Ö1 - Rettet das Augenmaß!

3. Dezember 2009, 18:43
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Betrifft: Ö1 und die Lust an der Empörung - Von Alfred Treiber

Erwiderung auf einen "Notruf" von Herbert Dietrichstein ("Rettet Ö1!", Standard, 28. 11. 2009)

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Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass Aufregung und Kontroverse dem in der Meinung vieler Ö1-Konsumenten ohnehin etwas zu abgehobenen, leicht verschlafenen Sender gut tut. Und Kritik muss man, wenn man sein Geschäft ernst nimmt, nicht nur selber ernst nehmen, sondern auch akzeptieren.

Leicht ist das nicht immer. Was zum Beispiel in letzter Zeit an Aggressivität und Intoleranz über Ö1 hereinbricht, wenn es um die Kabarettsendung "Welt Ahoi" geht, strapaziert die Gelassenheit der Sendungsverantwortlichen gewaltig. Das Publikum, bei dem man ja eine gewisse Vornehmheit und abwägende Urteilsfindung voraussetzt, reagiert zum Teil auf einem Niveau, das weit unter dem der konstatierten Niveaulosigkeit der Sendung liegt, hält die Sendung für "Scheiße" und Protagonisten und Ö1-Verantwortliche allesamt für "blöd". Abgeschafft und rausgeschmissen gehört beides sowieso...

Jetzt könnte man sagen, demgegenüber ist der "Hörer-Notruf" von Herrn Dietrichstein harmlos und nachgerade sympathisch.

"Programmreform"

Leider kann ich das nicht so sehen. Denn das gerade beschriebene Publikum mag hysterisch und unflätig sein, reagiert aber in einem gewissen entschuldbaren Affekt. Der wohlwollende Herr Dietrichstein dagegen konstruiert aus einigen im Laufe des Jahres stattgefundenen Ereignissen eine absichtlich herbeigeführte "Programmreform" - mit der weit unter den intellektuellen Möglichkeiten des Notrufers liegenden Vermutung, dass uns demnächst eine "Durchschaltung des Musikantenstadels am Samstag" erwarten könnte. Also bitte!

Die Aufzählung des vermuteten Niedergangs von Ö1 beginnt mit der kurzzeitigen Kulturquiz-Einstellung. Die hat allerdings nur so lange gedauert, bis die neue Finanzierung gewährleistet war. Derzeit läuft das Quiz besser denn je.

Dann wurde das Radio-Orchester infrage gestellt. Allerdings nur so lange, bis geklärt war, dass einerseits das RSO ebenfalls Sparvorgaben zu erfüllen hat und es andererseits eine neue Finanzierung gibt.

Dann "quält" angeblich die Kabarettsendung. Dazu muss man sagen, dass es erstens auch Leute gibt, die sie gar nicht quält, und wir zweitens spätestens im Frühjahr objektive Daten über die Akzeptanz von "Welt Ahoi" haben werden. Das, und nicht subjektive Befindlichkeiten wird die Grundlage weiterer Entscheidungen sein.

Und schließlich ist die Verkürzung der Nachrichten von fünf auf dreieinhalb Minuten das letzte Indiz für eine stattfindende Programmreform, die das Risiko auf sich nimmt, "massenweise Hörer zu verlieren".

Ansonsten bietet der Hörer Dietrichstein eine Reihe von Analysen und Ratschlägen, die beherzigenswert wären, wären sie nicht bereits beherzigt worden. Daher gibt es wenig Grund für Ö1-Kulturpessimismus. Man muss sich nur das richtige Augenmaß bewahren. Wenn Ö1 in der Woche rund 10.000 Minuten Programm sendet, und man mit 100 Minuten nicht einverstanden ist, sollte man, wie es so schön heißt, die Kirche im Dorf lassen.

Ö1 braucht nicht gerettet werden. Es ist nicht ernstlich in Gefahr. Künstliche Aufregung ist nicht angebracht. (Alfred Treiber/DER STANDARD; Printausgabe, 4.12.2009)

Alfred Treiber ist Kultur- und Programmchef von Ö1.

Nachlese
Rettet Ö1! - Ein Hörer-Notruf zur Programmreform des ORF - Von Herbert Dietrichstein

  • Ersucht, die Kirche im Dorf zu lassen: Ö1-Chef Treiber.Alf
    foto: standard/newald

    Ersucht, die Kirche im Dorf zu lassen: Ö1-Chef Treiber.Alf

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