"Pille danach" wird ohne Rezept erhältlich sein

3. Dezember 2009, 22:08
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Der Gesundheitsminister will die "Pille danach" rezeptfrei abgeben, doch die Pharmaindustrie stellt keinen Antrag. Stöger wird also den Wirkstoff möglichst schnell per Verordnung freigeben, was noch heuer der Fall sein könnte

Es gibt ApothekerInnen, die machen in solchen Fällen gerne vom Notfallsparagrafen Gebrauch. Es gibt aber auch ApothekerInnen, bei denen geht ohne ein Rezept vom Arzt/von der Ärztin gar nichts. Es gibt ÄrztInnen, die setzen ihren Stempel bereitwillig unter die Verschreibung für Medikamente mit dem Namen Vikela oder Postinor. Es gibt aber auch ÄrztInnen, die verlangen zuvor einen Schwangerschaftstest oder finden während ihres Nachtdienstes erst nach langem Warten Zeit für die Patientin in Not. Und schließlich gibt es Frauen, die treten nach einer Verhütungspanne den Weg zum Arzt/zur Ärztin oder in die Apotheke an, um eine Schwangerschaft zu verhindern. Es gibt aber auch Frauen, für die ist ein solches - oft nächtliches - Procedere eine Hemmschwelle, die sie nicht gerne überschreiten und mit dem Argument "wir haben ja eh nur einmal ungeschützten Sex gehabt" beiseiteschieben. Und es gibt Frauen, die suchen den Arzt/die Ärztin oder ApothekerIn auf und erhalten die "Pille danach" trotzdem zu spät. Die landen dann bei Christian Fiala vom Ambulatorium Gynmed, um einen Schwangerschaftsabbruch durchführen zu lassen.

Frauengesundheitszentren fordern seit Jahren, dass die "Pille danach" rezeptfrei wird. "Der Wirkstoff Levonorgestrel verhindert Schwangerschaften, und zwar vor einer Verschmelzung von Ei- und Samenzelle" , sagt Sylvia Groth vom Frauengesundheitszentrum in Graz und weiß, dass die meisten Menschen die "Pille danach" und die Abtreibungspille durcheinanderbringen. Sie hat viel Erfahrung mit Frauen, denen die "Pille danach" von ÄrztInnen oder ApothekerInnen einfach verweigert wurde. Besonders auf dem Land hätten es Frauen in Notsituationen oft schwer, ApothekerInnen und ÄrztInnen mitten in der Nacht zu überzeugen, viele trauten sich auch nicht, danach zu fragen.

Kein Schlusslicht mehr

Doch die Zukunft wird bald anders aussehen: War Österreich neben Irland, Italien und Deutschland bislang eines der vier Länder Westeuropas, in denen die "Pille danach" noch rezeptpflichtig ist, will Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) das so schnell wie möglich ändern. Notfalls auch im Alleingang.

Einen ersten Vorstoß hatte Stöger bereits Anfang November gemacht. Er warte auf Anträge der Firmen zur Rezeptfreistellung, der "Pille danach" , ließ er verlautbaren. Der Standard fragte nach und erfuhr: "Die Firma Kwizda lehnt aus moralischen und ethischen Gründen eine Rezeptfreistellung der Pille danach ab. Es ist weder ein Antrag auf Rezeptfreistellung gestellt worden, noch ist geplant, einen derartigen zu stellen", schrieb der Geschäftsführer und lehnte eine Präzisierung dieser Aussage ab. Auskunftsfreudiger war man bei Sanova Pharma, jener Firma, die ab 1. 1. 2010 den Vertrieb von Vikela übernehmen wird. "Wir glauben nicht, dass wir als Unternehmen bei der Rezeptfreistellung der Pille danach eine Schlüsselrolle einnehmen sollten" , sagt Sanova-Geschäftsführer Wolfgang Wacek und wünscht sich einen breiten gesellschaftlichen Konsens, in den alle Verantwortlichen miteingebunden sind.

Kraft seines Amtes braucht Stöger die Anträge der Firmen aber gar nicht. "Wenn sie das nicht tun wollen, nicht dürfen oder ihre Eigentümer etwas anderes meinen, dann finde ich einen anderen Weg" , erklärt der Minister im Standard-Gespräch. Er müsse noch prüfen, wie die rechtliche Vorgangsweise aussehen könnte, ist sich aber sicher: "Ich finde einen Weg, der schnell geht. Wenn ich den Verordnungsentwurf schon hätte, hätte ich ihn schon unterschrieben. Das ist eine reine Abwicklungssache."

Wirkstofffreigabe

De facto bleibt dem Minister die Möglichkeit, den Wirkstoff - in diesem Fall Levonorgestrel - freizustellen. Die Abgrenzung ist hier juristisch etwas schwieriger. Der Weg führt über die Rezeptpflichtkommission im Gesundheitsressort, der zwei positive Gutachten zur Freigabe der "Pille danach" vorliegen. Das nächste Mal tagt sie am 18. Dezember. Zu diesem Zeitpunkt könnte die Kommission also eine Empfehlung abgeben.

Letztlich ist aber auch die Rezeptpflichtkommission nur ein beratendes Gremium, entscheiden muss der Gesundheitsminister selbst. Und es ist ein offenes Geheimnis, dass Stögers Vorgängerin aus der ÖVP gegen eine Rezeptfreistellung waren, am Donnerstag war von den Schwarzen niemand für eine Stellungnahme zu dem roten Vorstoß erreichbar. Stöger sagt hingegen deutlich: "Wir wollen dieses Notfallmedikament zur Verfügung stellen. Wir wollen die Frauen unterstützen." Der Oberste Sanitätsrat gebe schon seit Jahren grünes Licht: "Das ist der Grund, warum wir das generell machen."

Gegenwind ist für den Minister vorprogrammiert. Vonseiten der Kirche, die auf einer Website gegen die Rezeptfreigabe mobilisiert und die "Pille danach" als "Abtreibungspille" anprangert. Und auch vonseiten mancher ÄrztInnen. Deren Präsident, Walter Dorner, bleibt dabei: "Die Pille danach ist kein Hustenzuckerl, wer sie haben will, muss beraten werden und gehört zum Arzt." Stöger sieht sich durch Umfragen bestätigt, wonach 78,2 Prozent von 1000 Befragten seine Initiative für einen mutigen Vorstoß halten und mehr als 80 Prozent davon ausgehen, dass es mit der rezeptfreien "Pille danach" weniger Abtreibungen geben wird. (Karin Moser und Karin Pollack/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.12.2009)

  • Spermien auf dem Weg zu einer Eizelle. Die Pille danach soll verhindern, dass diese Situation im Körper einer Frau entsteht. Sie zögert den Eisprung hinaus, mit Abtreibung hat das nichts zu tun.
    foto: matthias kulka/corbis

    Spermien auf dem Weg zu einer Eizelle. Die Pille danach soll verhindern, dass diese Situation im Körper einer Frau entsteht. Sie zögert den Eisprung hinaus, mit Abtreibung hat das nichts zu tun.

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