Fantasie und Angst

4. Dezember 2009, 17:35
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Gedanken eines Schweizers in Kitzbühel

Es geht uns gut, selbstverständlich. Es geht uns selbstverständlich gut. Drei Mahlzeiten am Tag, mindestens eine davon warm und mit Fleisch, das gehört sich so. Wer von uns macht sich Gedanken darüber, wie unsere Wohnungen und Häuser beheizt werden? Keine Frage, dass wir fahren, wann und wohin wir wollen, und dass wir, wenn wir reisen, auch ankommen, wenn möglich pünktlich. Tausend Kilometer sind kein Grund für Verspätung. Wir brauchen uns nicht davor zu fürchten, dass wir verhungern, weil im Winter die Vorräte ausgehen. Wir erfrieren nicht, weil wir kein Geld haben, um unseren Öltank zu füllen. Es gibt keine Wegelagerer mehr, die uns die Kehlen aufschneiden, um an unsere Geldtaschen heranzukommen. Wir fürchten nicht um Leib und Leben. Nicht um unser eigenes und nicht um das unserer Nächsten. Wir haben alles, was wir brauchen. Es geht uns gut.

Wir haben Angst, selbstverständlich. Wir haben selbstverständlich Angst. Das hat mit unserer Vorstellungskraft zu tun. Weil wir Menschen mit der Evolution nicht nur den Daumen und den aufrechten Gang, sondern auch ein überdurchschnittlich großes Gehirn entwickelt haben, sind wir mit Fantasie begabt. Dank ihrer können wir uns ausmalen, was uns alles zustoßen könnte. Es ist eigenartig, aber je mehr Vorstellungskraft wir brauchen, je mehr Gedankengänge nötig sind, um eine Bedrohung an uns heranzuholen, desto furchterregender wird sie. Eine Krankheit macht uns am meisten Angst, wenn sie noch fast unbekannt und weit weg ist. Sobald sie in unserer Mitte angekommen ist und wir an ihr erkranken, bleiben wir gelassen. Wir können uns fast alles vorstellen. Mit der Unendlichkeit und ihrer Schwester, der Ewigkeit, bekunden wir Mühe, ansonsten ist unserer Fantasie keine Grenze gesetzt, was bedeutet, dass auch unserer Angst keine Grenze gesetzt ist. Wir haben Angst.

Wir sind vernünftig, selbstverständlich. Wir sind selbstverständlich vernünftig. Das hat mit unserer Erfahrung zu tun. Genauso gut, wie wir wissen, dass wir uns nach einem Glas Wein leichter und beschwingter fühlen, wissen wir, dass es uns am nächsten Tag schlecht geht, wenn wir zu viel Wein trinken. Wir brauchen die Vorstellungskraft, die wir unserem großen Gehirn verdanken, nicht nur um uns Angst zu machen, sondern auch um vernünftig zu sein. Die Aufklärung hat es sich zum Ziel gesetzt, die Vernunft zur Triebfeder unseres Handelns zu machen. Die Willkür sollte abgeschafft werden. Wir sind mit Rechten ausgestattet worden, die unsere Unversehrtheit garantieren. Jeder von uns ist grundsätzlich und in erster Linie ein Mensch. Wir sind vernünftig.

Es gibt viele Gründe, weshalb es uns gut geht. Unsere Vorfahren haben hart gearbeitet. Wir leben auf Kosten anderer. Wir leben auf Kosten unserer Nachfahren. Wir haben Glück. Für die meisten von uns ist die Frage nicht, ob sie einen neuen Fernseher oder ein neues Auto kaufen, sondern wann. Unser Problem ist es geworden, was wir mit unseren Vermögen, also mit all dem, was wir zu viel haben, machen, damit es nicht verlorengeht. Wir haben Angst, weil wir uns alles vorstellen können. Niemand, auch wir selbst nicht, kann unser Gehirn daran hindern, dass es Gedankengänge so lange fortspinnt, bis die Bedrohung vermeintlich real geworden ist. Wir sind vernünftig, jeden Tag brauchen wir unsere Vernunft für unzählige Entscheidungen. Es ist eigenartig, aber gerade in gefährlichen Situationen, in denen die Angst uns im Nacken sitzt, ist es häufig die Vernunft, die uns rettet, indem sie verhindert, dass wir in Panik geraten.

Der Vorteil für die Gegner von Minaretten ist, dass wir sehr viele Gedankengänge brauchen, um die Bedrohung, die sie heraufbeschwören, an uns heranzuholen. Wir fürchten uns nicht vor Minaretten, auch nicht vor Muslimen, nicht einmal vor den Gebetsrufen des Muezzins, diese wecken höchstens Erinnerungen an unseren wunderbaren Tauchurlaub in Ägypten, wir fürchten uns vor dem Gespenst Scharia, über das wir nichts wissen, wir fürchten uns vor Steinigungen und Zwangsehen. Das sind Bedrohungen, für die es, das wissen wir dank unserer Vernunft, sehr viel Vorstellungskraft braucht, damit sie uns Angst machen.

Wir sitzen nach einem guten Essen und einem edlen Tropfen Wein am Tisch in unserer wohlig warmen Stube, weil es uns gutgeht. Wir haben einen Kugelschreiber in der Hand und die Abstimmungsunterlagen vor uns, weil die Aufklärung uns mit Rechten versehen hat. Die Evolution hat dazu geführt, dass unser Gehirn überdurchschnittlich entwickelt ist. Die Fantasie, die unserem Gehirn entspringt, beflügelt sowohl unsere Angst als auch unsere Vernunft. Wir alle sollten uns in Zukunft gut überlegen, worauf wir hören, wenn wir uns für Ja oder Nein entscheiden. (Lorenz Langenegger, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 05./06.12.2009)

Zur Person:
Lorenz Langenegger, geboren 1980 in Zürich, lebt zurzeit als Stadtschreiber in Kitzbühel. Im Februar 2009 ist sein erster Roman "Hier im Regen" bei Jung und Jung in Salzburg erschienen.

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