Wie Feuer und Wasser

4. Dezember 2009, 17:36
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    foto: heribert corn

    Barbara Frischmuth: "Als meine Mutter mich nach der Geburt meines Sohnes in der Klinik besuchte, schockierte sie mich mit der Bemerkung ‚Gelt, ein Bub ist halt doch ganz was anderes.‘ Dabei sagte sie das nicht, weil sie Männer für gescheiter, tüchtiger oder begabter hielt - sie mochte sie einfach lieber.

Sie war ein äußerst großzügiger Mensch, stolz und jähzornig. Das Porträt meiner Mutter - Von Barbara Fischmuth

Sie neigte zur großen Geste und zum spektakulären Auftritt, auch wenn sie sich beides selten gestattete. Nur mit Geld konnte sie nicht umgehen.

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Als sie achtzig wurde, meinte sie: "Neunzig muss man nicht unbedingt werden." Ein paar Monate bevor es dann so weit war, wollte sie es genau wissen: "Entweder es geht mir danach entscheidend besser, oder ich hab endlich meine Ruh." Und sie ließ sich operieren, obwohl es nicht lebensnotwendig gewesen wäre. Nichts jagte ihr größere Angst ein, als ein Pflegefall zu werden.

Niemand konnte ihr die Operation ausreden, weder ihre beiden Kinder noch ihre sechs Enkel, von den sieben Urenkeln ganz zu schweigen. Als sie aus der Narkose erwachte, soll sie noch einige ihrer berüchtigten Scherze losgeworden sein. Ihr Körper reagierte auf die Provokation und entschied sich gegen den Pflegefall, aber auch gegen das bessere Leben.

Ja, sie war meine Mutter, und nein, wir haben uns nicht verstanden. Nicht wirklich. Wie Feuer und Wasser. Wenn wir länger zusammen waren, stieg die Gewitterneigung.

Mir machte eine gewisse Ähnlichkeit mit ihr zu schaffen, sie fühlte sich durch mein Leben ständig daran erinnert, was das ihre ihr vorenthalten hatte.

Sie war zehn, als ihr Vater an Grippe starb. Ihre Mutter, meine Großmutter, war vor ihrer Heirat mit dem Fleischermeister und Hausbesitzer (so steht es auf seinem Grabstein) der erste weibliche Kassier im Konsumverein gewesen. Nach dem Tod meines Großvaters führte sie die Salinenfleischhauerei allein weiter.

Meine Mutter klagte manchmal darüber, wie hart ihre Mutter gewesen sei, die sie nach der Klosterschule zur Arbeit in der Filiale der Fleischbank nötigte, obwohl sie viel lieber Altertumsforscherin geworden wäre. Aber Anfang der Dreißigerjahre und auf dem Land war Archäologie eine Wissenschaft von einem anderen Stern.

Nur das Lesen war ihr ein Leben lang geblieben, u. a. das von Kriminalromanen. Und sie konnte sie erzählen, dass einem der Atem stockte. Dabei schien sie sich mit Miss Marple zu identifizieren, einer von ihr mit privaten Eigenheiten angereicherten Miss Marple.

Als ich für die Jugendverbotfilme noch nicht alt genug war, ließ ich sie mir von ihr erzählen. Vor allem im Winter, wenn das Hotel, das sie nach dem Tod meines Vaters weiterführte, geschlossen war und sie Zeit hatte, ins Kino zu gehen. Das waren die Stunden, in denen ich sie vorbehaltlos liebte. Aber auch wenn sie ihre Show abzog, wie ihr zweiter Mann es nannte, wenn er das Gefühl hatte, sie hätte sie ihm gestohlen. Sie spielte sich selbst und war überaus gut in dieser Rolle. Um ihre Eigenständigkeit zu bewahren, ließ sie nur wenige Menschen an sich heran, aber wenn sie in Fahrt kam, konnte sie jeden zum Lachen bringen, indem sie sich über sich und ihre Eigenständigkeit lustig machte und sie dadurch umso komischer erscheinen ließ.

Eingeklemmt zwischen zwei Brüdern, erzählte sie mit leidenschaftlicher Boshaftigkeit, wie sie sich an beiden gerächt hatte, an dem älteren, der sich ihr gegenüber die Rolle des Vaters anmaßte, und an dem jüngeren, der ihr die Liebe ihrer Mutter streitig machte, der übrigens ihre Nase nicht schön genug war. Und so fuhr meine Großmutter mit ihr zu dem bekannten Chirurgen Schönbauer nach Wien (einem Neffen meines Großvaters), damit er ihr die Nase operierte. Schönbauer weigerte sich, und so wurde ein Nasenformer angeschafft, den meine Mutter nachts tragen musste. Als ihr älterer Bruder sich einmal, als er angetrunken nach Hause kam und ihr auf dem Weg zum Klo begegnete, fürchterlich erschreckte, wurde der Nasenformer wieder abgeschafft.

Ich war ganz Ohr, wenn meine Mutter von ihrer Hochzeitsreise nach Budapest erzählte, als mein Vater noch einen Sprung an die Bar machte, während sie die Koffer auspackte. Über dem Ehebett hing das Bild eines Generals, das ihr seines martialischen Ausdrucks wegen Unbehagen bereitete. Daher drehte sie es um. Auf der Rückseite marschierten jedoch biologische Krieger, nämlich Wanzen, auf und ab, worauf meine Mutter die Koffer wieder packte.

Mein anderer Großvater war damals Präsident der österreichischen Hoteliersvereinigung, und mein Vater sollte wohl auf seiner Hochzeitsreise herausfinden, wie es in Budapest so lief, vor allem in dem Hotel, in dem er für die Frischvermählten gebucht hatte. Mein Vater schickte ihm sogleich ein Telegramm mit dem Wortlaut: "Auf der Mauer, auf der Lauer ..."

Oder wenn sie erzählte, wie eine ihrer Freundinnen sie Ende der Dreißigerjahre zu einem Heimatabend der Nationalsozialisten mitnahm und meine Mutter es nicht fassen konnte, wie eine Reihe einheimischer Frauen, die im Sommer zuvor noch an der Bar in ihrem Hotel mit den jüdischen Gästen herumgeknutscht hatten, sich ganz und gar nicht mehr daran zu erinnern schienen und plötzlich ihre Väter und Brüder auf dem Altar des Vaterlandes opfern wollten.

Und als man ihr als Hoteliersfrau anbot, in die Partei einzutreten, lehnte sie schnippisch ab: "Mein Mann war euch nicht gut genug, also lasst mich in Ruh!" (Mein Vater war als politisch unzuverlässig eingestuft, früh eingezogen und an die russische Front geschickt worden.)

Meine Mutter war die Einzige der Frauen am Tisch meines Großvaters, die es wagte, aufzuspringen und die Tür hinter sich zuzuknallen, wenn er ihr, obwohl er wusste, dass sie Schwammerlsauce verabscheute, einen Schöpfer voll auf den Teller leerte.

Sie verriet den steckbrieflich verfolgten kommunistischen Bauernführer nicht, von dem es hieß, er sitze in Linz im Gefängnis, und den sie bei einer Wanderung mit ihrer Schwiegermutter im Dachbodenfenster seines Hauses erspähte, wobei er ihr auch noch zunickte. Später revanchierte er sich, indem er ihr nachts, nach einer Schwarzschlachtung, ein Stück Lungenbraten ins Fenster legte, weil er der Meinung war, sie als Hoteliersfrau könne es entsprechend würdigen.

Sie hatte die Courage, meinem Großvater die Tür zu weisen, als er, kurz nachdem mein Vater gefallen war, mit einem seiner jüngeren Söhne kam, um für ihn um ihre Hand anzuhalten, wo doch mein Vater, wie sie sagte, noch nicht einmal kalt war. Dabei habe sie den jüngeren Bruder eigentlich gern gehabt, aber der Großvater habe nur den Besitz zusammenhalten wollen.

Ein Jahr später hatte sie eine Liebesgeschichte mit einem französischen Zwangsarbeiter, der sie nach dem Krieg noch einmal besuchte und für mich aus Paris ein Kinderkleid mit Rüschen mitbrachte. 1946 heiratete sie dann einen Einheimischen, der sechs Jahre jünger war als sie, gut aussah und eine Neigung zum Alkohol hatte.

Viele Jahre später, als meine Mutter mich nach der Geburt meines Sohnes in der Klinik besuchte, schockierte sie mich zutiefst mit der Bemerkung "Gelt, ein Bub ist halt doch ganz was anderes." Dabei sagte sie das nicht, weil sie Männer für so viel gescheiter, tüchtiger oder begabter hielt - sie mochte sie nur einfach lieber.

Sie erholte sich rasch

Sie war ein äußerst großzügiger Mensch, stolz und jähzornig. Und sie neigte zur großen Geste und zum spektakulären Auftritt, auch wenn sie sich beides äußerst selten gestattete. Nur mit Geld konnte sie nicht umgehen.

Ende der Fünfzigerjahre war das Hotel längst den Bach hinunter, sie suchte nach neuen Wassern für ihre Mühlen, ging nach Graz und pachtete ein Restaurant. Bald saß sie wieder mehr oder weniger auf dem Trockenen, geschieden, mit einer Menge Schulden und trotzdem voller Hoffnung. Sie war der Auffassung, dass sie nur hart zu arbeiten bräuchte, dann würde sie dafür auch belohnt werden. Dass ein Geschäft anders funktioniert, ließ sie sich von niemandem sagen.

Als sie mit sechzig mit jeder Art von Geschäft aufgehört hatte, erlegte sie sich die Disziplin absoluter Bescheidenheit auf und versuchte, mit ihrer kleinen Pension auszukommen. Je weniger Geld sie zur Verfügung hatte, desto mehr schwoll ihr Stolz. Wir durften ihr zwar hin und wieder etwas schenken, aber das musste als Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk deklariert werden oder sonst ein genehmes Etikett tragen.

Sie war ihrem Sohn nach Saalfelden nachgezogen und verteilte auch dort ihre Gunst ungleichmäßig auf männliche und weibliche Nachkommen. Wann immer ich sie besuchte, ging ich mit ihr ins Hindenburg oder an den Ritzensee essen. Sie genoss es sichtlich, fachsimpelte, lobte und hatte großes Verständnis für Versäumnisse des Personals, auch wenn sie seinerzeit in ihrem Restaurant ganz schön herumgebrüllt hatte.

Sie war über achtzig, als sie zum ersten Mal in ihrem Leben ins Krankenhaus musste. Ein Schlaganfall hatte sie zu Boden gestreckt, und vom Sturz hatte ihre eine Gesichtshälfte sich erst blau und dann schwarz verfärbt. Es war Faschingdienstag und sie meinte, sie brauche diesmal keine Larve (wie es in Aussee, wo sie die erste Hälfte ihres Lebens verbracht hatte, heißt), um als Faschingsnarr aufzutreten. Sie erholte sich rasch, wie auch von der folgenden kleinen Darmoperation und dem Oberschenkelhalsbruch.

Im Gegensatz zu früher trug sie jetzt nur mehr Hosen und verwendete einen Spazierstock, mit dem sie zur Unterstreichung ihrer Worte des Öfteren in die Luft stach.

Als sie mit achtundachtzig zum ersten Mal in ihrem Leben Zeit und Gelegenheit fand, zu einer Lesung von mir, und zwar im Kulturhaus Nexus, zu kommen, bestand sie darauf, die Familie im Anschluss auf einen Drink an die Bar einzuladen. Am besten hatten ihr die orangefarbenen Toiletten im Souterrain gefallen. "Und wo bleibt der Pianist?" , fragte sie plötzlich. Es enttäuschte sie sichtlich, dass es keinen Pianisten gab. Ohne Pianisten sei eine Bar nur eine halbe Sache, meinte sie.

Die letzten paar Male, als ich sie sah, hatten wir wieder damit begonnen, uns die Träume der jeweiligen Nacht zu erzählen, so wie früher, wenn sie Zeit hatte, mit mir zu frühstücken. Sie erzählte die ihren wie Filme, für die ich eigentlich noch zu jung war und deren Geheimnisse ich ohnehin nicht begreifen würde.

Ich hätte gerne von ihr mehr über meinen Vater gehört, der Anfang 1943 in Russland gefallen ist, da war ich knapp eineinhalb. Aber davor hatte sie sich - weiß der Himmel warum - immer schon gedrückt, so als würde er in ihrer Erinnerung gar nicht mehr vorkommen. Vielleicht musste sie sich deshalb so viele Träume merken und sie so erzählen, dass ich vergaß, weiter nach ihm zu fragen. (Barbara Frischmuth, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 05./06.12.2009)

Zur Person:
Barbara Frischmuth, geb. 1941 in Bad Aussee. Ihr Vater fiel in Russland, ihre Mutter führte den elterlichen Hotelbetrieb bis 1953 weiter. Frischmuth arbeitet seit 1966 als Schriftstellerin und Übersetzerin aus dem Türkischen. Zuletzt erschien von ihr der Reiseroman "Vergiss Ägypten" (Aufbau-Verlag, 2008). Sie hat einen Sohn. Seit 1999 lebt sie wieder in Bad Aussee.

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