Empfänglich für Radikales

4. Dezember 2009, 16:38
posten

Die Theatergruppe "theater.wozek" bringt Horváths "Ein Kind unserer Zeit" im Theater an der Gumpendorfer Straße auf die Bühne

Ein zorniger junger Mann, der seinen Vater verachtet und für einen Feigling hält, hat genug von Armut und Arbeitslosigkeit und meldet sich freiwillig zur Armee. Seine verschämten Versuche, sich einer jungen Dame zu nähern, scheitern, was ihn noch härter und empfänglicher für radikale Unnachgiebigkeit macht.

Voll jugendlicher Begeisterung versagt er sich fortan das Denken und Fühlen und liefert sich seinem Vaterland aus, dem Gehorsam, dem faschistoiden Drill: "Wir kämpfen für das Gute, für das Volk, für den Frieden." Ein neuer Krieg, größer noch und brutaler als jener der Väter, soll die Welt "säubern von dem organisierten Untermenschentum" - so sagt es das Vaterland, so glaubt es der junge zornige Mann (Martin Oberhauser).

Oberhausers Spiel und das seiner beiden Kollegen, Barbara Sotelsek und Charly Vozenilek, die in ständig wechselnden Rollen zu sehen sind, ist derart unmittelbar, dass Rohheit und Brutalität dem Zuschauer in manchen Momenten fast physisch erlebbar ins Gesicht geschleudert werden. Ebenso das Grauen, das schließlich im Krieg über den jungen Mann hereinbricht. Dabei ist das Bühnenbild auf wenige kistenartige Blöcke, ein paar Glasscheiben seitlich und hinter der Bühne und ein Mikrofon reduziert - mit einfachsten Mitteln, raffiniert eingesetzt, erzielt das Schauspieler-Trio größtmögliche Effekte. Das Mikrofon etwa, rhythmisch gegen die Stirn eines Darstellers geklopft, unterlegt das Spiel der anderen mit hörbarem Herzschlag; der Kugelhagel, in dem der junge Mann beim Versuch, den Hauptmann zu retten, seinen Arm verliert, wird durch Einsatz von stroboskopischem Licht aufwühlend inszeniert.

Mit zeitgemäßer Musik und aktuellen Attributen - als Uniform dient ein Fußballdress - übersetzt Regisseur Karl Wozek den Stoff in ein zeitloses Jetzt. Damit macht er klar: Es handelt sich um ein Kind auch unserer Zeit, auch heute gibt es wieder genug zornige junge Männer - arbeitslos und empfänglich für Radikales. (Stefan Mayer, DER STANDARD/Printausgabe, 05./06.12.2009)

TAG , 1060 Wien, 5., 7., 12., 14. 12. jeweils 20.00 sowie am 10. 12. 14.30

  • Sieht nach Abfuhr aus: eine junge Frau (Barbara Sotelsek) und ihr Möchtegern-Verehrer (Martin Oberhauser).
    foto: tag

    Sieht nach Abfuhr aus: eine junge Frau (Barbara Sotelsek) und ihr Möchtegern-Verehrer (Martin Oberhauser).

Share if you care.