"Nachhaltigkeit und Nichtvergeudung"

4. Dezember 2009, 16:54
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Der Klimawandel-Experte Harald Welzer über die Verschränktheit der Probleme, mit denen sich der Kopenhagener Gipfel konfrontiert sieht

STANDARD: Professor Welzer, hat die Menschheit die Grenze der Welt, "wie wir sie kannten", bereits überschritten?

Welzer: Der Punkt ist längst überschritten. Insbesondere Gesellschaften unseres Typs leben bereits seit langem über ihre Verhältnisse, weil sie einen riesigen infrastrukturellen Vorsprung haben und daher in der Lage sind, alle Zukunftskrisen, ob sie nun Klima, Energie oder Ernährung betreffen, systematisch zu ignorieren. Alles funktioniert, und man merkt nicht, dass es unterhalb dessen schon lange erodiert. Im Grunde ist es wie vor dem Zusammenbruch des Ostblocks. Man macht eine irrationale Wirtschaftspolitik, mobilisiert Geld und stellt Verhältnisse her, die durch keinerlei Wertschöpfung gedeckt sind. Das hält über einige Jahrzehnte, dann bricht es einfach zusammen.

STANDARD: Steuern wir auf den Zusammenbruch zu?

Welzer: In allen ökologisch relevanten Bereichen sind Verhältnisse und Prognosen schlechter, als es der Öffentlichkeit bekannt ist. Alle Prognosen aus dem 2007er-Bericht des Umweltrates der Vereinten Nationen sind längst durch die Realität überholt. Außerdem tauchen Probleme auf, über welche die Wissenschafter seit drei, vier Jahrzehnten diskutieren, von denen die Öffentlichkeit aber kaum etwas weiß, wie zum Beispiel über den Bodenverlust. Wenn man den weltweiten Bodenverlust mit dem Problem des Bevölkerungszuwachses zusammendenkt, dann sieht man, dass wir mit hoher Geschwindigkeit auf eine Mauer zurasen. Bedrückend daran ist, dass man das alles nicht zur Kenntnis nimmt, sondern versucht, eine Art Benutzeroberfläche des Politischen zu etablieren, die dazu geeignet ist, die Dimension der Probleme zu verbergen.

STANDARD: Warum gibt es in der Öffentlichkeit kein Bewusstsein für den Ernst der Lage?

Welzer: Das Zivilisationsmodell der westlichen Moderne, einschließlich des Wirtschaftsprinzips, auf dem sie beruht, kennt nichts anderes als Fortschritt und Entwicklung. Dass es so etwas wie Rückschritte oder Endlichkeit gibt, ist konzeptuell nicht eingebaut. Die Ausrichtung zielt immer auf diese Vorstellung, die Zukunft sei besser als die Gegenwart. Wenn etwas schiefgeht, ist es ein Bastelproblem, aber kein systemisches Problem.

STANDARD: Sehen Sie in der Politik überhaupt den Willen, die ökologische Wende herbeizuführen?

Welzer: Ich glaube schon, dass es in Regierungskreisen unterschiedlicher Länder ein Bewusstsein für die Problemlage gibt. Man sieht, dass in grünen Technologien eine wirtschaftliche Chance steckt. Und man weiß, dass die Wachstumsarie nicht mehr erfolgreich gesungen werden kann. Nehmen Sie China! Es hat großes Interesse daran, dass die Klimaerwärmung gebremst wird. Der Grund sind die Himalaya-Gletscher, deren Abschmelzen das Land vor gewaltige Probleme stellen würde, und geostrategische Interessen. Man hat erkannt, dass man mit erneuerbaren Energien sicherheitspolitisch besser fährt als mit der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Das Bemühen ist vorhanden, aber die Gegenspieler sind stark. Das war bei der Finanzkrise zu sehen, als plötzlich Klimafragen zurückgestellt und die Automobilindustrie auf absurde Weise gefördert wurde.

STANDARD: Die Wissenschaft macht es der Wirtschaft manchmal leicht, das Problem der Klimaveränderung als nicht existenzrelevant zu bewerten. Die von den Wissenschaftern genannten Ursachen des Klimawandels weichen teilweise stark voneinander ab...

Welzer: Wissenschaft basiert auf Dissens. Die Welt ist kompliziert, insofern gelangt man je nach Methode und dem zu untersuchenden Ausschnitt der Wirklichkeit zu abweichenden Ergebnissen. Im Fall der Klimaproblematik kommt dazu, dass nachweislich Gegenexperten im großen Stil finanziert wurden. Diese verbreiteten absurde Äußerungen wie: Das Untergehen der Inseln habe nicht mit dem steigenden Meeresspiegel zu tun, sondern mit dem sinkenden Boden. Unter seriösen Naturwissenschaftern - seien es Geowissenschafter, Ozeanologen, Meteorologen oder Paläoarchäologen - gibt es keinen Dissens. 99,7 Prozent aller beteiligten Wissenschafter sind einhellig der Meinung, dass wir uns auf eine Phase nicht mehr des Klimawandels, sondern des gefährlichen Klimawandels zubewegen.

STANDARD: Wie akut schätzen Sie die Gefahr eines Ausbruchs radikaler "Lösungen" seitens der vom Klimawandel Betroffenen ein?

Welzer: Der Klimakrieg ist ein Krieg von der Art des Krieges in Darfur, also ein Gewaltkonflikt, an dessen Wurzeln Umweltveränderungen liegen, der sich dann aber ganz anders darstellt, sodass ihn niemand mehr mit den Umweltveränderungen in Zusammenhang bringt. Diese Art von Gewaltkonflikt auf der Grundlage von Umweltveränderungen - auch Konflikte um Ressourcen infolge schmelzenden Eises und besserer Zugänglichkeit zu Rohstoffen, die man früher nicht ausbeuten konnte - wird uns in Zukunft öfter begegnen. Sie können das an den kontinuierlich steigenden Rüstungsausgaben gespiegelt sehen. Man stellt sich schon auf das eine oder andere ein.

STANDARD: Glauben Sie, dass der Klimawandel über die Zukunft der Menschheit entscheidet, darüber, ob sie überhaupt noch eine hat?

Welzer: Die Menschheit als Menschheit wird eine Zukunft haben. Aber sie wird nicht mehr die Menschheit sein, wie wir sie kannten, also die Menschheit, die zumindest aus der Sicht des Westens im Rahmen eines großen Integrationsmodells in Frieden, Fortschritt und Gesundheit existiert. Wenn der Klimawandel sich ungebremst realisiert, werden sich die Lebensverhältnisse dramatisch verändern. Eine Welt unter den Bedingungen von vier Grad Klimaerwärmung wird eine komplett andere sein als die, die wir kennen. Es wird mehr Hungertote geben. Es wird mehr Tote geben, weil Menschen nichts zu trinken haben. Es wird auch schärfere Konflikte um verbleibende Ressourcen geben. Vielleicht wird ein großer Teil der Weltbevölkerung über die Klinge springen, und die "happy few", die überbleiben, werden versuchen, das zu managen.

STANDARD: Sie plädieren zur Lösung der Probleme für eine "kulturelle Revolution". Wie sollte diese Revolution vor sich gehen?

Welzer: Sie kann sofort durchgeführt werden, jetzt, in diesem Augenblick. Menschen wie wir, die das Privileg haben, in einer der reichsten Gesellschaften der Erde zu leben, verfügen über unglaublich große Handlungsspielräume. Diese können wir nutzen, andere Themen zu setzen, andere Perspektiven aufzuzeigen und andere Praktiken zu etablieren. Der kulturelle Wandel ist notwendig, um zu begreifen, dass technische Veränderungen allein nicht die Lösung sein können. Wir werden unsere Probleme nur lösen, wenn wir eine Kultur der Nachhaltigkeit und der Nichtvergeudung etablieren. Nachhaltige Technologie funktioniert nur in der nachhaltigen Gesellschaft. In einer ressourcenvernichtenden Gesellschaft werden die Effekte an anderer Stelle aufgefressen. Das können Sie an den Autos sehen, die immer effizienter und zugleich immer größer und stärker werden. Den Wandel sozialer Wirklichkeiten sofort zu praktizieren erscheint mir als das einzige erfolgversprechende Konzept. Man darf sich auch nicht dadurch hindern lassen, dass man damit die Welt nicht rettet.

STANDARD: Welche radikalen Maßnahmen müssten Ihrer Meinung nach getroffen werden?

Welzer: Wenn man an unsere Mobilitätspraktiken denkt: Diese Welt voller Straßen, Ampeln und Autos ist ohne weiteres ersetzbar durch einen fantastischen öffentlichen Nahverkehr, der einen Bruchteil von Emissionen verursacht und ein Höchstmaß an Komfort bietet - theoretisch. Ich finde es nicht radikal, darüber zu sprechen, dass man das System komplett umbauen kann. Das zu tun, würde Arbeitsplatzeffekte mit sich bringen. Insofern ist das ein Umbau, der die Lebensqualität verbessert und Schäden verringert. Vielleicht kann man das unter dem Begriff Lebenskunst fassen.

STANDARD: Nicholas Stern gab kürzlich eine optimistische Prognose für Kopenhagen ab. Demgegenüber betrachten andere den Gipfel schon jetzt als gescheitert ...

Welzer: Dass der Gipfel gescheitert ist, daran gibt es keinen Zweifel. Die Akteure selbst sagen, dass es nicht zu einem Abkommen kommen werde. Die Frage ist, wie man diese Aussage bewertet. Angesichts der Ausgangsbedingungen kann nur ein flaumweiches Abkommen zustande kommen, wobei sich aber alle Akteure auf die Schultern klopfen könnten und sagen, was für eine tolle Leistung sie hervorgebracht hätten. Vor diesem Hintergrund wäre es vielleicht besser, wenn es kein Abkommen gibt. Das heißt nicht, dass nicht auf der nationalen Ebene Vereinbarungen getroffen werden und Reduzierungsziele vereinbart werden, die über ein transnationales Abkommen hinausgehen. Auch die EU hebt ihre Selbstverpflichtungen nicht auf, wenn es nicht zu einem Abkommen kommt. Es kann sogar sein, dass sie sie verschärft. Dasselbe gilt für die USA und für China. Schöner wäre es natürlich, wenn alle sich schon am 6. Dezember auf das Notwendige verpflichten. Aber das ist eine Illusion. (Adalbert Reif/ DER STANDARD, Printausgabe, 5./6. 12. 2009)

Harald Welzer, geb. 1958 in Bissendorf bei Hannover, ist Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research am Kulturwiss. Institut in Essen und lehrt Sozialpsychologie an der Universität Witten/Herdecke sowie an der Emory University in Atlanta. Zuletzt erschien von ihm: "Klimakriege" (2008) und "Das Ende der Welt, wie wir sie kannten" (2009, zusammen mit Claus Leggewie), beide im S.-Fischer-Verlag.

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