Dirndlbluse auf. Mehr über die Lebensform der steirischen Rabtaldirndln erfährt man in deren neuer Produktion Aufplatzen.

Mit dieser haben sich die steirischen Performerinnen, die sich als Rabtaldirndln gleichsam zum Hauptthema ihrer Kunst erklärt haben, für das internationale Theaterfestival Freischwimmer qualifiziert und gastieren im Rahmen dessen am Samstag im Wiener Brut. Nächste Station: Düsseldorf. Damit betritt eine im Umkreis des Grazer Theater im Bahnhof groß gewordene Gruppe die überregionale Bühne. Die Performerinnen bedienen sich scheinbar altmodischer Kommunikationsformen, laden diese aber neu auf.

Aufplatzen ist ein interaktiver Diavortrag (als käme er vom örtlichen Fotoclub), der sich in Form eines autoritären Frontalunterrichts an sein Publikum richtet. Dieses, in ländlicher Schanigarten-Meublage sitzend, wird mit Ge- und Verboten streng geführt. Die Dias zeigen Ansichten des schönen Rabtals und der hinter den Idyllen erahnbaren Katastrophen. Eine der Performance-Landwirtinnen posiert für den Jungbauernkalender etwa als Waldleiche.

Die Rabtaldirndln transportieren ihre landeskundlichen Mitteilungen in rituellen Gesängen, von fluchartigem Gemurmel begleiteten Prozessionen (sie ziehen ein totes Tier durch den Saal) und autoritärem Deklamieren. Zugleich aber wird der in rigiden Pausen oder allein in den cowgirlhaften Kostümen manifestierte Gestus der Härte ironisiert. Die Autorität wird ausgestellt - und damit als Haltung selbst zum Thema. Das vermittelt sich auch durch die Sprache, die das steirische Idiom in Hochsprache überführt. Aufplatzen ist ein rustikaler Abend, in dem formal viel Neues steckt. Und die Rabtaldirndln - eine Zukunftshoffnung. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe 5.12./6.12.2009)

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