"Vielleicht komme ich zur Premiere ..."

3. Dezember 2009, 18:31
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Tobias Moretti inszeniert Haydns Oper "Il mondo della luna" und spricht im Interview über Probenstress und die Zusammenarbeit mit Nikolaus Harnoncourt

Mit Moretti sprach Ljubisa Tosic.

Standard: Ihr Zustand ein paar Tage vor der Premiere? Ruhig, weil alles erledigt ist oder panisch, da Sie nicht mit allem fertig wurden?

Moretti: In diesem Fall bin ich mittlerweile nicht mehr beunruhigt. Letzte Woche war es schwer, als wir von der Probebühne ins Theater an der Wien kamen. Da ist die Technik am Anfang natürlich überfordert, man muss mit dem Licht experimentieren. Aber das geht vorbei; man muss eben immer durch den selben Flammenreifen springen. Die Klavierhauptprobe war jetzt sehr gut, es war auch meine letzte Möglichkeit, wirklich einzugreifen. Danach geht eigentlich gar nichts mehr.

Wenn die Sänger bei der Premiere diese Dimension wie bei der Probe erreichen, dann wird es gut. Man muss ja wissen: Der Sängerberuf ist ein Überlebensberuf, und wenn ein Mensch mit dem Rücken zur Wand steht, greift er auf Bewährtes zurück, auf das, was er gelernt hat. Wenn also ein Sänger nervös ist, dann kann er die erarbeitete Mehrdimensionalität unter Umständen nicht mehr abrufen. Dann könnte schnell aus bösem Humor auch Boulevard werden.

Standard: Die Premiere ist womöglich nie die beste Vorstellung?

Moretti: Das kann man so nicht sagen, das ist eher beim Schauspiel so. Das Gerüst ist in der Oper für die Sänger klarer - durch die Musik. Jetzt kann man nur hoffen, dass kein Sänger krank wird. Wir haben keine Zweitbesetzung.

Standard: Als Regisseur, der vor allem auch Schauspieler ist, können Sie den Sängern Ideen zu den Figuren vorspielen. Womöglich besser, als es die Sänger jemals könnten.

Moretti: Das stimmt nicht. Mittlerweile denke ich: Das könnte ich gar nicht mehr spielen. Das ist nun so genau gearbeitet, die Figuren stimmen und haben ein Eigenleben, da kann ich gar nichts mehr nachmachen oder vorspielen.

Standard: Ist es leicht, mit Dirigent Nikolaus Harnoncourt zu arbeiten, das ist ihre dritte Zusammenarbeit?

Moretti: Er ist eine wandelnde Enzyklopädie, und doch ist bei ihm alles gewürzt mit dem, was Leben heißt und bedeutet. Natürlich ist er eine ständige Herausforderung - auch für den Regisseur, da man auch musikalisch Rede und Antwort zu stehen hat. Und das ist natürlich auch richtig so. Umgekehrt ist er aber erstaunlich offen, wenn man den Mut hat, eine Sache zu vertreten, die man auszuprobieren will. In dieser Oper gibt es diese Echoarie: So wie wir das ausprobiert haben, fand ich es nicht stimmig und habe gefragt, ob das nicht ein Instrument übernehmen könnte, ein Horn oder eine Trompete? Trompete wollte er auf keinen Fall. Aber Horn? Geht womöglich auch nicht, weil man das Instrument umstimmen müsste.

Dann hat man es ausprobiert, es ging, und jetzt wird es gemacht. Wunderbar: So kriegt das jetzt noch eine zusätzliche Skurrilität, weil ein Instrument die Stimme ersetzt. Am Dienstag habe ich auch noch ein Rezitativ rausgeschmissen, war auch möglich. Harnoncourt ist mit keinem Maßstab zu messen. Der verändert und bricht sich ja nicht aus Kalkül selbst. Er wird einfach getrieben und gepeitscht von dieser Mischung aus Neugier, Erfahrung und Wissen, die ihn ausmacht.

Standard: Inwieweit kommen Ihre Regieideen aus der Musik?

Moretti: Meistens gibt die Musik den Impuls. Es steht ja eigentlich alles in der Partitur, sie ist für mich nicht ein Korsett sondern ein Ansporn, ein Ideenmultiplikator. Bei Haydn kann man sich überlegen, was man will, man geht sowieso immer auf Entdeckungsreise. Wenn ein Harnoncourt schon sagt, dass er sich eingestehen muss, im seinem Leben Haydn oft falsch gespielt zu haben, dann wird es gruselig. Wenn es schon ihm so geht, wie soll es da einem wie mir gehen? Aber durch die gemeinsamen musikalischen Proben vor Beginn der Regiearbeit war es von Anfang an klar, dass ich in die gleiche Richtung denken und probieren kann. Das war eine gute Basis.

Standard: Sie sollen mit Harnoncourt 2012 bei den Salzburger Festspielen "Die Zauberflöte" machen?

Moretti: Wir haben eigentlich noch gar nicht darüber gesprochen, das hat ein Kollege von Ihnen aufgebracht. Jetzt bringen wir einmal das zu Ende, dann sehen wir weiter. Eines nach dem anderen.

Standard: Während der Proben haben Sie wieder den Faust gespielt. Ist es nicht ein bisschen schwierig, Dinge parallel zu machen?

Moretti: Das war schon machbar, der Faust ist eine gearbeitete Produktion, die auch jetzt eine völlig andere Sache widerspiegelt, als am Anfang. Jetzt macht es mir wirklich Freude, zur Vorstellung zu gehen. Denn, das was ich meine, finde ich nun wieder, wo es meine Figur betrifft. Das war zu Beginn nicht so.

Standard: Kommen Sie vielleicht doch zur Premiere am Samstag?

Moretti: Ja, vielleicht. Wahrscheinlich surfe ich irgendwo zwischen Rang und Loge, aber man hat mir davon eher abgeraten. Das letzte Mal in Zürich habe ich den Stuhl meines Vordermanns zerbissen. Reihe 7, Sitz 8 - die Spuren sind noch sichtbar. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.12.2009)

 

"Il mondo della luna": ab 5.12. am Theater an der Wien

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    Regisseur Tobias Moretti: "Der Sängerberuf ist ja ein Überlebensberuf. Wenn er nervös wird, also mit dem Rücken zur Wand steht, greift der Sänger auf Bewährtes zurück."

    Zur Person:
    Theater- und Filmschauspieler Tobias Moretti (Jahrgang 1959) hat bisher Mozartopern in Zürich, Bregenz und Salzburg inszeniert.

     

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