"Politiker sind Menschen verpflichtet, nicht Ölfirmen"

4. Dezember 2009, 17:58
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Der Vorsitzende des UN-Klimarates, Rajendra Pachauri, will den Delegierten in Kopenhagen ins Gewissen reden. Ohne verbindliche CO2-Reduktion drohten Not und Elend. Günther Strobl erreichte ihn am Telefon

STANDARD: Die Gletscher schmelzen dahin - der greifbarste Hinweis, dass die Erderwärmung keine Einbildung ist. Was heißt das für den Klimagipfel in Kopenhagen, der am Montag beginnt?

Pachauri: Die Delegierten müssen sich bewusst werden, dass nicht nur die Gletscher schmelzen. Ein Rattenschwanz an Veränderungen geht mit dem Klimawandel einher - bis zum Verlust der Existenzgrundlage. Wasser wird in manchen Regionen noch knapper; Dürren und Fluten nehmen zu, der Meeresspiegel steigt. Deshalb ist es wichtig, dass man sich auf einen Plan einigt, die Treibhausgasemissionen zu verringern und die schlimmsten Auswirkungen zu verhindern.

STANDARD: Sie sind einer der Keynote-Speakers in Kopenhagen, was ist Ihre Hauptbotschaft an die Delegierten?

Pachauri: Ich werde darauf hinweisen, dass die Auswirkungen des Klimawandels, die wir heute sehen, nichts sind im Vergleich zu dem, was uns blüht, wenn wir nicht rechtzeitig die Stopptaste drücken. Wir haben wenig Zeit. Das IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change; Weltklimarat; Anm.) hat klar gesagt, dass wir konkrete Maßnahmen gegen den CO2-Ausstoß spätestens 2015 setzen müssen, wenn wir den Temperaturanstieg auf zwei Grad beschränken wollen. Deshalb ist eine Zielvereinbarung für 2020 so wichtig.

STANDARD: Sie sind zuversichtlich, dass den Politikern das gelingt?

Pachauri: Ich bin optimistisch, weil sich die USA ebenfalls engagieren wollen und auch China Ankündigungen in diese Richtung gemacht hat. Ich glaube, es gibt ein Momentum, und ich hoffe, dass uns das zu einem Abkommen führen wird.

STANDARD: Was ist das Minimum, das erreicht werden muss, um von einem Erfolg des Gipfels sprechen zu können?

Pachauri: Ein gemeinsames Reduktionsziel bis 2020 ist die Basis. Dazu ein Beschluss über Finanzhilfen für Entwicklungsländer zur Entschärfung der Folgen des Klimawandels und für notwendige Anpassungsmaßnahmen dort. Drittens sollte man auch einen Fonds zur Finanzierung von Technologietransfers einrichten.

STANDARD: Noch gibt es starke Widerstände der Ölindustrie, die am bestehenden Wirtschaftsmodell festhalten will?

Pachauri: Deshalb ist politische Führung gefragt. Die Staatschefs müssen sich bewusstmachen, dass sie für die Menschen in ihren Ländern verantwortlich sind und nicht für die Ölfirmen. Ich hoffe, dass die Leader genug Courage und Visionen nach Kopenhagen mitbringen, um die nötigen Schritte zu setzen.

STANDARD: Was, wenn in Kopenhagen keine Einigung gelingt?

Pachauri: Dann muss der Gipfel möglichst bald wiederholt werden.

STANDARD: Was kann jeder Einzelne tun, den Klimawandel zu bremsen?

Pachauri: Zum Beispiel bewusster mit Energie umgehen, öffentliche Verkehrsmittel nutzen, zu Fuß gehen oder das Fahrrad nehmen.

STANDARD: Müssen wir unseren Lebensstil ändern?

Pachauri: Ja, das ist ein wichtiger Hebel, die Treibhausgasemissionen einzuschränken. Der Lebensstil, der sich in der westlichen Welt durchgesetzt hat und in Schwellenländern nachgeahmt wird, ist mit gewaltiger Verschwendung von Energie verbunden. Wir müssen auch unsere Essgewohnheiten ändern. In einer Welt mit hohem Fleischverzehr wird das Fleisch industriell erzeugt - mit sehr hohen CO2-Emissionen.

STANDARD: Wir stecken gerade in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit langem. Welche Lehren sollten daraus gezogen werden?

Pachauri: Wir sollten die Art des Wirtschaftens überdenken, die wir bisher gewohnt waren, und den nächsten Aufschwung nützen, um auf grüne Technologien umzusteigen. Erfahrungen aus Deutschland oder Österreich zeigen, dass bei einem Umstieg auf erneuerbare Energiequellen und effizientere Energienutzung viele neue Jobs entstehen. Das zeigt: Auch erneuerbare Energieformen schaffen Wachstum - und das noch weitgehend ohne Beeinträchtigung der Umwelt. (DER STANDARD/ 5. 12. 2009)

ZUR PERSON: Rajendra K. Pachauri (69) ist einer der renommiertesten Klimawissenschafter. Der Inder ist seit 2002 Vorsitzender des Weltklimarats IPCC. 2007 nahm er für den IPCC gemeinsam mit Al Gore den Friedensnobelpreis entgegen. In Delhi leitet der Ingenieur und Ökonom mit Teri (The Energy and Ressources Institute) eine der einflussreichsten indischen Umweltorganisationen. Erst kürzlich wurde Pachauri vom Fachmagazin Foreign Policy zum fünft einflussreichsten Denker 2009 gekürt.

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    "Der Lebensstil, der sich in der westlichen Welt durchgesetzt hat und in Schwellenländern nachgeahmt wird, ist mit gewaltiger Verschwendung von Energie verbunden."

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