"Wir würden in einer anderen Welt leben"

4. Dezember 2009, 18:19
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Der Mensch stirbt zwar nicht aus, die Folgen der Erderwärmung um mehr als zwei Grad wären aber drastisch: Der Klimaforscher Ulrich Foelsche plädiert im Gespräch mit Thomas Trenkler für sofortige Maßnahmen zur CO2-Reduktion

STANDARD: Wissenschafter schlagen Alarm, das Magazin "Profil" stellte als Cover-Geschichte sogar die reißerische Frage: "Stirbt der Mensch aus?" Andere tun die Warnungen als Panikmache ab. Was also?

Foelsche: Der Mensch stirbt nicht aus. Das ist reiner Alarmismus. Und wir werden nicht die Erde verlassen müssen, weil wir ein Klima wie auf der Venus bekommen - wie Stephen Hawking behauptet hat. Das ist Unsinn. Auch die Pole werden wir nicht schmelzen, wie manche Zeitungen behaupten - schon eher das Polareis. Bei ungebremstem Klimawandel würden wir aber in einer anderen Welt leben, an die wir und unsere Wirtschaft in keiner Weise angepasst sind. Denn es steht völlig außer Zweifel, dass wir die Zusammensetzung der Atmosphäre drastisch verändern, dass Kohlendioxid und andere Treibhausgase, darunter Methan, die Temperaturen erhöhen.

STANDARD: Wirklich zu spüren ist das aber nicht, oder?

Foelsche: Es ist nicht jedes Jahr wärmer als das vorhergegangene, weil es selbstverständlich auch natürliche Klimaschwankungen gibt - schon seit mehr als 4,5 Milliarden Jahren der Erdgeschichte. Wenn man sich zum Beispiel nur den Trend für den Zeitraum 1998 bis 2008 herauspickt, würde man feststellen, dass die globalen Temperaturen kaum gestiegen sind, weil 1998 besonders warm, 2008 relativ kühl war. Aber wenn man sich größere Zeiträume anschaut, dann sieht man sehr wohl, dass die Tendenz ganz klar nach oben geht. Und diesen Temperaturanstieg, insbesondere seit 1975, können wir nicht mehr ohne den menschlichen Einfluss erklären. Da wir die Zusammensetzung der Atmosphäre laufend weiter verändern, ist es klar, dass auch die Temperaturen weiter steigen werden. Das Klima war selten so stabil wie in den letzten 10.000 Jahren, in denen unsere Zivilisation entstanden ist. Und da haben schon sehr kleine Veränderungen sehr drastische Auswirkungen. Im Moment stören wir dieses Gleichgewicht so schnell, dass die natürlichen Regelprozesse nicht mehr mitkommen.

STANDARD: Was passiert schlimmstenfalls, wenn wir nicht aufhören, fossile Brennstoffe zu verbrennen?

Foelsche: Irgendwann werden wir aufhören müssen: Wenn es kein Erdöl mehr gibt. Und wir werden freiwillig aufhören, wenn es kein billiges Öl mehr gibt. Das könnte bereits 2030 sein. Schon seit längerer Zeit wurde kein großes Erdölfeld mehr gefunden. Das schlimmste Szenario wird daher wohl gar nicht erreicht werden.

STANDARD: Und wenn doch genügend Öl gefunden werden sollte?

Foelsche: Wenn wir den Verbrauch nicht drastisch reduzieren, müssen wir gegen Ende des 21. Jahrhunderts mit Temperaturen rechnen, die drei bis vier Grad höher sind als heute. Zum Vergleich: Am Höhepunkt der letzten Eiszeit war es weltweit um etwa fünf Grad kälter als heute. Und ein Großteil Österreichs lag damals unter Eis. Das Problem ist aber nicht die Zieltemperatur - auch bei sieben Grad höheren Temperaturen ist Leben selbstverständlich möglich: Es hat lange Phasen der Erdgeschichte gegeben, in denen es so warm war. Aber das Leben hat sich in Millionen Jahren an die damaligen Bedingungen angepasst. Wenn man hingegen binnen zweier Jahrhunderte die Temperaturen um sieben Grad hinaufdreht, erreicht man bei sehr vielen Arten die Grenze der Toleranz. Erinnern wir uns nur an den Sommer 2003, der - noch - ein extremer Ausreißer war: Aufgrund der tagelang anhaltenden Hitze kam es allein in Frankreich zu mehr als zehntausend Todesfällen.

STANDARD: Was ist nun mit dem schmelzenden Polareis?

Foelsche: Wenn alles Eis auf der Erde schmelzte, würde der Meeresspiegel um 70 Meter ansteigen. Das ist eine Menge. Aber der Großteil des Eises liegt in der Ostantarktis, wo extrem niedrige Temperaturen herrschen. Auch ein Anstieg um fünf Grad würde nicht dazu führen, dass dieses Eis abschmilzt.

STANDARD: Aber das Eis der Arktis schmilzt bereits.

Foelsche: Ja. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es in zwei Jahrzehnten im Sommer praktisch kein Meereis mehr gibt. Das hat natürlich Konsequenzen - nicht nur für die Eisbären. Denn Eis reflektiert Sonnenstrahlung. Eine dunkle Wasseroberfläche hingegen nimmt viel Sonnenstrahlung auf. Dadurch würde sich das Polarmeer schnell weiter erwärmen. Einen Anstieg des Meeresspiegels durch das Schmelzen dieses Eises ist allerdings aus physikalischen Gründen ausgeschlossen. Weil das Eis ohnehin schon auf dem Meer schwimmt.

Auf der Insel Grönland gibt es aber einen mächtigen Eisschild, der bis zu 3000 Meter dick ist. Er ist ein Relikt aus der Eiszeit: In den letzten Jahrtausenden hätte keine Eisschicht dieser Dicke entstehen können. Wenn die Temperaturen langfristig mehr als zwei bis drei Grad höher sind als heute, ist es sehr wahrscheinlich, dass dieses Eis schmilzt. Natürlich nicht von heute auf morgen, das dauert zumindest zwei bis drei Jahrhunderte. Aber der Prozess wäre nicht mehr umkehrbar und würde den Meeresspiegel um sechs bis sieben Meter anheben. Das hätte wirklich massive Folgen: All die Metropolen, die am Meer liegen, müssten umgesiedelt werden. Und das wäre wahnsinnig teuer. Also: Man hätte genügend Zeit, sich in Sicherheit bringen - wenn es den Raum dafür gäbe. Denn ein Großteil von Bangladesch würde überschwemmt werden, das restliche Land für die vielen Menschen nicht ausreichen.

STANDARD: Marie Antoinette würde sagen: Dann sollen sie doch Deiche bauen!

Foelsche: Natürlich gibt es die Strategie, sich anzupassen. Die Niederlande sind reich genug, sich höhere Dämme zu leisten. Aber Bangladesch ist es wohl kaum.

STANDARD: Würde sich die Natur nicht selbst helfen?

Foelsche: Höchstwahrscheinlich. Aber sie braucht dazu ihre Zeit. Vor 55 Millionen Jahren war es schon einmal sieben Grad wärmer als heute: In relativer kurzer Zeit wurden riesige Mengen an Treibhausgasen wohl aus Reservoiren am Meeresgrund freigesetzt. Das hat dazu geführt, dass es Palmen in Kamtschatka und Alligatoren auf Ellesmere Island gab, wo heute Polarfüchse leben. Die Temperatur hat sich danach wieder eingerenkt - wahrscheinlich durch die Ankurbelung des Pflanzenwachstums in den Ozeanen. Die Erde brauchte dafür allerdings 120.000 Jahre. Haben wir diese Zeit?

STANDARD: Algen binden aber auch schon heute Kohlendioxid.

Foelsche: Ja, genau. Nur etwa die Hälfte der Treibhausgase, die wir derzeit freisetzen, reichert sich in der Atmosphäre an. Die andere Hälfte wird von der Biosphäre und von den Ozeanen aufgenommen. Das führt aber auch dort zu Problemen, weil der Säuregrad des Wassers steigt. In manchen Gewässern wurde bereits der Punkt erreicht, an dem Kalkschalen nicht mehr stabil sind - und sich daher Korallen aufzulösen beginnen.

STANDARD: Die Malediven wären, wie Atlantis, versunken. Gäbe es aber nicht auch Gewinner?

Foelsche: Sicher: Man kann im November durchaus gut mit 18 Grad plus leben und Heizkosten sparen. Mit den zunehmenden Temperaturen steigt aber auch die Gefahr von Hitzewellen und Trockenheit an. In den Rocky Mountains gibt es eine Fläche größer als Österreich mit abgetöteten Wäldern. Da es keine klirrende Kälte mehr gibt, überleben die Borkenkäfer den Winter. Die Wahrscheinlichkeit für positive Konsequenzen ist deutlich geringer als für negative. Und wir sind als Menschheit insgesamt dafür verantwortlich. Die Frage ist, ob wir diese Verantwortung tragen wollen. Daher plädiert man, den Wert von etwa zwei Grad Erwärmung nicht zu überschreiten.

STANDARD: Wir müssen also die Emission der Treibhausgase radikal reduzieren. Ist das ein Plädoyer für den Bau von Atomkraftwerken?

Foelsche: Nein. Es ist nicht sinnvoll, auf eine Energiequelle zu setzen, die derartige negative Konsequenzen nach sich zieht - wir wissen ja noch immer nicht, was wir mit dem Atommüll tun sollen. Am sinnvollsten wäre es, die Energie zu nutzen, die von der Sonne gratis geliefert wird und unser gesamten Leben auf der Erde antreibt.

STANDARD: In Österreich wird relativ viel Strom aus Wasserkraft gewonnen, der Pro-Kopf-Ausstoß von CO2 ist im Vergleich gar nicht so hoch. Warum schaffen wir es nicht, das Kioto-Ziel zu erreichen?

Foelsche: Am wenigsten weh tut es, Emissionen einzusparen, die durch Energievergeudung produziert wurden. Den USA fällt es daher viel leichter, den derzeit noch enorm hohen CO2-Ausstoß zu verringern. Der Pro-Kopf-Ausstoß in Kalifornien ist bereits auf europäisches Niveau gesunken. Damals, als wir unser Versprechen abgegeben haben, waren die CO2-Emissionen relativ niedrig. Aber wir haben uns nicht verbessert, ganz im Gegenteil: Die Hauptursache für den Anstieg der Emissionen ist der zunehmende Verkehr. Wenn wir das Kioto-Ziel nicht erreichen, müssen wir Emissionsrechte einkaufen - beim derzeitigen Marktwert um einer Milliarde Euro. Es wäre deutlich sinnvoller, diese Milliarde sofort in Maßnahmen zur Reduktion des Treibhausgases zu stecken. Wenn man sich überlegt, was man aus den komplexen Molekülen im Erdöl alles machen kann und macht, dann ist das Verheizen oder Verbrennen ja nicht unbedingt die beste Methode, um mit diesem wertvollen Rohstoff umzugehen. Es erscheint ja auch nicht sinnvoll, Diamanten zu verheizen. Und daher tun wir es nicht. (DER STANDARD/ 5. 12. 2009)

ZUR PERSON:
Ulrich Foelsche, geboren 1968 in Graz, ist Assistenzprofessor am Institut für Physik der Karl-Franzens-Universität Graz und stellvertretender Leiter der Arbeits-gruppe „Atmospheric Remote _Sensing and Climate System" am Wegener-Zentrum für Klima und Globalen Wandel.

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