Weibliche Lust

Sex mit Hirn

6. Dezember 2009, 18:31
  • Artikelbild
    foto: apa/patrick pleul

    Nana Power, eine Skulptur von Niki de Saint-Phalle, beim Ausstellungsaufbau im Sprengel-Museum in Hannover 2005. Die Künstlerin ergründet weibliche Identität. Wissenschafter versuchen zu ergründen, wie weibliche Sexualität funktioniert.

Die Erforschung der weiblichen Lust erlebt eine Renaissance: Wissenschafter untersuchen, was Sex im Kopf auslöst während die Pharmaindustrie luststeigernde Medikamente entwickelt

Schon Sigmund Freud stand vor einem Rätsel. Der Begründer der Psychoanalyse soll einst gesagt haben, dass "die große Frage, die ich trotz meiner 30-jährigen Erforschung der weiblichen Seele nicht beantworten vermag, lautet: Was wollen Frauen?" Denn während sich männliche Lust recht offensichtlich zeigt, blieb die Frau für ihn unergründlich.

Daran hat sich lange Zeit nichts verändert, doch langsam kommen die Forscher dem weiblichen Verlangen auf die Spur. Was ursprünglich ausschließlich der psychologischen Domäne zuzuordnen war, hat es dank der Fortschritte der Neurobiologie zu einer interdiszi-plinären Wissenschaft gebracht. In den modernen Lustlabors schaffen Befragungen, genitale Lügendetektoren, die die Durchblutung und Sekretion der Geschlechtsorgane messen, sowie hochmoderne Hirnbildgebungsverfahren ein Gesamtbild. Die provokante Erkenntnis: Frauen nutzen mehr Hirn beim Sex und sind weitaus unkonventioneller als Männer.

Zugegeben: Die höhere Hirnaktivität von Frauen beim Orgasmus ist ein alter Hut. Bereits vor fünf Jahren untersuchte Michael Forsting vom Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie der Uniklinik Essen, welche Areale während des Höhepunktes angeregt werden. "Sowohl bei Männern als auch bei Frauen werden evolutionäre, uralte und primitive Bereiche des Gehirns aktiviert", erklärt Forsting. Aber: "Bei Frauen arbeitet auch der Cortex - und der hat sich erst mit der Entstehung des Menschen entwickelt", so Forsting. Und genau dort vermuten Neurowissenschafter eine Schaltstelle für die Verarbeitung von Emotionen, für Bewertung und Vorstellungsvermögen.

Fantasie-Analyse

Nun bekommt Forsting von Meredith Chiver Unterstützung für seinen Befund. Die 36-jährige Psychologieprofessorin gilt als Shootingstar unter den Sexualmedizinern. Sie schloss homo- und heterosexuelle Männer und Frauen an genitale Messgeräte an und zeigte ihnen unterschiedliche Pornos: zwischen schwulen, lesbischen und heterosexuellen Paaren, zwischen einem nackten muskulösen Mann und einer gymnastiktreibenden Frau - und: sich paarenden Schimpansen. Im Anschluss befragte Chivers die Testpersonen nach ihrer subjektiven Erregung.

Das Resultat: Die Männer entsprachen voll und ganz den Erwartungen. Schwule fanden homosexuellen Sex erregend, Heteros fühlten sich durch den Sex von Heteropaaren stimuliert. Das zeigten sowohl Blutdruckschwankungen als auch die subjektive Einschätzung. Die Frauen aber schnitten gänzlich anders ab. Gleich, ob lesbisch oder heterosexuell - die Durchblutung ihrer Vagina stieg an, ob Männer nun mit Frauen, mit Männern oder Frauen mit Frauen Sex hatten. Er stieg erheblich bei der Betrachtung der entkleideten Gymnastikdame - und sogar während der Schimpansenpaarung. So weit die Messdaten. Nach ihrem subjektiven Befinden befragt, zeigte sich allerdings ein anderes Bild: Sie behaupteten, so zu empfinden, wie es ihrer sexuellen Orientierung entsprach. Was aber ist nun richtig?

Der Essener Radiologe Forsting glaubt, dass die zusätzliche Hirnaktivität einer Kontrollinstanz entspricht, die die primitiven Erregungszustände filtern könnte. Das würde erklären, warum die körperliche Erregung nicht ins Bewusstsein getreten ist.

Chivers geht jedoch einer weiteren Erklärung nach, wonach die körperliche Erregung wenig über Verlangen und Lust verrät. Vielmehr nimmt sie an, dass der Körper über eine Art evolutionären Schutz verfügt: Er reagiert auf Sexualkontakte, auch auf gewaltsam zugefügte, so, als ob er erregt wäre, um sich vor Verletzungen zu schützen. Ihre Vermutung führt sie auf die Aussagen vieler Vergewaltigungsopfer zurück, die sich trotz ihrer Angst und Abneigung sexuell erregt gefühlt hätten. Glaubt man einer Zusammenfassung der Fachzeitschrift The Journal of Sex Research, haben etwa ein Drittel bis die Hälfte aller Frauen beim Sex Vergewaltigungsfantasien, "was allerdings nicht bedeutet, dass sie vergewaltigt werden wollen", stellt Ulrike Brandenburg, Sexualtherapeutin aus Aachen, klar. Vielmehr lasse Sex viel Raum für Fantasie, auch für aggressive Fantasien, die in der Realität undenkbar wären.

Kontrollverlust

Für Lust am kontrollierten Kontrollverlust spricht auch eine Entwicklung aus dem Labor. Erst kürzlich stellte der deutsche Pharmahersteller Boehringer-Ingelheim eine luststeigernde Substanz für Frauen vor. Flibanserin soll Frauen helfen, die unter andauernder sexueller Unlust leiden - "und die Betonung liegt dabei auf leiden", sagt Matthias Fuchs, Senior Medical Advisor für Sexualmedizin bei Boehringer-Ingelheim. Das Neuartige an dem Wirkstoff: Er setzt im Gehirn an. Dort bindet er ebenfalls im Cortex hinter der Stirn an den Glücks- und Belohnungsrezeptoren und wirkt enthemmend (siehe Artikel).

Hypoactive Desire Disorder (HSDD) heißt diese Krankheit, die vom British Medical Journal bereits als erfolgreiche Inszenierung der Pharmaindustrie bezeichnet wurde. Damit tue man den Betroffenen unrecht, meint Sexualtherapeutin Brandenburg. "Tatsächlich kommt eine Gruppe von etwa zehn Prozent aller Frauen mit Libidoproblemen in die Praxis, die trotz zufriedener Beziehung seit Jahren keinerlei Lustempfinden mehr spürt, und das sowohl hetero- wie autoerotisch", sagt sie. Und häufig genug liege es auch an der Unfähigkeit, sexuelle Fantasien zu entwickeln. "Man sollte einen solchen medikamentösen Ansatz nicht gleich verteufeln, wenn er den Frauen hilft", fügt Brandenburg hinzu. Die Lösung böte er allerdings nicht. Die Lust auf Sex könne nicht von einem Medikament übernommen werden. (Edda Grabar, DER STANDARD, Printausgabe, 07.12.2009)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 59
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Schlaubi Schlumpf
00
ein paar erwähnungen...

... im artikel sind ein bissl verdreht, da die Forschungsergebnisse nicht klar wiedergegeben wurden.
meine Quellen:
1. European journal of Neuroscience 24, s.3305-3316,2006
"regional cerebral blood flow changes associated with clitorally inducd orgasm in healthy women"
2. Journal of Neuroscience 23(27), S. 9185-9193, 2003
"brain activation during human male ejaculation"

michael Frosting liegt hier falsch! im gegensatz zum artikel verhält es sich umgekehrt. Zwar sind beim Höhepunkt bei beiden Geschlechtern Insula und Hypothalamus (inkl. hinterm Hypophsenlappen -->oxytozin), area tegmentalis ventralis und nc. accumbens aktiver. Hypoaktiviert werden die amygdalaen (logisch weil angstzentren)
fortsetzung folgt...

Schlaubi Schlumpf
00
fortsetzung

inaktivierte Areale (f.)

hier unterscheiden sich nun die Ergebnisse vom Artikel!
Im gegensatz zum Artikel wird nämlich die großhirnrinde (neokortex) bei Frauen stärker deaktiviert als bei Männern. Das heißt kognitiv ist weitläufig Pause. Zwar stimmt dies auch für Männer allerdings lässt sich bei männern eine vergleichsweise hohe Aktivierung des orbitofrontalen und dorsomedialen präfrontalen kortex zeigen welche vermutlich auf aktivität des dopaminergen belohnungssystems zurückzuführen ist.
diese Areale liegen wie gesagt bei Frauen bei "selbigem" erlebnis weitgehend still.
davor und danach wäre das wieder eine Andere geschichte... so wie es dasteht stimmt es halt nicht.
wollts nur schnell korrigieren ;-)

Oh, mein Gott
00
11.12.2009, 12:20
hier Posten nur Männer!

Und was hier Männer frieren lässt ...
... sehr leicht erkennbar.

Thomas Felder
00
16.2.2010, 13:29

was denn?

Bei mir hats gebrannt
10
11.12.2009, 10:46
"Das Neuartige an dem Wirkstoff: Er setzt im Gehirn an. Dort bindet er ebenfalls im Cortex hinter der Stirn an den Glücks- und Belohnungsrezeptoren und wirkt enthemmend (siehe Artikel)."

Wie jetzt? Ecstasy als vermeintliches Medikament verpackt?

Lorelei Sonnenschein
72
10.12.2009, 17:59
Sex mit oder ohne Hirn

...ich habe an mir festgestellt, weniger denken beim Sex, mehr Spaß u. heftigerer Höhepunkt (allerdings weiss ich natürlich nicht, was sich unbewusst abspielt, klar, weil unbewusst...:-)

Falls keine Lust vorhanden ist, eine Zeit lang Verzicht üben...würde ich empfehlen...!

Vergewaltigungsphantasien...hm....ich glaube, dieser Bereich ist zu persönlich/ein Schattenbereich, dass sich Frauen dazu ehrlich (auch ihren Freundinnen gegenüber) äussern würden....

Helmut Schiestl
21
9.12.2009, 17:04
"Glaubt man einer Zusammenfassung der Fachzeitschrift The Journal of Sex Research, haben etwa ein Drittel bis die Hälfte aller Frauen beim Sex Vergewaltigungsfantasien"

Diese Aussage irritiert mich doch ein wenig. Kann mich aber daran erinnern, sie in ähnlicher Form bei Georg Groddeck in seinemn "Buch vom ES" gelesen zu haben. Als ich sie dann einigen meiner FreundINNen erzählt hatte, hatten die nur den Kopf geschüttelt. Aber es ist schon interessant, dass wohl alle sexuellen Phantasien, auch die weiblichen, so man dem in der Untersuchung Gesagten Glauben schenkt, von Gewalt durchzogen sind. Hier wundert mich nur, dass bei den Postings kein feministischer Aufschrei zu lesen ist.

Student der Magie
04
22.12.2009, 23:25
ohne zu wissen, ob das stimmt oder nicht, was Sie hier schreiben

ist halt schon noch ein gewaltiger Unterschied zwischen steuerbarer Phantasie und realer Pein...
Und dieser Unterschied macht`s wohl aus;)

Sunflare
00
18.12.2009, 00:49

Diese Fantasien sind nur eine Manifestation weiblicher Lust, die - auch wenn es die Emanzipation nicht gerne hört - zum Großteil auf männlicher Dominanz basiert. Aufgrund der "Versoftung" des männlichen Geschlechts ist dies also nichts anderes als eine Überkompensation.

Daraus den Schluss zu ziehen, Frauen würden tatsächlich gewaltsame Sexualität bevorzugen, wäre grundverkehrt.

mikerol69
 
14
11.12.2009, 01:50


Vergewaltigt werden und als Phantasie
sind Verschiedenes. Eins bedeuted den gewoehnlichen Wunsch fuer einen "starken" Mann, der auch ein Beschuetzer sein soll; es zu werden wenn man wirklich Sex haben moechte ist dann ja nicht Vergewaltigung. Es gibt auch viele Frauen die waehrend des Geschlechts Verkehrs ausrufen "ich moechte deine Hure sein" was eben nur bedeutet, "ich moechte alles tun [was immer "alles" dann in jedem Fall ist], keine Hemmungen, ich gehoere dir volkomnen . Aber bedeutet kaum , werde jetzt mein Zuhaelter, ich lieb dich so sehr ich geh auf die Strasse . Wie gesagt: im Allgemeinen, dazu muss es Ausnahmen geben damit es eine Allgemeinheit gibt.

mikerol69
 
50
7.12.2009, 21:27
Ja das stimmt schon nach meiner maenlichen Erfahrung

die lieben Weiber, unerwarteter Weise, sind alles anderes als jungfrauelich angelegt, die schoenen Lockvoegel koennen Desinteresse besser vortaeuschen; und sind eigentlich zu jeder Zeit bereit das Gefieder auszuziehen! Und habe weit weniger Hemmungen als die Maenner.

just me_g
00
uff

gehen sie zu einem GUTEN therapeuten, der kann helfen!

Die dritte Seite der Medaille
21
9.12.2009, 02:21

hä?
Finden sie Frauen, die sex mögen, verwerflich? Oder wie soll ich das verstehen?

feeling eyes
43
7.12.2009, 15:37
Sexualität und Erotik...

...werden so erlebt und gehandhabt, wie es jeweils aktuell der inneren Gesamthaltung und Lebenssicht entspricht. Die individuellen Phantasieausprägungen folgen logischerweise den stärksten Wünschen gemäß. Und dass "es" grundsätzlich bei jeder Frau z.B. "funktioniert", ist auch klar. Bis jetzt ist mir noch kein einziger Mensch begegnet, bei welchem dies nicht so ist.
...Was genau verdient man so als "Forscherin"?

;-D

PauckerOma
52
7.12.2009, 14:51

WILHELM REICH LESEN! "die funktion des orgasmus", etc.

Thomas Felder
00
16.2.2010, 13:31

die funktion ist klar

Lernen ohne Schmerzen
10
8.12.2009, 20:04

Und überigens gefällt mir der Gegensatz nicht: Struktur versus Fluss, Sex versus Liebe, etc.

Gut gegen Böse...ist irgendwie nicht wirklich innovativ.

Es gibt auch Menschen, die eben Sinn für Struktur haben, innerhalb derer alles ganz toll fließen kann. Und selbst wenn nicht, dann ist doch die Abwerterei genau der Beweis, dass bei allem Fluss halt auch sonst allerhand schief laufen kann, weil sonst würde man doch nicht so denken.

PauckerOma
10
9.12.2009, 06:54

in seinem werk gibt's eben keine gegensätze. es ist logisch und stringent.
struktur = "natürliche moral" (reich).

lesen sie's nochmal ;-)

Lernen ohne Schmerzen
00
17.12.2009, 17:22

O.k.

Lernen ohne Schmerzen
10
8.12.2009, 17:05

Habs gelesen und mich total geärgert.

Clemens Schwarz
11
9.12.2009, 01:35
Ah, jetzt sehe ich das sie das obere posting auch geschrieben haben.

reich war psychoanalytiker und hat versucht die libidotherorie von freud weiterzuentwickeln. freud hat ja diesen ansatz nicht weiterverfolgt und reichsche theorien mehr oder weniger abgelehnt. er sah zu seiner zeit, dass der oragsmus mehr wie nur sex war. die meisten seiner zeitgenossen sahen nur die ejakulation als ein ungestörte sexualität. der begriff des orgasmus, so könnte man heute sagen, steht für die fähigkeit sind dem leben hinzugeben ohne blockierende, hemmende impulse.
das was reich damals entdeckt hatte war bahnbrechend und ist heute allgemeingut geworden. reichsches wissen wurde vielerorts verwendet ohne autorenverweis.
hinweis:
das reichsche werk ist aufbauend. ein werk setzt auch die kenntnis der vorhergehende werke voraus.

Clemens Schwarz
10
9.12.2009, 01:20
habe einiges von reich gelesen, aber das nicht

warum haben sie sich geärgert?

Lernen ohne Schmerzen
00
17.12.2009, 17:23

Es fühlte sich an wie Ein Vorwurf, dass ich ein gepanzertes Monster wäre, das an den eigenen Schmerzen selbst schuld ist und das nur, weil es Sex nicht zulassen kann.
Irgendwie total verletzend.
Ich möchte mich nicht mehr verletzen, sondern lieben.

*esofan*
01
7.12.2009, 13:58
die pharmaindustrie

macht geschäftemacherei um jeden preis.

Die dritte Seite der Medaille
13
7.12.2009, 19:16

sowie die Lebensmittelindustrie, die Parfumindustrie, die Filmindustrie, die Bauindustrie, die Kunststoffindustrie, die Autoindustrie. Arg echt. Unternehmen wir was dagegen.

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