Wachsmodelle auf Harz und Nieren geprüft

3. Dezember 2009, 17:02
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Die anatomische Sammlung im Wiener Josephinum wird mit einem neuen Verfahren aufwändig restauriert

Die knapp 1200 Wachsnachbildungen wurden vor 200 Jahren im Auftrag Josephs II. in Florenz hergestellt.

Wien – Ein früherer Restaurator hat die "Venus" einfach fleischfarben angemalt. Und so liegt die lebensgroße Frau aus Wachs wie eine überdimensionierte Barbie in ihrer Vitrine in der anatomischen Sammlung des Wiener Josephinums: lange blonde Haare, um den Hals eine Perlenkette, bloß glänzen in ihrem offenen Bauchraum die inneren Organe in all ihrer Pracht. Das Modell eines liegenden Mannes in der Vitrine dahinter besitzt erst gar keine Haut. Seine wächsernen Muskeln, Sehnen und Gefäße liegen blank, aber seine Pose ist sehr barock und sehr lässig. Allein anhand der Haltung können Experten das Modell zeitlich zuordnen.

Seit mehr als 200 Jahren befinden sich die Nachbildungen von Organen, Muskeln, Gefäßen und Gehirnen in ihren Vitrinen aus Rosenholz. Für die Erhaltung der anatomischen Sammlung, die im Auftrag von Joseph II. zwischen 1784 und 1788 in Florenz hergestellt wurde, haben das Institut für Restaurierung an der Angewandten, das Bundesdenkmalamt und die Med-Uni ein wissenschaftliches Konzept entwickelt. Zehn der 1192 Keroplastiken wurden bereits nach der Methode restauriert. Gefördert wird die Forschung im Rahmen des EU-Projektes "Barock als europäisches Phänomen" .

Wenn die Restauratorin Martina Griesser vor der Vitrine steht, in der ein Männerkopf liegt, dessen rechte Gesichtshälfte den Blick auf Zähne, Gefäße und Gehirn freigibt, dann fällt ihr nur ein Wort dazu ein: "Bezaubernd." Bezaubernd sei etwa, wie fein die zarten Adern am Hinterkopf gearbeitet seien "dafür wurde ein Faden durch Wachs gezogen" . Griesser forscht an der Angewandten, drei Monate haben sie und ihre Studenten für die Restaurierung des Kopfes gebraucht.

Die Exponate bestehen aus Bienenwachs, um sie haltbarer zu machen, wurde bei ihrer Herstellung Harz zugefügt. Doch genau das hat sie nach 200 Jahren spröde werden lassen. "Das Harz trocknet nämlich im Gegensatz zum Wachs aus" , schildert Griesser. Manche der Vitrinen sind nicht mehr dicht, dann lässt sich der Staub, der sich auf der Oberfläche angesammelt hat, bei der Reinigung mit destilliertem Wasser nicht mehr entfernen. Risse werden mit einem eigens entwickelten Kleber verschlossen. "Das weitaus größere Problem ist aber die Seide, die um die Exponate drapiert ist" , sagt Griesser. Das Gewebe sei häufig so brüchig, dass die Restaurierung Monate dauere.

Klimaforschung

Als Nächstes soll das ideale Raumklima im Museum in der Währinger Straße 25 gefunden werden. Eine Klimaanlage mit konstanter Temperatur und Luftfeuchtigkeit wäre schlecht, sagt Griesser. "Auch wenn das jetzt esoterisch klingt, aber organische Materialien wie Holz oder Seide merken sich Temperaturschwankungen und stellen sich darauf ein." (Bettina Fernsebner-Kokert, DER STANDARD – Printausgabe, 4. Dezember 2009)

  • Das männliche Wachsmodell harrt noch seiner Restaurierung. Die Pose ist
typisch für die Barockzeit, die Sammlung im Josephinum in der Währinger
Straße 25 stammt aus dem 18. Jahrhundert.
    foto: standard/andy urban

    Das männliche Wachsmodell harrt noch seiner Restaurierung. Die Pose ist typisch für die Barockzeit, die Sammlung im Josephinum in der Währinger Straße 25 stammt aus dem 18. Jahrhundert.

  • "MUW 152"  hat die professionelle Zahnreinigung schon hinter sich. Das Exponat wurde nach dem neuen Verfahren restauriert.
    foto: standard/andy urban

    "MUW 152" hat die professionelle Zahnreinigung schon hinter sich. Das Exponat wurde nach dem neuen Verfahren restauriert.

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