"Westschweiz stimmte dagegen, weil hier viele Muslime leben"

4. Dezember 2009, 07:00
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Antirassismus-Aktivistin Emilie Bovet über die Proteste gegen das Minarettverbot

Zwei Tage nach dem Schweizer Referendum gingen in Lausanne, Genf und anderen westschweizer Städten tausende Menschen auf die Straße, um gegen das Minarettverbot zu protestieren. Aktivistin Emilie Bovet erklärt im Gespräch mit Berthold Eder, wer die Demonstrationen organisiert, wer sie unterstützt und warum der französischsprachige Landesteil im Gegensatz zum Rest der Eidgenossenschaft gegen das Verbot gestimmt hat.

derStandard.at: Hat Sie das Abstimmungsergebnis überrascht?

Emilie Bovet: Damit habe ich wirklich nicht gerechnet. Hier in der Westschweiz hat allerdings die Mehrheit gegen das Verbot gestimmt.

derStandard.at: Was unterscheidet die französischsprachige Schweiz vom Rest des Landes, warum stimmten die Leute dort gegen das Verbot?

Emilie Bovet: Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens haben wir hier einen großen muslimischen Bevölkerungsanteil, es gibt Moscheen und islamische Kulturzentren. Die Bevölkerung hier weiß also aus eigener Erfahrung, dass ein friedliches Zusammenleben möglich ist. In Dörfern oder Städten, wo die beiden Bevölkerungsgruppen wenig miteinander zu tun haben, gibt es viel mehr Vorurteile und Ängste.

Außerdem gibt es in Lausanne und Genf viele gemeinsame kulturelle Veranstaltungen und Diskussionen, bei denen Leute herausfinden, dass "Islam" nicht automatisch für religiösen Extremismus steht, sondern dass es die verschiedensten muslimischen Communities gibt.

derStandard.at: Welche Gruppen unterstützen die Proteste gegen das Minarettverbot?

Emilie Bovet: In Genf war Bürgermeister Rémy Pagani dabei ... An unseren Demos haben Politiker aus den unterschiedlichsten Organisationen teilgenommen, das reichte von Sozialdemokraten über Linksgruppierungen wie der Partei der Arbeit und solidaritéS.

Organisiert haben die Kundgebungen kleine Organisationen, aber jetzt wollen sich die Politiker dort sehen lassen.

derStandard.at: Es gibt Berichte, dass muslimische und jüdische Organisationen gemeinsam demonstriert haben ...

Emilie Bovet: Katholiken und Protestanten waren auch dabei, das war ein starkes Zeichen. Es war das erste Mal, das ich so viele Leute unterschiedlichster Herkunft gemeinsam demonstrieren gesehen habe.

derStandard.at: Hat das das Ergebnis der Volksabstimmung eine Debatte über die Grenzen der direkten Demokratie zur Folge?

Emilie Bovet: Ob man wirklich über alles abstimmen kann, also auch über Initiativen, die der Verfassung widersprechen, ist umstritten. Besonders bei emotionsgeladenen Themen ist der Sinn einer Volksabstimmung fraglich.

derStandard.at: Wie erklären Sie sich den Erfolg der SVP, die mit ihrem Versprechen gegen "die Etablierten" zu kämpfen, eine Wahl nach der anderen gewinnt?

Emilie Bovet: Diese Leute spielen sehr geschickt mit Vorurteilen und Ängsten und betrieben sehr geschickte Medienarbeit. Leider haben sie damit großen Erfolg, weil ihnen die Wähler ihre Propaganda glauben.

derStandard.at: Walter Wobmann von der SVP hat im derStandard.at-Interview gesagt: "... wo Minarette sind oder der Islam viel weiter fortgeschritten ist, hat man viel mehr Extremisten".

Emilie Bovet: Genauso könnte man behaupten, "wo es Kirchenglocken gibt, hat man christliche Extremisten". Hier sieht man deutlich, wie die Organisationen des Referendums mit den Ängsten der Bevölkerung spielen.

derStandard.at: Ein häufig gebrachtes Argument ist, dass Muslime ihre Religion ja genausogut ohne Minarette ausüben könnten ...

Emilie Bovet: Natürlich ist das Minarett für Muslime keine Vorschrift – Kirchenglocken für Protestanten und Katholiken allerdings auch nicht. Mit solchen Argumenten macht man es sich zu leicht, das zeigt, dass man sich nicht wirklich damit auseinandergesetzt hat, wie Muslime ihren Glauben praktizieren.

derStandard.at: Minarettgegner warnen vor Zuständen wie in Saudi-Arabien, wo Dieben die Hand abgehackt wird ...

Emilie Bovet: Diese Praktiken sind erschreckend, und es gibt sicher islamische Extremisten in diesen Ländern. Das ist nicht zu bestreiten. Allerdings haben auch andere Religionen ähnliche Probleme.

Man sollte nicht vergessen, dass der Großteil der Muslime in der Schweiz nicht aus dem arabischen Raum, sondern vom Balkan kommt. Die Situation ist also nicht vergleichbar.

Die muslimischen Glaubensgemeinschaften (es gibt nämlich nicht bloß eine davon) sind gefordert, zu zeigen, dass der Islam, den sie hier praktizieren, nichts mit dem im arabischen Raum vorkommenden Extremismus zu tun hat. (derStandard.at, 4.12.2009)

Zur Person

Die Biomedizinerin Emilie Bovet (28) zählt zu den Gründungsmitgliedern des Lausanner "Mouvement de lutte contre le racisme".

  • Emilie Bovet: "Organisiert haben die Kundgebungen kleine Organisationen, aber jetzt wollen sich die Politiker dort sehen lassen."
    foto: privat

    Emilie Bovet: "Organisiert haben die Kundgebungen kleine Organisationen, aber jetzt wollen sich die Politiker dort sehen lassen."

  • Demo in Lausanne am Dienstag
    foto: epa/barmavarain

    Demo in Lausanne am Dienstag

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