Dick eingepackt zum Klimagipfel

4. Dezember 2009, 16:53
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    foto: apa/ ivars silis

    Da fröstelt`s die kleine Meerjungfrau am anderen Ufer: Høeghs Eisberg über dem Nordatlantik-Haus ist für die Dauer des Klimagipfels Kopenhagens neues Wahrzeichen.

Mit Grönlands Eisbergen und schockgefrorenen Autos greift Kopenhagen das Thema Erderwärmung auch künstlerisch auf - mitten im eisigen Winter

Jetzt nach Kopenhagen zu fahren und die Klimaerwärmung zu verstehen hat was. Die Sonnenschirmchen am Neuen Hafen werden von Böen gerade so heftig geschüttelt, dass es selbst der durchschnittliche Kopenhagener kaum schafft, ohne ein Heizschwammerl draußen Platz zu nehmen. Der gemeine Mitteleuropäer staunt sowieso nur, wie wetterunabhängig Dänemarks Hauptstädter das Wort Sonnenterrasse definieren und auch bei peitschendem Schneeregen noch mit dem Fahrrad herfinden.

Mit dem Heizstrahler klammern sich die Dänen freilich auf kontraproduktive Art an ein gemäßigtes Klima, von dem hier in den nächsten Tagen keineswegs die Rede sein wird. Wenn Kopenhagen bis zum 18. Dezember den UN-Klimagipfel beherbergt, muss sich die Stadt sonst aber wohl kaum mit einem schlechten Gewissen quälen: Die weltweit erste CO2-neutrale Hauptstadt will sie bis 2025 werden und hat bereits einiges dafür getan. Dass mehr als ein Drittel der Pendler mit dem Fahrrad in die Arbeit kommt, ist einem 300 Kilometer langen effektiven Wegenetz zu verdanken. Fröstelnde oder faule Touristen sitzen seit wenigen Monaten auch im Linienbus Nummer 11, der die Ringroute um die Innenstadt im Sieben-Minuten-Takt und nur mit Elektroantrieb absolviert. Dasselbe, wenngleich kostspieligere, Ziel einer weitgehend CO2-neutralen Fahrt, steuern Fahrgäste übrigens auch mit der immer weiter wachsenden Flotte der hybridgetriebenen Taxis an.

Grüner Themenpark

Wer ab 2010 den Vergnügungspark Tivoli betritt und sich auf der Achterbahn den Wind um die Ohren blasen lässt, wird den Unterschied zwar nicht merken, aber dennoch ist Kopenhagens meistfrequentierter Park dann bereits tatsächlich grün: Angetrieben wird er künftig ausschließlich von Windenergie. Und die sechzehn kommerziellen Boote für Kanalrundfahrten in Kopenhagen fahren seit heuer auch nicht nur wegen des geringeren CO2-Ausstoßes so langsam, die Passagiere haben dadurch mehr Zeit zum Staunen: über Nordeuropas größtes urbanes Entwicklungsprojekt in Nordhavnen, wo auf zwanzig Hektar bald schon ein komplett CO2-neutraler neuer Stadtteil entstehen soll. Unterwegs freilich können sich die Guides bereits auf Beispiele von Architektur links und recht des Kanals berufen, die Kriterien nachhaltiger Bauweise längst erfüllen.

Eine "Spitze des Eisbergs", die während der Dauer des Klimagipfels auch als Installation des grönländischen Künstlers Inuk Silis Høegh die Fassade des Nordatlantik-Hauses umhüllt, wird in Kopenhagen für die nächsten drei Monate auch das Thema zahlloser Ausstellungen sein. Die seit Juni 2009 politisch von Dänemark unabhängigeren Grönländer liefern dabei mit ihren hautnahen Erfahrungen vom Klimawandel viel Input für ein gemeinsames Vorgehen. Im Nordatlantik-Haus auch mit einer Ausstellungsreihe, die einerseits arktische Kulturen bespricht, um andererseits deren akute Gefährdung zu erwähnen.

Im Nationalen Naturhistorischen Museum wird gerade das Wissen mehrerer internationaler Partnerhäuser gebündelt, um die möglichen Auswirkungen des Klimawandels in all seinen Facetten zu zeigen. Vom eindrucksvoll präsentierten Szenario eines um fünf Meter ansteigenden Meeresspiegels ist Kopenhagen ja selbst denkbar offensichtlich betroffen. Sogar die dänischen Designer schwören zum Zweck der eindringlichen Warnung dem alten Prinzip der Chicago School - Form folgt Funktion - wieder die Treue. "It's a small world" verlautbaren sie und zeigen deshalb aktuell nur Entwürfe, die sich am Menschen als Maßstab für seine Umwelt orientieren. Auch das Staatliche Museum für Kunst tut sich mit Arbeiten des argentinisch-deutschen Künstlers Tomás Saraceno leicht, das Thema aufzugreifen: Seine Biosphärenmodelle baumeln plakativ über der braven königlichen Sammlung. 

Grüne Architektur

Dass es zurzeit kaum eine Kunst schaffende oder ausstellende Stelle in Kopenhagen gibt, die sich dagegen verwahrt, auch Klima-Themenpark zu sein, ist offensichtlich. Vom nördlich der Stadt am Øresund gelegenen Museum für moderne Kunst, Louisiana, hätte sich aber auch niemand etwas anderes erwartet, ist es doch seit seiner Eröffnung 1958 bestrebt, architektonisch dadurch aufzufallen, dass der in einen alten Park eingebettete Bau eben nicht auffällt. Dort eine Ausstellung mit dem Thema "Grüne Architektur" bis zum Ende des Klimagipfels zu zeigen erscheint denn auch nachvollziehbar. Noch bis Jänner verspricht das Haus The world ist yours und lässt dabei 24 zeitgenössische Künstler wie Olafur Eliasson zu Wort kommen, die schon mal ein Auto in die Gefriertruhe stecken, um den Klimawandel schnell zu stoppen. (Sascha Aumüller, DER STANDARD/Printausgabe, 5.12.2009)

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