Der Tschechow der Vorstädte

4. Dezember 2009, 17:35
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Als John Cheever 1982 starb, war er einer der berühmtesten Autoren Amerikas - Nun beginnt seine Renaissance

Wollte man eine Liste der übelsten Jahre im Leben des 1912 geborenen John Cheever aufstellen, dann rangierte 1968 wohl ziemlich weit oben. Mit seinen drei Kindern hatte er sich nachhaltig zerstritten; auf seine Frau war er böse, weil sie es wagte, eine eigene Karriere anzustreben; sein letzter Zahn war ihm gerade gezogen worden, und seine Tage begannen damit, dass er auf den ersten morgendlichen Gin wartete. Gerade eine einzige Kurzgeschichte sollte der alkoholkranke John Cheever in drei Jahren fertigstellen. Das Publikum bekam von den Abgründen des Autors nichts mit. In Amerika galt er als Tschechow der Vororte, der wie kein anderer die Träume und Sehnsüchte, den Alltag, die Verlogenheiten, die Affären und die banalen Streitereien der Mittelschicht aufzeigte.

Als nach Cheevers Tod seine Briefe veröffentlicht wurden, die Erinnerungen seiner Tochter und Auszüge seiner Tagebücher, da wurde die literarische Öffentlichkeit mit einem Menschen konfrontiert, dessen Leben von Depressionen und Alkohol bestimmt war - und von der Scham gegenüber der eigenen latenten Homosexualität.

Die Kurzgeschichte Clancy im Turm zu Babel handelt vom Aufzugsführer Clancy, der in einem schicken Wohnhaus in New York seinen Dienst tut. Eines Tages sieht er, dass Mister Rowantree mit einem jungen Mann zusammen ist. Clancy ist außer sich; er weigert sich, die beiden zu befördern und riskiert dafür, gefeuert zu werden. Cheever charakterisiert die Vorurteile der weißen Mittelschicht gegenüber den Schwulen direkt - und man kann diese Geschichte auch als Sublimierung seiner eigenen Angst vor dem Entdecktwerden lesen.

Gleich für seinen ersten Roman erhielt John Cheever den National Book Award. Wirklich berühmt aber wurde er durch seine Kurzgeschichten, von denen 20 für den vorliegenden Band ausgewählt wurden. Das titelgebende Stück Der Schwimmer gilt als die beste Kurzgeschichte John Cheevers. Hier vermischt der Autor Realismus und Surrealismus und lässt innere und äußere Zeit asynchron ablaufen. Es ist ein wunderschöner Sommertag, als Neddy Merrill eine seltsame Idee hat. Um von einer Party heimzukommen, beschließt er, nach Hause zu schwimmen, was bedeutet, dass er auf dem Heimweg alle Swimmingpools der Nachbarn durchqueren will. Gesagt, getan - und alles fängt fantastisch an. Glückliche Männer und Frauen versammeln sich an den saphirblauen Wassern, während ihnen weißbejackte Männer Gin reichen.

Neddy geht von einem Nachbarn zum anderen - alles kein Problem, schließlich mögen ihn ja alle. Doch nach und nach ändert die Geschichte ihre Anmutung. Da ist einmal die Überquerung der Straße, die nur äußerst mühsam gelingt und ewig zu dauern scheint. Neddy steht da in Badehosen und wird von den Autofahrern ausgelacht und erniedrigt. Dann kommt er in den Garten eines älteren Ehepaares, das ihm sein Beileid ausspricht. Angeblich ist sein Unternehmen pleite, und die Frau hat ihn verlassen. Es wird immer kälter und irgendwann kommt Neddy endlich zu Hause an, wo nichts mehr so ist, wie es vorher war. In den USA kam dieses Frühjahr eine fast 800 Seiten starke John-Cheever-Biografie von Blake Bailey auf den Markt. Und in der Library of America erschienen die gesammelten Romane und Kurzgeschichten Cheevers. Auch im deutschsprachigen Raum wird Cheever nun endlich entdeckt. Das Interesse gilt aber heute weniger dem Verherrlicher der Bourgeoisie, sondern dem gebrochenen Autor, der sich in seinem Leben, das mehr und mehr zur Schimäre geriet, nicht mehr zurechtfand.

Im Sommer 1981 wurde bei John Cheever ein Tumor in der rechten Niere festgestellt. Im März 1982 erschien sein letzter Roman Oh What a Paradise It Seems. Nur ein paar hundert Seiten stark - und wie auch Cheever wusste, eines seiner schlechtesten Werke. Besprochen wurde es trotzdem sehr respektvoll. Am 27.April erhielt er noch die National Medal for Literature in der Carnegie Hall, bevor er am 18. Juni 1982 starb. (Gerhard Pretting, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 05./06.12.2009)

  • John Cheever, "Der Schwimmer" . Aus dem Amerikanischen übersetzt von Thomas Gunkel. € 19,95 / 352 Seiten. Dumont, Köln 2009
    foto: dumont

    John Cheever, "Der Schwimmer" . Aus dem Amerikanischen übersetzt von Thomas Gunkel. € 19,95 / 352 Seiten. Dumont, Köln 2009

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