Das Ökolied der Bürokratie

4. Dezember 2009, 17:37
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Will man das Kioto-Ziel erreichen, muss es oberstes Ziel sein, dass die Stadt ökologisch funktioniert

Wenn's ums Klima geht, pflegen sich die Stadtobersten gerne zu berühmen. Seit Beschluss der ersten Klimaschutzprogrammes (1999) "konnten jährlich 3,1 Mio. Tonnen CO2 eingespart werden" , verlautete dieser Tage Umweltstadträtin Ulli Sima.

Die Grünen hingegen finden anderes in der Stadtbilanz interessanter: Es sei zwar durch einzelne Maßnahmen CO2 eingespart worden - dafür sei in anderen Bereichen, insbesondere beim Verkehr, der Zuwachs umso gewaltiger gewesen, bilanziert die Wiener Grünen-Chefin Maria Vassilakou. Von 1990 bis 2006 seien die Wiener CO2-Emissionen um 13,5 Prozent gestiegen - und damit sei das KliP-Ziel (-14 Prozent) um knapp 28 Prozent verfehlt worden. Also fordern die Grünen Offensiven für Fotovoltaik, thermische Haussanierung, Parkraumbewirtschaftung - und die Einführung einer City-Maut.

Abgesehen vom politischen Hin und Her ist aber die Frage entscheidend: Wie ökofreundlich ist die Kommune in ihrer Gesamtheit? Und genau darüber kann Michaela Reitterer, die Chefin vom ersten Nullenergiebilanz-Hotel bei der Stadthalle, nicht nur ein Liedchen singen - sondern ganze Arien.

Für das Ziel, ein energieautarkes Hotel zu schaffen, hatte sie ein umfassendes Konzept erstellt - und dann kamen die Bauverhandlungen und Auflagen. Bei der Solaranlage verlangte die MA19 (Ortsbildpflege) einen bestimmten Dachwinkel, weil Gründerzeitviertel. Jetzt heißt es: Das blendet die Nachbarn, also soll sie das jetzt in Ordnung bringen - und auf einmal wird ein anderer Winkel gestattet.

Und wegen Reitterers Plan, auf dem Dach Windräder zu installieren, wird ein Gschiss gemacht, als wollte sie ein Eurofighter-Triebwerk aufstellen. Aber dass unten auf der Straße ein einziges Moped lauter dröhnt, ist natürlich gottgegeben. Und dass rundum auf den Dächern Handymasten und Sat-Schüsseln zu Hunderten sprießen, ist natürlich auch etwas anderes - die Stadt muss ja funktionieren.

Nur: Will man das Kioto-Ziel erreichen, muss es quer durch die Stadtverwaltung oberstes Ziel sein, dass die Stadt ökologisch funktioniert. (Roman David-Freihsl/DER STANDARD-Printausgabe, 5./6.12.2009)

 

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