Kuscheln brutal

3. Dezember 2009, 17:21
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Der Vergleich macht sicher - solche von politischer Not verordnete Rhetorikübungen müssen nicht sein

Josef Pröll gegen Werner Faymann - das ist Kuschelbrutalität! "Projekt Österreich" gegen "Österreich gemeinsam" - zwei Programme, wie sie sedierender kaum sein könnten. Nicht einmal die jeweils eigenen Parteigänger fühlten sich von den Sesseln gehoben. Dem Vizekanzler wurde wenigstens unterstellt, er habe mit seiner Transfer-Kontoführung eine Diskussion angeregt. Dieses Lüftchen hat sich bisher im Wesentlichen darin manifestiert, dass sich auch Experten von seinem buchhalterischen Ehrgeiz nur einen mäßigen politisch umsetzbaren Erkenntnisgewinn versprechen und der Koalitionspartner, Böses ahnend, gleich Nein sagte. Da hat ihn der Bundeskanzler glatt ausgestochen: Gegen seine Rede hatten nicht einmal lauschende ÖVP-Regierungsmitglieder kantigere Bedenken.

Der Vergleich macht sicher - solche von politischer Not verordnete Rhetorikübungen müssen nicht sein. Das Transferkonto hätte man ebenso gut wie den Generationenfonds im Rahmen einer Pressekonferenz verkünden können, zwecks Hebung des Spargedankens sogar in einer gemeinsamen. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass die Spitzen der Regierung einander vor laufender Kamera schaumgebremst in die Haare geraten. Wäre da nicht der zeitgemäße Anspruch, dass die Inszenierung die Bescheidenheit der Frohbotschaften vergessen machen soll. Das funktioniert zwar längst nicht mehr, aber die, die es betrifft, sind die letzten, die es wahrhaben wollen. Dabei bräuchten sie nur auf die eigenen Leute zu hören.

Schuld ist natürlich Barack Obama. Reden an die Nation waren in den USA zwar schon vor ihm üblich, aber erst sein rhetorisches Talent und Auftreten wecken in heimischen Größen den Wahn, was der kann, können wir auch - zumindest versuchen. Abgesehen von einigen anderen Nebensächlichkeiten erhebt sich die Frage, ob das einjährige Bestehen einer wenig glanzvollen Regierung der passende Anlass ist. Des Vizekanzlers Auftritt war ja tendenziell dazu gedacht, sich als der bessere Bundeskanzler zu präsentieren, ein Wunschdenken, das zu seiner Materialisierung ein baldiges Ende dieser Regierung zur Voraussetzung hätte. Denn weitere vier Leerjahre wird er sich kaum als Kanzler der schwarzen Herzen empfehlen können, dieweil er sich als Vize einer rot-schwarzen Koalition durchfrettet. Da überbot ihn der reale Bundeskanzler nicht nur mit imperialer Regie, sondern auch durch Authentizität. Faymann bot genau das, was allgemein von ihm erwartet wurde, ohne damit gleich einen Anspruch auf die Vizekanzlerschaft anzumelden.

Wenn schon das erste Jahr dieser Koalition so pompös begangen wurde - müssen die Honoratiorinnen und Honoratioren des Landes nun auch in den nächsten Jahren antanzen, um (the same procedure as every year) zu hören, wie Faymann die Menschenwürde dem schnellen Profit vorzieht, ohne ihn anzukratzen, und Josef Pröll sich unermüdlich als Entminungsdienst gegen die Kostenexplosion empfiehlt, weil sich Leistung wieder lohnen muss? Vielleicht sollte man den eigentlichen Zweck der Redeübungen nicht aus den Augen lassen: Wähler sind durch Rhetorik nicht zu gewinnen, wenn Taten ausbleiben. (Günter Traxler, DER STANDARD, Printausgabe, 4.12.2009)

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