Guten Morgen, Zwillingsstadt

8. Dezember 2009, 18:31
160 Postings

Pflegerinnen, EDV-Techniker, Schüler und Studenten: Tausende Menschen pendeln täglich von Bratislava nach Wien, um hier zu arbeiten oder zu lernen

"In den vergangenen viereinhalb Jahren habe ich mit dem Zug dreieinhalb Mal die Erdkugel umrundet", sagt Daniel Lukac und schmunzelt. Der 59-Jährige sitzt in seinem Büro am Wiener Parkring. Autos und Straßenbahnen fahren am Ring-Gebäude, das auch das Gartenbau-Kino beheimatet, vorbei. Lukac arbeitet für die Slowakische Zentrale für Tourismus in Wien. Er lebt aber nicht in Österreich, sondern nach wie vor in der Slowakei, wo er geboren wurde. In der Früh steigt er in Bratislava in den Zug und fährt zur Arbeit nach Wien. Am Nachmittag geht es wieder retour. Die Fahrtzeit beträgt in eine Richtung rund sechzig Minuten. "Ideal zum Zeitungslesen", wie Lukac meint. Seine Tätigkeit in der slowakischen Tourismuszentrale umschreibt er folgendermaßen: Er habe sich darum zu kümmern, "dass die Österreicher lieber in die Slowakei fahren". Er mache sozusagen Werbung für sein Land, das er nicht verlassen möchte, nur weil er in Wien arbeitet.

Lukac ist nicht der einzige Slowake, der täglich den Zug besteigt, um nach Wien zu gelangen. Ihm tun es hunderte Pendler aus Bratislava gleich: Studenten, Schüler, Pflegerinnen oder EDV-Techniker. Allein im Monat Oktober gab es laut Informationen der ÖBB 2.397 Pendler in der Relation zwischen den so genannten Zwillingsstädten Wien und Bratislava. Die Pendler besitzen Wochen- oder Monatskarten - aus diesem Grund verfügt die ÖBB über entsprechende Daten. Vor allem in den Stoßzeiten - also in der Früh und am späten Nachmittag - sind die Züge, die stündlich zwischen den Städten verkehren, voll.

Dazu kommen noch Autofahrer und Pendler, die den Bus nehmen. Laut einer Statistik der Planungsgemeinschaft Ost aus dem Jahr 2006 sind täglich ca. 5.200 Pendler von Bratislava nach Wien unterwegs. 4.000 Personen fahren mit dem Auto, 600 Personen mit Zug oder Bus. 198 Schüler und Studenten sind mit dem Auto nach Wien unterwegs und 434 Schüler und Studenten fahren mit den Öffis.

"Abschreckende" Arbeitsbeschränkungen

Die von Österreich im Jahr 2004 - damals trat die Slowakei der EU bei - festgelegten Arbeitsbeschränkungen, die noch bis 2011 gelten, halten die Slowaken also offenbar nicht davon ab, nach Wien zu kommen. "Österreich braucht die Arbeitskräfte", meint Lukac. Zwar habe man die Nachbarn aus dem Osten "abschrecken" wollen, sagt er, die Firmen aber würden ihren Arbeitskräften aus der Slowakei bereitwillig zu Genehmigungen verhelfen, damit sie hier arbeiten können.

Die Slowakei jedenfalls protestierte im Jahr 2004 gegen die Arbeitsbeschränkungen. Die freie Wahl des Arbeitsplatzes gehöre zu den Grundrechten, auf denen die Europäische Union basiere, hieß es in der Protestnote der Parlamentarier. Es wurde gefordert, dass die Regierung sich bei allen EU-Mitgliedstaaten beschweren soll, die den Zugang zu ihrem Arbeitsmarkt einschränken.

Neben Österreich hatten auch Deutschland, Belgien, die Niederlande und Frankreich während einer mehrjährigen Übergangszeit den Zugang zu ihrem Arbeitsmarkt für die neuen EU-Bürger beschränkt. In knapp zwei Jahren laufen die Beschränkungen für Österreich aus.

Slowaken-Klassen in der Handelsakademie

Nicht nur in der Arbeitswelt, auch in Sachen Ausbildung herrscht reger Austausch zwischen Bratislava und Wien. Statistiken über Schüler und Studenten aus der Slowakei werden zwar keine geführt, ein Vorreiterprojekt ist aber etwa die Handelsakademie in der Pernerstorfergasse in Wien Favoriten. Dort gab es in den 90er-Jahren sogar eigene Klassen nur mit slowakischen Schülern. Es wurden extra Busse angemietet, die die Jugendlichen nach Wien zur Schule und wieder heimwärts brachten. In den letzten Jahren sind es aber weniger Schüler geworden, sagt Direktor Peter Slanar im Gespräch mit derStandard.at. Derzeit besuchen seine Schule zehn bis fünfzehn Jugendliche aus der Slowakei, einige von ihnen leben aber in Wien.

Im Gegensatz zu den Schülern werden die Arbeitenden nicht weniger, ist Daniel Lukac von der Tourismuszentrale überzeugt. Und davon geht auch die österreichische Industriellenvereinigung aus, die deshalb fordert, dass die Zugverbindungen besser ausgebaut werden. Zurzeit gibt es zwei Routen. Die Bahnstrecke von Bratislava Hauptbahnhof über Marchegg, Siebenbrunn, Simmering (U3) zum Wiener Südbahnhof wird weniger von Pendlern, als viel mehr von Touristen genutzt. Der Großteil der Pendler fährt mit dem Zug vom Bahnhof Bratislava-Petrzalka über Kittsee, Parndorf und Bruck/Leitha zum Wiener Ostbahnhof.

Der Ostbahnhof ist übrigens jener Teil des Wiener Südbahnhofs, der auch während des Mitte Dezember startenden Umbaus zur Errichtung des neuen Hauptbahnhofs erhalten bleibt. Zwar wird der Eingang verlegt und eine provisorische Bahnhofshalle für den Zeitraum des Umbaus errichtet, doch der Betrieb bleibt aufrecht. Ein bisschen mühsam für die Pendler aus der Slowakei, aber wie Daniel Lucas zuvor schon meinte: So leicht lassen sich die Pendler aus der Slowakei nicht von äußeren Umständen abschrecken. (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 8.12.2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Täglich fahren hunderte Pendler zum Arbeiten nach Wien, am Abend geht es wieder zurück nach Bratislava.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die meisten Pendler aus Bratislava kommen am Wiener Ostbahnhof an. Während des Umbaus zum Zentralbahnhof werden die Bahnsteige zwar verkürzt, der Betrieb bleibt aber aufrecht

Share if you care.