"Entspring den Haftbanden!"

4. Dezember 2009, 16:59
142 Postings

Die Synthie-Pop-Könige gastierten wieder einmal in der Wiener Stadthalle. Unter dem Motto "Wir lassen uns das Rocken nicht verbieten" setzte es größte Hits

Wien - Als Martin Gore irgendwann in den 1970er-Jahren während eines langweiligen Nachmittags im katholischen Pfarrheim des verträumten englischen Provinzstädtchens Basildon auf einem billigen japanischen Casio-Keyboard die Rhythmustaste entdeckte, konnte eines sicher niemand ahnen: 30 Jahre später zählt er heute mit seiner Band Depeche Stones nicht nur zu den größten, einflussreichsten und erfolgreichsten Rockacts der Welt. Martin Gore ist gemeinsam mit Tänzer Dave Gahan und dem für die Buchhaltung zuständigen Andrew Fletcher, der sich heute in der Wiener Stadthalle wieder einmal schüchtern hinter seiner Rechenmaschine versteckt, längst auch ein zentrales Urgestein des britischen Bluesrock alter Schule.

Ausgehend vom fröhlich-nassforschen Popformat, das die Depeche Stones damals auf billigen Korg-Synthesizern entwickelten, und ergänzt durch die ausdrucksstarke Stimme Dave Gahans, die das Publikum von jeher in ihren Bann zu ziehen weiß, ging die Band bald von der bunt schillernden Oberfläche der Hitparaden in die Tiefe.

Private Schicksalsschläge, Scheidungen, Erfahrungen mit weichen und harten Drogen sowie das Studium alter Platten von Blixa Bargeld, David Bowie und anderen mythisch verklärten Vätern des Country-Blues brachten die Depeche Stones weg vom klinisch kalten Sound ihres technoiden Maschinenparks. Die Zielrichtung des aktuelleren Materials geht spätestens seit dem Album The Dark Side Of The Moon von 2001 und der heroinbedingten Nahtoderfahrung Dave Gahans eindeutig Richtung Blues und Gospel.

Davon zeugt schon der Opener in Wien, der soulige Song In Chains. In diesem Lied schildert Dave Gahan, ausgehend von einer Fesselungsszene in einem SM-Club in Leipzig, recht eindrücklich, um was es im Leben jedes Künstlers immer gehen muss. Es geht darum, die Fesseln der Gesellschaft abzustreifen und ganz frei zu werden. Leipzig wurde von Bücherwurm Dave nicht von ungefähr als Handlungsort ausgewählt, liegt die Stadt doch nahe von Merseburg und seinen weltbekannten Zaubersprüchen. Der erste von ihnen geht so: "Entspring den Haftbanden, entfahr den Feinden."

Nachdem die Depeche Stones vor einem begeisterten Publikum mit Klassikern wie A Question Of Time, Walking In My Shoes, It's No Good, I Feel You, Never Let Me Down Again sowie Keep Rocking This Way und Born To Rock restlos überzeugt und sich selbst an den Rand der Erschöpfung gespielt hatten, folgte mit den Zugaben der eigentliche Höhepunkt auf der vom holländischen Lichtkünstler Anton Corbijn gespenstisch ausgeleuchteten Bühne: Stripped und Behind The Wheel wurden schließlich von einem alten Lied des US-Bluesmusikers Johnny Cash gekrönt. In seinem Personal Jesus heißt es: "Wer nichts weiß, muss alles glauben." Ein Triumph. (Christian Schachinger, DER STANDARD/Printausgabe, 05./06.12.2009)

  • Dave Gahan gibt in der Wiener Stadthalle den harten Bluesrocker und
zitiert im Gospel "In Chains" den ersten Merseburger Zauber-spruch.
    foto: corn

    Dave Gahan gibt in der Wiener Stadthalle den harten Bluesrocker und zitiert im Gospel "In Chains" den ersten Merseburger Zauber-spruch.

Share if you care.