"Wir sind keine Lemminge"

4. Dezember 2009, 17:23
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Achim Steiner ist der Welt oberster Umweltschützer. Über einen möglichen Deal in Kopenhagen, den Umbau der Weltwirtschaft zur "Green Economy" und die Pflicht zum Optimismus sprach er mit Bernhard Pötter

STANDARD: Die ganze Welt schaut skeptisch nach Kopenhagen. Nur von der Unep aus Nairobi kommt Optimismus. Was wissen Sie, das wir nicht wissen?

Steiner: Ich sehe die Fakten: Gerade haben sich wichtige Länder wie die USA, China und Brasilien zu konkreten Schritten bereiterklärt, und das Interesse der Staatschefs ist es nicht, mit einem schlechten Deal aus Kopenhagen nach Hause zu fahren. Ein Deal ist absolut möglich, aber natürlich nicht garantiert. Denn wir müssen auch sehen, dass es hier um sehr weitreichende Veränderungen in unseren Volkswirtschaften geht und dass so ein Vertrag unter allen Staaten fast einmalig in der Geschichte ist.

STANDARD: Sie haben gesagt, halbgare Deals könne es nicht geben. Genau danach sieht es aber im Moment aus. Wie viel Zweck ist also in Ihrem Optimismus?

Steiner: Mein Auftrag als Unep-Exekutivdirektor ist es nicht, der Welt zu sagen, dass sie etwas nicht schaffen kann, sondern zu vermitteln, dass wir eine Kehrtwende herbeiführen können. Ich glaube, dass wir in Kopenhagen die Eckpunkte eines Klimaabkommens verhandeln können, mit politisch verbindlichen Emissionsreduzierungen und Finanzierungszusagen. Dann kann man die Uhr anhalten und im nächsten Jahr zu Ende verhandeln.

STANDARD: Die Industrieländer fahren eine Doppelstrategie: Erwartungen senken und beim Geld pokern bis zuletzt. Ist diese Taktik gefährlich?

Steiner: Die Zeit fürs Taktieren ist vorbei. US-Präsident Obama hat seine Äußerung, es werde kein Abkommen geben, innerhalb von 24 Stunden relativiert. Etwas anderes stimmt mich noch optimistisch: Wenn wir die bisherigen Zusagen zur Emissionsreduzierung zusammenrechnen, sind wir nicht mehr so weit entfernt von dem Wert, den der UN-Klimarat IPCC für 2020 fordert. Da sind die 20 bzw. 30 Prozent der EU, die 25 Prozent von Japan, 40 Prozent von Norwegen plus die freiwilligen Zahlen etwa aus Brasilien, Mexiko oder Korea. Und jetzt haben sich auch die USA und China erstmals zu konkreten Zahlen bekannt.

STANDARD: Aber ein Abkommen erfordert Vertrauen unter den Ländern. Davon ist zwischen Nord und Süd nicht viel zu sehen.

Steiner: Es gibt großes Misstrauen, das stimmt. Die Entwicklungsländer beobachten, dass die Industriestaaten noch nicht zu tiefgreifenden Veränderungen bereit sind, sondern einen Teil ihrer Verantwortung auf sie abwälzen wollen. Diese Spannung wird bis zum letzten Tag die Verhandlungen durchziehen. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon hat als Ziel ausgegeben, der Deal müsse glaubwürdig, fair und effizient sein. Wenn wir das nicht schaffen, ist Vertrauen nicht möglich. Aber ich sehe auch keinen bewussten Versuch, Kopenhagen scheitern zu lassen. Im Gegenteil: Die letzten Wochen waren von einer Intensität der Diplomatie auf höchster Ebene gezeichnet, wie wir sie beim Klima noch nie gesehen haben.

STANDARD: Wie schafft man dieses Vertrauen?

Steiner: Industrieländer müssen verbindliche und ambitionierte Ziele für die CO2-Reduktion sowie angemessene Finanzierungspakete vorlegen. Dann müssen die Entwicklungsländer ihren CO2-Ausstoß vom künftigen Wirtschaftswachstum abkoppeln. Die entscheidende Frage ist doch: Sind die Industrieländer bereit, in eine neue gemeinsame Klimapolitik zu investieren? Es gibt da eine falsche Wahrnehmung, als ob die Industrieländer zu einer Abgabe an die Entwicklungsländer gezwungen werden sollen. Dabei geht es um eine Investitionspartnerschaft zwischen Nord und Süd, um die Weltwirtschaft schnell in eine kohlenstoffarme Wirtschaft zu verwandeln. Es gibt auch Druck aus der Wirtschaft: Im Moment befinden sich Milliarden von Dollar an möglichen Investitionen im Energie- und Transportsektor in der Warteschleife, weil Unsicherheit Gift für solche Entscheidungen ist.

STANDARD: Wer in Kopenhagen _verhandelt, kennt die Fakten: Der _Klimawandel ist real, er kommt schneller als gedacht und wird teurer, je länger wir warten. Warum sind die Reaktionen trotzdem so langsam?

Steiner: Kurzfristiges Denken mag eben manchmal rational erscheinen. Vor allem, wenn die anderen die Bürde aufgelastet bekommen, zuerst zu handeln. Auch Politiker sind in dieser Rolle gefangen. Die meisten von denen, die in Kopenhagen verhandeln, stehen in ein paar Jahren zur Wiederwahl.

STANDARD: Einer der größten Bremsklötze ist aber auch das Verfahren: Alles muss einmütig beschlossen werden, bis selbst ein Bremserland wie Saudi-Arabien zustimmt.

Steiner: Wenn man eine globale Klimapolitik will, muss man dafür alle Staaten einbinden. Die Veränderung zu einer Zukunft ohne fossile Brennstoffe muss alle Interessen berücksichtigen - auch die der ölproduzierenden Länder. Man bekommt keine Weltklimapolitik, wenn man Einzelne ausschließt. Im Übrigen: Was die Ölländer vertreten, das tut in Deutschland die Auto-, in Japan die Stahl- und in den USA die Kohleindustrie. Jedes Land bringt sein Interesse ein.

STANDARD: Aber eine Regelung wie im Montreal-Protokoll zur Rettung der Ozonschicht wäre doch hilfreich: Da kann im Zweifel mit Mehrheit abgestimmt werden, auch über die Interessen einzelner Länder hinweg.

Steiner: Natürlich wäre es einfacher, eine kleinere Gruppe von Staaten zu haben, die vorangeht. Aber dann werden sie mit einem globalen Klimadeal nicht weit kommen. Es geht hier um ganz andere Größenordnungen als im Montreal-Protokoll. Von dem wir allerdings viel lernen können: Erstens können dessen Regeln angepasst werden, wenn die Wissenschaft neue Erkenntnisse hat. Zweitens bestimmen Industrie- und Entwicklungsländer gemeinsam darüber, wie Finanzhilfen verteilt werden. Drittens wurde die Privatwirtschaft einbezogen, weil hier die technologischen Durchbrüche gefunden werden.

STANDARD: Man spricht viel von "Green Economy". Aber die Wirtschaft hat ihren größten Beitrag zur Lösung des Klimaproblems bisher durch die Wirtschaftskrise geleistet, in der die Kohlendioxid-Emissionen stark gesunken sind.

Steiner: Die Finanzkrise ist ein kurzfristiges Phänomen. Die Rückgänge bei den CO2-Emissionen der letzten 18 Monate sind daher nicht relevant. Im Gegenteil schränkt die Krise den Spielraum für finanzielle Zusagen der Industriestaaten gewaltig ein. Nein, für mich hat eine viel größere Bedeutung etwa die Reform der Agrarpolitik in Europa oder das Wachstum beim Öko-Strom in Deutschland auf 15 Prozent oder der Aufstieg Chinas zum weltgrößten Produzenten von Windkraft in nur drei bis vier Jahren. Da sind gewaltige Veränderungen im Gange.

STANDARD: Aber muss sich die Wirtschaft nicht von der Idee des unbegrenzten Wachstums verabschieden?

Steiner: Die Frage ist doch: Kann man das Wirtschaftswachstum abkoppeln von einer Politik der Ressourcenzerstörung? Dänemark hat in den letzten 25 Jahren sein Bruttosozialprodukt um 65 Prozent erhöht, ohne die Stromproduktion auszuweiten. Offenbar ist die Abkopplung also machbar. Und wir müssen immer bedenken: Heute leben noch immer bis zu zwei Milliarden Menschen unter der Armutsgrenze. In 40 Jahren werden wir insgesamt neun Milliarden Menschen auf der Welt haben. Wer glaubt, bei der Armutsbekämpfung ohne Wirtschaftswachstum auszukommen, der muss erklären, wie das machbar sein soll. Aber Wachstum darf nicht wie in den letzten 200 Jahren die natürlichen Lebensgrundlagen plündern, sondern muss Kreislaufwirtschaft und nachhaltiges Management der Ökosysteme integrieren.

STANDARD: Die Debatte um den Klimawandel verdrängt andere Probleme wie die Bedrohung der Artenvielfalt, die Überfischung der Meere oder die Belastung durch die Chemieindustrie.

Steiner: Diese Gefahr besteht, wenn wir die Gesamtperspektive nicht sehen. Ich versuche, den Regierungen zu vermitteln, dass Investitionen in die unterirdische Speicherung von Kohlendioxid aus Kraftwerken eine Option sind - dass sie aber in Ökosystemen wie Mooren und Wäldern eine über Millionen von Jahren entwickelte und perfekt funktionierende Technik zur CO2-Speicherung haben. Wir müssen in ihren Erhalt investieren, statt sie zu zerstören. Die Renditen sind da erstaunlich, aber bislang zu wenig erfasst. Auch das ist ein Baustein unserer "Green Economy"-Strategie.

STANDARD: Sie geben die Hoffnung wohl nie auf.

Steiner: Man muss lernen, mit Rückschlägen zu leben. Aber für Selbstmitleid, Zynismus oder Frustration ist meine Aufgabe bei Unep nicht geeignet. Ich ziehe meine Hoffnung aus dem wachsenden Bewusstsein der Menschen: Wir sind keine Lemminge. Wir definieren uns auch über die Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen. Das öffentliche Bewusstsein ist der Grund dafür, dass Politik und Wirtschaft zunehmend anderes Handeln lernen. Vor fünf Jahren noch haben wir noch debattiert, ob es Klimawandel überhaupt gibt. Heute verhandeln wir darüber, wie wir die Weltwirtschaft neu ausrichten können. Da ist ein gewisses Element des Optimismus gerechtfertigt. Trotzdem sorge ich mich, dass wir uns zu sehr an kurzfristigen Interessen orientieren. Man darf also eine gewisse Ungeduld nicht aufgeben. Unsere Aufgabe bleibt, die Lösungen von morgen schon heute möglich zu machen, denn uns fehlt schlicht die Zeit, auf morgen zu warten.

ZUR PERSON: Der Deutsche Achim Steiner (48) ist seit 2006 Direktor des UN-Umweltprogramms. Für ihn hat "die Unep nicht das Monopol zur Rettung der Welt", denn mit 500 Mitarbeitern und einem Etat von 200 Millionen Dollar ist sie weitaus kleiner als etwa das deutsche Umweltministerium. Die Unep hat mit dem UN-Klimarat IPCC die Wissenschaft in der politischen Debatte verankert.

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    New York am 20. September. Model Gisele Bündchen wird Goodwill-Ambassador für die Anliegen der Unep im Vorfeld des Kopenhagener Gipfels. Unep-Chef Achim Steiner sieht es positiv.

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