"Ich habe den Wein in der Handtasche gehabt"

4. Dezember 2009, 16:12
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Im Sonderkrankenhaus Weizen­steinerstraße in Salzburg werden seit 30 Jahren Alkoholsüchtige entwöhnt - Fünfzig Prozent schaffen es, abstinent zu werden

Salzburg - Die Weizensteinerstraße in der Stadt Salzburg ist eine noble Adresse. Unweit des Schlosses Leopoldskron reihen sich hier im grünen Süden der Stadt vornehme Bürgerhäuser mit kleinen Erkern und großen Gärten aneinander. In einem von ihnen, dem kaisergelb gestrichenen Haus Nummer elf, verbirgt sich allerdings seit genau 30 Jahren eine Institution, die man hier ganz und gar nicht vermuten würde: Ein Sonderkrankenhaus für Alkohol- und Medikamentenabhängige.

"Ich war eine Spiegeltrinkerin"

Sieglinde Freinbichler kann sich noch genau an den Tag zurückerinnern, als sie das Haus zum ersten Mal betrat: Es war ein Freitag, der 13. Jänner 1995, es schneite heftig. "Ich war eine Spiegeltrinkerin, bei mir hat es jahrelang keiner gemerkt, nicht einmal der Arzt", erzählt sie. Bei ihren Bekannten war sie als Spaßbremse verschrien, weil sie in Gesellschaft immer nur Wasser trank. "Dabei habe ich den Wein in der Handtasche gehabt und unbemerkt am Klo getrunken."

Es habe lang gedauert, bis sie sich ihre Sucht eingestanden habe, sagt Freinbichler. Erst als ihr Hausarzt massive organische Schäden festgestellt hat, habe sie sich zum Handeln entschlossen: "Er hat gesagt, wenn ich so weitermache, lebe ich noch ein halbes Jahr." Nach der Entgiftung in der Landesnervenklinik kam sie für drei Monate zur Entwöhnung in die Weizensteinerstraße. Sie habe sich das ganz anders vorgestellt, "wie ein Gefängnis, mit Gitterstäben", sagt sie. Aber dann sei dort "so offen über den Alkohol geredet worden, da ist mir ein Stein vom Herzen gefallen".

Nachsorge entscheidend für Abstinenz

Mittlerweile ist Freinbichler seit 15 Jahren trocken. Insgesamt schaffe jeder zweite Patient den dauerhaften Alkoholentzug, sagt Peter Römer, der Geschäftsführer des Salzburger Landesverbands für Psychotherapie, der unter anderem das Sonderkrankenhaus in der Weizensteinerstraße betreut. Das sei allerdings nicht allein der stationären Entwöhnung zuzurechnen, vor allem die ambulante Nachsorge sei entscheidend: Wer regelmäßig daran teilnehme, könne seine Chance auf bis zu 90 Prozent steigern; wer darauf verzichte, werde zu 70 Prozent früher oder später wieder rückfällig.

Mit nur 18 Betten ist das Sonderkrankenhaus eine sehr überschaubare Einrichtung. Für den Therapieerfolg ist das äußerst günstig, sagt der ärztliche Leiter Hannes Bacher: "Wichtig ist der respektvolle Umgang mit den Patienten", Alkoholsucht sei "eine Erkrankung, die jeden treffen kann". Ziel ist die dauerhafte Abstinenz - die Erkrankung bleibe in der Regel lebenslang, maximal ein Prozent der Betroffenen würden es schaffen, nach der Entwöhnung kontrolliert zu trinken.

Jeder Zwanzigste ist alkoholsüchtig

Alkoholsucht ist ein weit verbreitetes Problem: Schätzungen zufolge sind fünf Prozent der Österreicher von der Sucht betroffen, noch einmal so viele sind gefährdet. Allein im Bereich der Salzburger Gebietskrankenkasse fallen pro Jahr offiziell 38.000 Krankenstandstage wegen "Substanzmissbrauch" an - in den allermeisten Fällen handelt es sich um Alkohol. Und die Dunkelziffer dürfte weit höher sein, weil "nicht immer 'Diagnose: Alkoholismus' draufsteht", sondern andere Gründe vorgeschoben werden, sagt Gabriele Wieser-Fuchs von der Gebietskrankenkasse.

Schätzungen der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt führen zudem zehn Prozent aller Arbeitsunfälle auf Alkoholismus zurück. Die 780.000 Euro, die die Kasse jährlich in die Therapien in der Weizensteinerstraße stecke, seien so gesehen gut investiertes Geld, sagt Wieser-Fuchs.

Zu wenig Entwöhnungsplätze

In Salzburg herrscht ein eklatanter Mangel an Entwöhnungsplätzen für Alkoholiker: Von etwa 250 bis 270 Personen, die jährlich eine Entwöhnungstherapie machen, können nur 150 in den beiden Sonderkrankenhäusern im Bundesland behandelt werden, der Rest wird über ganz Österreich verteilt. Man sollte daher in Zukunft verstärkt auf ambulante Entwöhnung setzen, sagt Römer. Zudem würden viele Patienten sich erst viel zu spät in Behandlung begeben, oft weil sie befürchten, ihren Job zu verlieren. Abendliche Therapiegruppen in den Regionen könnten dieses Problem mildern.

Engpässe gibt es auch in der so wichtigen Nachsorge: Der zuständige Sozialmedizinische Dienst des Landes hat schon seit dem Frühjahr mit unbesetzten Planstellen bei der ambulanten Betreuung in den Bezirken zu kämpfen. Hintergrund ist ein politischer Streit zwischen Sozial- und Gesundheitslandesrätin Erika Scharer (SPÖ) und dem für das Personal zuständigen Landesrat Sepp Eisl (ÖVP). Scharer hat das Gefühl, "dass wir da am falschen Fleck sparen", sagt sei: "Es kann nicht sein, dass die erfolgreiche Arbeit des Sonderkrankenhauses Weizensteinerstraße zunichte gemacht wird, weil in der Nachsorge das erforderliche Personal fehlt."

Sensibilisierung für Hausärzte

Inzwischen versucht der Landesverband für Psychohygiene, die Früherkennung zu forcieren, indem Römer und Bacher in allen Bezirken Fortbildungen für Hausärzte anbieten. Sie sollen darauf sensibilisiert werden, bei Symptomen wie einem aufgedunsenen Gesicht, Ringen unter den Augen oder vermehrter Übelkeit an eine mögliche Alkoholsucht zu denken, öfter Fragen zum Alkoholkonsum zu stellen und auch bei einer Häufung kurzer Krankenstände hellhörig zu werden. (Markus Peherstorfer, derStandard.at, 04.12.2009)

Links

Salzburger Landesverband für Psychohygiene

"Haben Sie ein Alkohol-Problem?" - ein Selbsttest

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    Schätzungen zufolge sind fünf Prozent der Österreicher von der Sucht betroffen, noch einmal so viele sind gefährdet.

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