Die evolutionären Konsequenzen der Vogelfütterung

6. Dezember 2009, 17:06
  • Artikelbild
    foto: uni freiburg

"Evolution zum Zuschauen" stellen deutsche Forscher bei Mönchsgrasmücken fest

Freiburg - Ein Team um Martin Schaefer von der Universität Freiburg konnte nun zeigen, dass die Evolution von reproduktiver Isolation, also der Einschränkung der Fortpflanzung auf die eigene Population, welche den ersten Schritt der Artbildung darstellt, bei einem süddeutschen Zugvogel innerhalb von 50 Jahren passieren kann. Das sei "um einige Zehnerpotenzen schneller als bisher angenommen".

Ein Mitgrund ist das Vogelfüttern. Eine gute Nahrungsversorgung hat die Mönchsgrasmücken dazu bewogen, nicht mehr so weit zu fliegen. "Wir haben uns die Mönchsgrasmücken-Population in Süddeutschland genauer angesehen. Der Großteil der Vögel verbringt den Winter in Südspanien", so Gregor Rolshausen aus der Forschungsgruppe. "Seit den 60er-Jahren hat sich eine neue Zugstrategie etabliert und Teile der deutschen Population überwintern jetzt in England. Dabei ging es ihnen offensichtlich ganz gut. Heute sind es bereits zehn bis 15 Prozent der süddeutschen Vögel, die den Winter dort verbringen", so der Forscher.

Frühere Rückkehr

"Da die Strecke nach England deutlich kürzer ist, kommen die Tiere früher nach Deutschland zurück und beginnen gleich nach der Rückkehr mit dem Nestbau und der Paarung", so Rolshausen. "Das bedeutet, dass die England-Gruppe unter sich bleibt. Untersuchungen haben ergeben, dass sie sich genetisch von jenen, die in Spanien überwintern, unterscheiden." Damit konnten die Forscher zeigen, dass sich die Populationen gegenwärtig auseinander entwickeln und sich nicht beliebig miteinander fortpflanzen, obwohl die Tiere in unmittelbarer Nachbarschaft brüten.

Folgen

Die Schnelligkeit der Evolution von reproduktiver Isolation bei Mönchsgrasmücken ist nicht nur faszinierend, sondern hat auch Folgen. "Jene Tiere, die in Großbritannien überwintern, haben rundere Flügel, die ihnen mehr Wendigkeit verleihen. Diese wären bei einer langen Zugstrecke allerdings hinderlich", erläutert Rolshausen. "Auch die Schnabelform und -färbung sowie die Gefiederfarben der Vögel beider Populationen unterscheiden sich."

Die Studie sei ein gutes Beispiel für die vielfältigen evolutionären Konsequenzen, die mit Umweltveränderungen verknüpft sind, schreibt Schaefer. Die Evolution solcher Zugstrategien hat wiederum Auswirkungen auf die Evolution der Mönchsgrasmücke, da momentan der Genfluss zwischen Populationen mit unterschiedlicher Zugrichtung reduziert ist. Die Studie zeige, dass evolutionäre Vorgänge zwar meist erst nach vielen tausenden und Millionen von Jahren sichtbar werden, aber innerhalb von wenigen Jahrzehnten ablaufen und nachweisbar sind, so die Forscher. (pte/red)

Kommentar posten
16 Postings
1komma144729886
00
7.12.2009, 13:19
also

ziemlich das gegenteil von dem, was bei uns menschen so üblich ist (die paar sich isoliert reproduzierenden ausgenommen).

captain future
11
7.12.2009, 11:25
Also ich als Spanien-Urlauber

wuerde mich auch nie mit England-Reisenden paaren.

fuchstritt
00
7.12.2009, 09:34

das essen auf den britischen inseln ist ja bekannt grauslich,das wird den vogerln auch aufgefallen sein...

Cogito Ergo Dumm
10
7.12.2009, 08:18
Interessant

Aber wer hat denen gesagt, dass man nunmehr in England überwintern kann, statt nach Spanien zu fliegen? Oder ist der Wanderweg doch nicht genetisch einprogrammiert? Existiert gar "Bewusstsein" bei Tieren?

stilicho
00
12.12.2009, 03:11

Soviel ich weiß ist die Richtung bei Zugvögeln genetisch vorgegeben. Es gibt jedoch immer "Mutationen" die in eine andere Richtung fliegen. Sollten diese dann Überleben entsteht, eine neue Population, die dann in die neue Richtung fliegt.

Mulla Nasrudin
00
8.12.2009, 17:01

Natürlich gibt durchaus genetische Faktoren, die Zeitpunkt und Richtung des Zugvogelflugs beeinflussen:
http://tinyurl.com/ycedoq8

Cogito Ergo Dumm
00
9.12.2009, 07:51
Das stelle ich auch nicht in Frage,

sondern warum haben diese Vögel plötzlich NICHT mehr die instinktive Wanderroute verwendet, und gleich drastisch (himmelsrichtungmäßig) gewechselt? Wenn das ein genetischer Defekt wäre, wäre er bei einem Vogel aufgetreten, nicht bei einer großen Population...

stilicho
00
12.12.2009, 03:15

Am Anfang können es durchaus nur wenige Vögel sein, die in die neue Richtung fliegen. Sollten diese dann überleben, werden deren Nachkommen auch in diese Richtung ziehen und es werden immer mehr.

Cogito Ergo Dumm
00
12.12.2009, 07:48
Die Frage nach der Anzahl ist irrelevant

Es geht darum, warum überhaupt die genetische Präsdisposition zum Fliegen einer bestimmten Route nicht mehr schlagend wird. Wenn es bei einem einzelnen Vogel gewesen wäre, hätte der kaum überlebt. Warum gibt es also plötzlich eine neue Population?

stilicho
00
12.12.2009, 14:17

Zufall! es gibt immer einige wenige Exemplare die in die "falsche" Richtung fliegen. Wenn sie sterben können sie ihre Gene nicht an Nachkommen weitergeben. Wenn sie aber überleben entsteht eine neue Population die in die neue Richtung fliegt. Evolution!

Michael B
01
7.12.2009, 11:34
Das merken sie dann, wenn sie in England NICHT erfrieren.

Dann wissen sie, sie müssen nicht nach Spanien weiterfliegen.

AlBundyFan
 
00
7.12.2009, 10:50
das hätte mich auch intressiert

ich mein, das ist doch eine gänzlich andere richtung....wenn sie in der schweiz oder südfrankreich geblieben wären, dann wäre das leicht nachzuvollziehen - aber was bringt vögel dazu ihre flugrichtung um 90 grad zu drehen und komplett woanderst hinzufliegen.

auch wenn der artikel von einer spannenden sache erzählt wäre für mich das noch viel intressanter.

Cogito Ergo Dumm
00
8.12.2009, 08:29
Genau das ist das Interessante an diesem Fall

Aber das Aufwerfen dieser Frage hat mir gleich mal einen roten Strich eingebracht...

;-)

h 90
01
7.12.2009, 09:45

zuerst haben sie jedenfalls die Geschmacksnerven verloren.

1komma144729886
00
7.12.2009, 13:16

und diesen mangel offenbar vererbt; jetzt ist er ein eindeutiger vorteil

h 90
00
7.12.2009, 17:29

Vor allem wenn die englischen Vogeldamen so huebsch wie menschlichen Damen sind.....
Die eine Haelfte der Grasmuecken wuerden Moenche die anderen haben den Geschmack ganz verloren.
(an der Minderheit die sich dann lieber mit Fledermaeusen gepaart hat wird noch geforscht)

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.