derStandard.at-Interview

"Barrierefreie Gesellschaft kommt allen zugute"

4. Dezember 2009, 13:36
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    Die österreichische Politik kommt den Vorgaben der UN-Konvention nicht ausreichend nach, bemängelt der Monitoringausschuss. 

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    "Menschen mit Behinderung werden in Österreich immer noch weitgehend marginalisiert, es fehlt an einem ungehinderten Zugang zu Bildung oder auf dem Arbeitsmarkt."

Behinderte Menschen werden in Österreich immer noch marginalisiert, kritisiert Menschenrechtsexpertin Schulze

"Es fehlt ein pro-aktives Eingehen der Gesellschaft auf Menschen mit Behinderung", kritisiert Marianne Schulze, Vorsitzende des Österreichischen Monitoringausschusses (siehe Wissen). Die österreichische Politik komme hier den Vorgaben der UN-Konvention nicht ausreichend nach. "Das Thema darf nicht zu bloßem Zuckerguss auf Sonntagsreden verkommen", sagt Schulze im Gespräch mit derStandard.at. Es müsse schleunigst eine Grundsatzdebatte darüber abgehalten werden.

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derStandard.at: Der Österreichische Monitoringausschuss hat nach einem Jahr Bilanz gezogen. Das Ergebnis: Österreich bezieht Menschen mit Behinderung "unzureichend" mit ein. Was heißt das?

Marianne Schulze: Österreich hat sich durch mit Inkrafttreten der UN-Konvention 2008 dazu verpflichtet, Menschen mit Behinderung aktiv bei der Ausarbeitung von Gesetzen mit einzubeziehen. Die österreichische Praxis sieht aber ganz anders aus. Es geht um zweierlei: Erstens um das Einbeziehen nach formalen Kriterien, wie bei Gesetzen, und zweitens um die gesellschaftspolitische Konstante. Menschen mit Behinderung werden in Österreich immer noch weitgehend marginalisiert, es fehlt an einem ungehinderten Zugang zu Bildung oder auf dem Arbeitsmarkt.

derStandard.at: Wer ist hier am meisten gefordert?

Schulze: Von der Politik erwarte ich mir hier eindeutig eine Vorreiterrolle. Die größte Barriere, die Menschen mit Behinderung zu überwinden haben, ist die soziale. Diese Hindernisse manifestieren sich durch die Vorurteile der Menschen. Es fehlt ein pro-aktives Eingehen der Gesellschaft auf diese Menschen.

derStandard.at: Ist die gesellschaftliche Toleranz und Anerkennung massiv von der Politik abhängig?

Schulze: Absolut. Wenn die Politik nicht ihre Doppelaufgabe, durch einerseits die Partizipation und andererseits durch das Pro-Aktive Einbinden erfüllt, kann man der Gesellschaft nicht vorwerfen, dass es an Toleranz mangelt. Diese soziale Debatte muss ganz dringend geführt, die sozialen Barrieren schleunigst abgebaut werden.

derStandard.at: Führen Menschen mit Behinderung in Österreich ein Schattenleben?

Schulze: Sie sind in jedem Fall abgeschottet von der restlichen Gesellschaft. Wichtig wäre, sie rauszunehmen aus diesem Randgruppenleben - Hinein in gemeinsame Schulen, in den gemeinsamen Arbeitsmarkt. Es geht auch darum, anzuerkennen, dass wir alle verschieden sind, mit unterschiedlichen Talenten, und eine Gesellschaft zu schaffen, in der jeder die Möglichkeiten hat, barrierefrei zu leben. Und eine barrierefreie Gesellschaft kommt uns allen zugute.

derStandard.at: Menschen mit welcher Form von Behinderung haben noch die meisten Barrieren zu überwinden?

Schulze: Ich teile nicht gerne in einzelne Gruppen ein, aber es ist schon so, dass Menschen mit psychischen und intellektuellen Behinderungen sehr stark marginalisiert werden. Auch die Gruppe der Gehörlosen. Im Vergleich zu Menschen mit einer Sehbehinderung oder Menschen, die im Rollstuhl sitzen. Es spielt eine Rolle, inwieweit die Behinderung sichtbar ist.

derStandard.at: Wie weit ziehen Sie Vergleiche mit anderen Ländern?

Schulze: Diese Frage stellt sich mir nicht. Österreich ist liegt auf Platz 15. der reichsten Länder der Welt; die Politik hat sich dazu bekannt, höchste soziale Standards zu erfüllen, und das muss eingehalten werden. Es braucht hier eine Grundlagendiskussion. Das Thema darf politisch nicht nur der Zuckerguss auf der Sonntagsrede sein, sondern muss ernsthaft angepackt werden. (Saskia Jungnikl, derStandard.at, 4.12.2009)

Wissen: Österreich hat sich am 26. Oktober 2008 zur Einhaltung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen verpflichtet. Um zu überwachen, ob diese eingehalten werden, wurde der unabhängige Monitoringausschuss gebildet. Er besteht aus sieben Personen - Vorsitzende ist die Juristin und Menschenrechtsexpertin Marianne Schulze.

Er bearbeitet unter anderem Beschwerden über Konventionsverletzungen, gibt Stellungsnahmen zu Gesetzen und der grundsätzlichen Haltung Österreichs zu diesem Thema ab. Im Dezember zog der Ausschuss nach einem Jahr Arbeit Bilanz: Demnach beziehe das Parlament und die Bundesverwaltung Menschen mit Behinderung nach wie vor "unzureichend" mit ein.

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Posting 1 bis 25 von 70
1 2
T-Minus1
02
14.12.2009, 14:38
frommer Wunsch

... mehr nicht. Der/Die Behinderte wurde und wird in einer radikal egomanischen Gesellschaft permanent stigmatisiert. Daran wird über jegl. kommunikatives Bemühen hinaus kein Weg vorbeiführen. Spätestens bei einen gerichtsanhängigen Konflkit mit einen Nicht behinderten zeigt sich die tatsächliche soziale u. gesellschaftl. (NICHT) Integration des behinderten Menschen indem man IHM einfach die mündige Augenhöhe verweigert. Der Behinderte, so meine Meinung, wird daher auch in Hinkunft trotz allem gesellschaftl. Bemühens IMMER " MISFITS " bleiben. (müssen)

Kuldip K.
 
01
wurde man früher als Behinderter noch ausgesteuert wird man heute...

...insbesondere wenns zu Gericht geht NUR NOCH AUSGETRICKST !!!

Bhai Sahib
 
01
Sie meinen als Testaments-Strohmann für...

...gerichtliche Fälscher missbraucht?

DER-STANDARD-JURIST
01
6.12.2009, 13:06
was mir hier in der diskussion abgeht:

dauernd wird nur über barrieren iS der bewegungsfreiheit gesprochen oder über finanzielle unterstützung.

viel wichtiger wäre es aber mMn, dass der beeinträchtigte als mensch wie jeder andere behandelt wird. wenn der durchschnittsbürger in Ö einen geistig behinderten erblickt, wendet er ganz schnell seinen blick von diesem ab um ja nicht mit dieser "grauslichen" situation konfrontiert zu werden.

das ist sogar nachvollziehbar, denn jahrzehntelang wurden und werden (insb in wien) solche menschen noch immer vor der restlichen bevölkerung "versteckt". die leute haben berührungsängste, denn wie soll man mit personen umgehen, die bisher immer außerhalb der gesellschaft standen. hier hat die politik versagt und unsere gesellschaft versagt.

Wald4tler
00
8.12.2009, 20:28
aus meinem Bekanntenkreis kann ich ihnen nur sagen es wird nie eine Gleichstellung im sozialen Umfeld geben können, weil wir Menschen eben permanent (überwiegend) unbewusst bewerten und in Schubladen stecken. Beruflich ist eine Eingliederung

zumindestens teilweise mit einer Verbesserung der gesetzlichen Rahmenbedingungen und Sensibilisierung der Arbeitswelt möglich.

Aber Zwischenmenschlich und im sozialen Umfeld wird es nie eine Art Gleichberechtigung geben können, weil Behinderte immer im Nachteil sind.

Jeder der sich mit der Psychologie, Partnerschaft und der sozialen Kompetenz beschäftigt hat, weiss das Behinderte meistens alleine bleiben. Gerade Frauen sind bei der Partnerwahl sehr oberflächlich und pedantisch, dagegen sind Männer
ja regelrecht tolerant.

Habe selbst im Bekanntenkreis einige Behinderte, die werden bei der Partnersuche dauernd diffamiert, als minderwertig und behindert eingestuft, obwohl es sehr gesellige, lustige und frohe Menschen waren/sind. mfg

Nathaniel Winerib
01
6.12.2009, 13:47

nein, man wendet den blick nicht in ekel ab. man versucht nur nicht einen behinderten anzustarren, wie es leider noch häufig am land passiert.

DER-STANDARD-JURIST
00
6.12.2009, 16:46
so ein unsinn

in meinem heimatort sind die behinderten zB voll integriert und akzeptiert und können einer menschenwürdigen arbeit nachgehen.

da es immer schon so war, wird es als völlig normal empfunden.

in wien habe ich nach in 7 jahren kaum je erlebt, dass beeinträchtigte akzeptanz erfahren. das musste ich leider auch selbst erfahren (fälle in der familie).

hier bei uns in der "großen" stadt werden behinderte "weggesperrt" und von der "normal"bevölkerung fern gehalten. typische stadtmentalität.

ichundwiederich
00
6.12.2009, 17:29
??

Ihre Wahrnehmung scheint mir ein wenig verworren. Ich (selbst Betroffene) bin am Land aufgewachsen und musste da für alles, was ich tun "durfte" oder "erhalten habe" unendlich dankbar sein. Alle fühlten sich da gut, weil sie mir so großmütig "halfen". Nun lebe ich in Wien, habe die Chance gekriegt, mich berulich voll einzubringen, habe adäquate Förderung gekriegt und werde von meiner Umgebung auf der privaten und auch beruflichen Seite voll anerkannt. ... und wenn sie mit offenen Augen durch die Stadt gehen, werden Sie sehen, dass ich kein Einzelfall bin.

T-Minus1
00
14.12.2009, 15:58
Dankbarkeit

Das ist der Knackpkt. in der Behinderten-Diskusson. Der Behinderte MUSS nicht nur allzeit dankbar sein, er MUSS sich auch helfen lassen. In dem Moment nämlich wo er mündige Augenhöhe einfordert wird sein tatsächler Status urplötzlich offensichlich. Nämlich der Status des einzig Tolerierten.

DER-STANDARD-JURIST
00
6.12.2009, 17:32
ich

sprach allerdings von geistig beeinträchtigten personen.

mm-10-1
21
5.12.2009, 15:24
behindert ist ein unwort

eher gehindert an den ansprüchen der allgemeien gesellschaft.
gehinderte tun ihren job,wo sie angelernt sind,meistens besser und inbrünstiger als alle anderen .
-und sie wollen.

Nathaniel Winerib
00
6.12.2009, 13:47

sie sind also der meinung, behinderte sollen nur "angelernte" tätigkeiten ausüben?

nofretete69
 
16
5.12.2009, 14:03

tip an alle gscheiterln hier : verbringen sie mal einen tag im rollstuhl in wien , einkaufen, museenbesuche, kafehaus , whatever : da werden sie den begriff barriere so richtig spüren !
und von sozialen barrieren red ich noch gar nicht !

Cara3
01
5.12.2009, 20:07
Behinderte Menschen werden in Österreich immer noch marginalisiert

"und von sozialen barrieren red ich noch gar nicht !"

Man beobachte nur mal, wie sich Menschen gegenüber Rollstuhlfahrern mit Begleitperson verhalten. Sie sind Luft, es wird grundsätzlich die Begleitperson angesprochen, gefragt, begrüsst, usw. .... Eine weitere Unsitte ist, wenn sie schon mal direkt angesprochen werden, mit ihnen in doppelter Lautstärke zu reden. Rollstuhlfahrer werden a priori als schwerhörig und beschränkt eingestuft.... Das ist verletzend. Es gibt wenige Menschen, die mit Behinderten ungezwungen und "normal" umgehen können.

feueramdbach
08
5.12.2009, 15:28
die, die hier gar so gescheit posten,

waren wahrscheinlich noch nicht mal mit einem kinderwagen mit öffis unterwegs. mit kinderwagen weißt plötzlich recht schnell, wer oder was du nur mehr oder nicht mehr bist.

you dont see me
00
6.12.2009, 13:50

ich hab´ mir einmal einen tag im rollstuhl vorgenommen.
zu mittag hab´ ich aufgegeben.

KTHXBYE
72
5.12.2009, 12:40
"Barrierefreie Gesellschaft kommt allen zugute"

Gegen die Sache an sich ist nichts einzuwenden; gegen solche Sätze hingegen schon. Inwiefern kommt etwas "allen" zugute? Das ist schlicht und einfach unrichtig. Es gibt Leute mit Helfersyndrom, die sich nur dann selbst ertragen, wenn sie das Leid der Welt auf ihren Schultern fühlen können und sich als moralische Referenz gerieren. Denen, nebst den eigentlich Betroffenen, kommt hier vielleicht noch etwas zugute. Aber sonst?

Jerry Garcia
 
02
6.12.2009, 09:38
Vergessen Sie nicht die alten Menschen!

VO48
16
5.12.2009, 13:44
Doch - kommt allen zugute

Es ist davon auszugehen, dass 10 % der Bevölkerung auf Barrierefreiheit direkt angewiesen sind (aufgrund von Rollstuhl, Gehbehinderung, Kinderwagen usw.), dass darüber hinaus 40 % von Barrierefreiheit profitieren und dass diese für alle komfortabel und bequem ist. Das ist aber eine Momentaufnahme. Rechnen wir den Nutzen von Barrierfreiheit auf das gesamte Leben aller Menschen, also lebenslang, dann kommen wir schlagartig auf Zahlen in Richtung 80% . Es stimmt also auch in diesem direkten Sinn, dass eine barrierfreie Gesellschaft allen zugute kommt. Barrierfreiheit verhindert dazu manchen Zwang ins Heim zu müssen, die gewohnte Umgebung zu verlassen - hilft also auch nachhaltig soziale Qualität zu erhalten.

VO48
02
5.12.2009, 14:01
nochmals zu: doch - kommt allen zugute

Die Berechnung oben - in Richtung 80 % - geht nur von den einzelnen Personen aus. Werden Familienmitglieder, Verwandte und Bekannte als Mitbetroffene mitgerechnet (wer läßt schon gerne Freunde bei einem Kinobesuch nur deshalb zu Hause, weil sie auf Barrierefreiheit angewiesen sind...), dann sind wir locker bei 100% der Bevölkerung, die von Barrierefreiheit profitiert.

nofretete69
 
22
5.12.2009, 13:13

weil es sich lohnt, sich mit randgruppen auseinander zu setzen
weil es einen lehrt , die eigene lebenssituation in einem anderen licht zu sehen
weil man ganz schnell zu dieser randgruppe gehören kann

aber das kann man natürlich nicht in geld berechnen , und das scheint ja das einzige zu sein, was heutzutage einen menschen " wertvoll " macht !

feueramdbach
00
5.12.2009, 11:19
november, dezember, trübe zeit kurz vor dem besinnlichen weihnachtsfest,

der trübsinn schlägt wild zu. manche menschen sitzen vor ihrem computerkastl und entleehren sich. geht wohl nicht konstrukiver als mit dummpostings?

ausgestorbenes Schnabeltier1
00
5.12.2009, 15:59
Wieso nicht Feueramdach?!?

feueramdbach
00
6.12.2009, 08:58
weil sich feuerbach bei so viel menschenverachtender dummheit

dummheit mit rauchendem kopf weinend an einen bach gesetzt hätte, um trost zu finden.

Bluestone
12
5.12.2009, 07:04

möchte noch was hinzufügen.
Solche Debatten über "Benachteiligte" werden zu emotionell geführt und damit polarisiert.

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