"Pille danach" als Unfallerstversorgung

3. Dezember 2009, 17:23
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Gynmed-Leiter Fiala im Interview über Österreichs Rückständigkeit und die Unkenntnis der Kirche

Christian Fiala berichtet von Frauen, die zu ihm zum Schwangerschaftsabbruch kommen, weil sie die "Pille danach" nicht rechtzeitig erhalten haben. Er ärgert sich über Österreichs Rückständigkeit und die Unkenntnis der Kirche. Von Karin Moser.

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Standard: Warum ist es so wichtig, die "Pille danach" rezeptfrei abzugeben?
Fiala: Die "Pille danach" ist eine Unfallerstversorgung. Analog zum Verbandskasten im Auto braucht eine Frau nach einem ungeschützten Verkehr oder einer Verhütungspanne eine Notfallverhütung. Und zwar so schnell wie möglich. Die klinischen Studien zeigen eindeutig, dass die "Pille danach" umso wirksamer ist, je früher sie eingenommen wird. Es ist ganz wichtig, sie möglichst innerhalb weniger Stunden nach dem ungeschützten Verkehr einzunehmen. Und da ist die Rezeptpflicht derzeit eine große Hürde, weil die meisten Menschen ihre Sexualität ja nicht zu den Bürozeiten leben. Das passiert meist in der Nacht, am Abend oder am Wochenende. Und da ist es für die meisten Patientinnen ein regelrechter Spießrutenlauf, einen Arzt zu finden, der sich Zeit nimmt und den Notfall erkennt. Oder einen kooperativen Apotheker. Viele scheitern an diesen Hürden und kommen dann zu uns für einen Schwangerschaftsabbruch, den sie eigentlich verhindern hätten wollen.

Standard: Wie dringend ist die Freigabe der "Pille danach"?
Fiala: Es ist eine traurige Realität, dass Österreich in vielen Aspekten der reproduktiven Gesundheit europäisches Schlusslicht ist. Bei uns werden Verhütungsmittel nicht auf Krankenschein bezahlt, der Sexualkundeunterricht ist sehr mangelhaft. Das Ergebnis ist eine sehr hohe Anzahl von ungewollten Schwangerschaften und Abbrüchen. Das ließe sich deutlich reduzieren, wenn die "Pille danach" rezeptfrei gestellt wird.

Standard: Warum bezeichnet die katholische Kirche die "Pille danach" immer noch als Abtreibungspille?
Fiala: Die Kirche ist eine Glaubensgemeinschaft mit einigen schwer verständlichen Überzeugungen zur Gynäkologie und Geburtshilfe. Stichwort jungfräuliche Empfängnis. Insofern verwundert es mich nicht, dass die Kirche auch zur "Pille danach" nicht den Stand der Medizin vertritt. Was hier behauptet wird, zeugt aber nur von der Unkenntnis der zugrundeliegenden Wirkungsmechanismen. Vom medizinischen Standpunkt her ist die Bezeichnung Abtreibungspille schlicht falsch. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.12.2009)

  • Christian Fiala (50) ist ärztlicher Leiter des
Gynmed-Ambulatoriums für Schwangerschaftsabbruch und Familienplanung in
Wien und Salzburg.
    foto: matthias cremer

    Christian Fiala (50) ist ärztlicher Leiter des Gynmed-Ambulatoriums für Schwangerschaftsabbruch und Familienplanung in Wien und Salzburg.

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