Die grünen Katzen von Peking

4. Dezember 2009, 16:22
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Chinas boomende Wirtschaft belastet das Klima. Pünktlich zu Beginn des Kopenhagener Gipfels schreibt sich die Regierung in Peking den Schutz der Atmosphäre auf ihre Fahnen und kündigt ein Maßnahmenpaket an

Peking - Regierungsberater Hu Angang erinnerte an Reformarchitekten Deng Xiaoping. Der große Alte hatte China nach dem Ende der Kulturrevolution den Weg in die Moderne gewiesen: Wirtschaftliche Entwicklung um jeden Preis. Deng gab drei Stufen von 1980 bis 2050 vor, um den "kleinen Wohlstand" ab 2000 zu erzielen und schließlich zur wohlhabenden Gesellschaft ab 2050 zu kommen. Die Chinesen erwiesen sich mit ihrem Wirtschaftsboom als übereifrig. "2020 werden wir Dengs Visionen für 2050 erfüllt haben", sagt der Qinghua-Ökonom Hu Angang. Dengs Devise war Pragmatismus. Alles war erlaubt, solange nur die Partei die Kontrolle behielt. Sein Motto wurde weltberühmt: "Mir ist es gleich, welche Farbe die Katze hat, ob schwarz oder weiß: Hauptsache sie fängt Mäuse!" Die Katzen „müssen weiter Mäuse fangen", sagt Hu. "Heute ist uns die Farbe aber nicht mehr egal. Sie müssen grün sein."

Unter der Ära Deng vervierfachte China seine Wirtschaftsleistung. Nur an eines hatte er nicht gedacht: den Preis für die Umwelt. Schneller als beim Anstieg seines Bruttoinlandsprodukt, wo China noch hinter den USA liegt, rückte es auf den Platz eins als Erzeuger des Klimakillers CO2. 2008 pustete es sieben Milliarden Tonnen (MT) des Treibhausgases in die Atmosphäre, fünfmal so viel wie 1980, sagt der Präsident der Pekinger EU-Kammer Jörg Wuttke. Er stützt sich auf die neue Cera-Cambridge Energiestudie. Ab 2008 wurde die Volksrepublik zum weltgrößten Kohlendioxid-Verursacher. Einziger Trost: Der Pro-Kopf-Ausstoß ist in den USA fünf- bis siebenmal höher.

Nun bekennt sich auch Peking zur CO2-Verminderung, obwohl es wie alle Entwicklungsländer in Kioto einen Freibrief ausgestellt bekam, seine Emissionen weder reduzieren zu müssen noch rechenschaftspflichtig zu sein. "Wir übernehmen unsere Verantwortung als freiwillige nationale Verpflichtung", sagte der einstige Umweltminister und heutige Wirtschaftsplaner Xie Zhenhua, der Pekings Chefunterhändler in Kopenhagen ist. Doch China weiß, dass es so nicht weiterwirtschaften kann. Obwohl der Anteil seiner Wirtschaft 2007 weniger als sechs Prozent der Weltwirtschaft ausmachte, verbrauchte das Riesenreich mehr als 40 Prozent allen globalen Stahls, mehr als die Hälfte allen Zements und Aluminiums. Nach Berechnungen von Hu Angang, dessen Buch China und der weltweite Klimawandel gerade erschien, stieg die Wirtschaftsleistung 2001 bis 2008 um jährlich 10,2 Prozent. Die CO2-Emissionen wuchsen überproportional um 12,2 Prozent. Ein Hauptgrund ist die Kohle, die einst zu fast 90 Prozent Chinas Boom anfeuerte. Ihr Anteil am Primärenergieverbrauch liegt aktuell bei 68,7 Prozent, heißt es im aktuellen "Fortschrittsbericht 2009 zum Klimawandel", den Peking für die Weltklimakonferenz in Kopenhagen vorbereitet hat. "Unsere CO2-Emissionen pro Einheit Energie waren daher sehr viel höher als der Weltdurchschnitt. Das stellt uns vor enorme Schwierigkeiten, sie zu reduzieren."

China hatte 2006 begonnen, seine Energieeffizienz zu verbessern, indem es sich im Fünfjahresplan bis 2010 das Ziel setzte, mit 20 Prozent weniger Energie eine vergleichbare Wirtschaftsleistung wie 2005 zu erzielen. Bis Ende 2008 konnte Peking durch Modernisierung und Schließung ineffizienter Betriebe seinen Energieverbrauch relativ um 10,1 Prozent reduzieren. Ohne diese Einsparmaßnahme wären in Chinas Schadstoffbilanz noch 670 Millionen Tonnen CO2 dazugekommen. Wenn das Land bis 2010 insgesamt 20 Prozent einspart, wird es sogar 1,5 Milliarden Tonnen CO2 vermeiden können. In absoluten Zahlen hat Chinas Energieverbrauch allerdings wegen des Wirtschaftswachstums zugenommen.

Ende November beschloss der Pekinger Staatsrat nun nach der Energieeffizienz auch den CO2-Ausstoß während seines Wachstums zu begrenzen. Bis zum Jahr 2020 will China die Erzeugung von Treibhausgasen pro Einheit Wirtschaftsleistung um 40 bis 45 Prozent gegenüber dem Ausgangsjahr 2005 reduzieren. In absoluten Zahlen verlangsamt das nur das Tempo, da sich Chinas Bruttoinlandsprodukt bis 2020 mindestens verdoppeln wird. So wachsen die CO2-Emissionen weiter. Für Zentralbank-Experten Zhang Jianhua könnten sie ihre Obergrenze bestenfalls 2021 erreichen, wenn China acht bis neun Milliarden Tonnen CO2 erzeugt. Andere Forscher setzen die Obergrenze erst nach 2030 an.

Die neue CO2-Politik ist ein positiver Schritt Pekings für den Klimagipfel in Kopenhagen. Von noch größerer Bedeutung ist sie für China selbst, um die Weichen für eine "grüne Wirtschaft" neu zu stellen. Peking ist gezwungen, seinen Energiemix schneller als bisher zu ändern. Die Regierung unterstützt bereits den Ausbau regenerativer Energiegewinnung, um den Anteil der Kohle zurückzudrängen. Der "Fortschrittsbericht 2009" für Kopenhagen weist vor allem die Nutzung der Wasserkraft aus, deren installierte Leistung 2008 auf 172 Gigawatt stieg und die zu 16,3 Prozent zum Stromverbrauch beiträgt. Allein im Jahr 2007 kamen 27 Gigawatt über neue Staudämme hinzu.

Prozentual am schnellsten wachsen Windkraftanlagen, deren Kapazitäten sich seit 2005 jährlich verdoppelten. Sie nahmen von 6,04 Gigawatt 2007 auf 12,1 Gigawatt 2008 zu. Peking fördert massiv den Ausbau der Solarenergie (0,15 Gigawatt 2008) oder von Biomasse, die mehr als 30 Millionen ländliche Haushalte versorgt. Die Kernenergie ist Chinas Trumpf. Im Jahr 2008 gab es erst elf Reaktoren, die mit 9,1 Gigawatt Leistung weniger als zwei Prozent des Strombedarfs lieferten. Im Jahr 2020 sollen sie mindestens 70 Gigawatt leisten. China sei heute "das Land mit den meisten in Bau befindlichen Atomkraftwerken" verkündet die Regierung. Für 2020 plant Peking auf einen Anteil von 15 Prozent Verbrauch aus erneuerbaren Quellen zu kommen. Zur CO2-Minderung sollen 40 Millionen Hektar Land bis 2020 aufgeforstet werden. Klimaunterhändler Yu Qingtai sprach in Peking von 60 Milliarden Bäumen, die dafür gepflanzt würden.

Chinas Motivation resultiert nicht nur aus der Einsicht, dass der Klimawandel alle trifft, sondern auch aus strategischen Überlegungen. In der China Times schrieb Gao Jianyu, dass grüne Umwelttechnologien im Zusammenhang mit dem Klimawandel zur neuen Industrialisierungswelle führen, die die Informationstechnik der 1980er-Jahre ablöst. China springe auf diesen Zug auf. "Wir werden eines Tages sagen, dass Kopenhagen der Ausgangspunkt dieser neuen Entwicklung war." (Johnny Erling, DER STANDARD/Printausgabe, 5.12.2009)

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    Nun bekennt sich auch Peking zur CO2-Verminderung

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