Einladende Konzeptkünstler

4. Dezember 2009, 16:48
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Dass die Franzosen in der automobilen Welt Konzeptkünstler sind, stellen sie oftmals unter Beweis. Im Test: Renault Clio Grandtour, Peugeot 3008

"Tröööt!", warnte der Renault Clio Grandtour, den "Reifendruck prüfen" verlangte der Peugeot 3008. Die eine Info schonte das Börserl, die andere strapazierte die Geduld. Ad 1: Radarwarner im Navi-System, dessen widerlichen Signalton man aus naheliegenden Gründen gerne in Kauf nimmt. Ad 2: An sich sinnvolle Innovation, die nur auch richtig funktionieren sollte und sich nicht unbegründet bei jeder zweiten Ausfahrt zitierte Aufforderung dem Piloten melden, wie beim Testwagen der Fall. Andererseits: Die Trefferquote des Renaultradarwarners war auch nicht 100-prozentig. Alte Tangentenboxen kennt er mitunter nicht, aber mit den neuen Kastln ist er per du.

Mag sein, die Franzosen sind technisch nicht immer und überall vorneweg - in einem Punkt macht ihnen keiner was vor: Konzepte. Geht es darum, Fahrzeugtypen auf geänderte Erfordernisse der Mobilität zuzuschneidern oder neue für solche zu erfinden, gehört ihnen der Kreativ-Orden am Hosenband.

Damit zum Clio Grandtour. Sie sagen: ein Kombi, na und? Schon, aber. Solche auf Basis von Kleinwagen, die Vorteile des kompakten Seins (4,23 cm kurz) mit dem praktischen Talent der Gattung (439 bis 1277 Liter Kofferraum) kombinieren, sind nach wie vor selten, ad hoc fallen einem lediglich der Peugeot 207 SW und der Skoda Fabia Combi ein. Deren Erfolg gibt den Machern recht, was Wunder, wenn Großraumspezialist Renault sich ebenfalls ein Stück vom Downsizing-Kuchen abschneiden will.

Der 103-PS-Diesel ist eine ganz feine Maschine, spritzig, sparsam, leise, sie ist aber fast schon mehr als ausreichend. Wer weniger will: Es gibt auch einen Diesel mit 68 (ohne Partikelfilter) und zwei mit 86 PS (nur der mit 6-Gang-Schaltung hat einen Partikelfilter).

Formal wirkt der Clio Grandtour ein bisserl pummelig, das geht aber bei den Proportionen kaum anders. Verstecken muss er sich diesbezüglich vor dem Skoda keineswegs, vor dem Peugeot schon gar nicht. Design? Damit wechseln wir gleich zum Peugeot. Aus der dort derzeit bei vielen Typen der aktuellen Modellpalette grassierenden - wie formulieren wir's diplomatisch? - stilistischen Flaute ragt der 3008 geradezu wohltuend hervor.

Crossover nennt die Firma das Konzept, das Vorzüge von Kombis, Limousinen, Coupés, Vans, SUVs und werweißwasnoch gedeihlich vermanscht. Die Wahrheit, die nackte? Das hier ist ein solider kompakter Van, der außen ein ganz klein wenig auf SUV-mäßig rustikal tut, weil das halt modisch ist.

Im Fahrbetrieb erschließen sich die Qualitäten sofort: problemlos Platz für fünf, variabler Nutz- bzw. Kofferraum, zweiteilige Heckklappe zum praktischen Beladen (die Ladekante ist aber relativ hoch), ergonomisch vorbildliches, weil fahrerorientiertes Cockpit, luftige Atmosphäre (sofern man das Panoramaglasdach geordert hat). Der 3008 hinterlässt insgesamt einen guten qualitativen Eindruck, als störend haben wir beim Testwagen lediglich notiert, dass die Mittelarmauflage, zugleich Deckel für das Staufach darunter, ständig klapperte.

Damit der 3008 keinen abmessungstechnischen Erklärungsnotstand bekommt, wurde er klug dimensioniert. Mit 4,37 Metern Länge überragt er den 308 um neun Zentimeter, bleibt aber 13 cm kürzer als der 308 SW (Kombi) und 16 unter dem neuen 7-Sitzer 5008 (alle vier basieren sie auf dem 308).

Weil die Westfranken gerne für sich in Anspruch nehmen, teure Ostfrankentechnik zu demokratisieren, also erschwinglich zu machen, nur das Beispiel HUD. Headup-Display. Peugeot wählt einen schlichteren Ansatz als BMW, zwischen Lenkrad und Windschutzscheibe fährt eine kleine Polycarbonatscheibe aus. Darauf werden Infos wie Tempo und Abstandswarnung eingespielt. Funktioniert tadellos. So wie der ganze 3008.

Und damit verabschieden wir uns, nach gewissenhafter Reifendrucküberprüfung, für heute mit einem herzhaften "Tröööt!" (Andreas Stockinger/DER STANDARD/Automobil/4.12.2009)

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