Mit Polaroid und Lomo im siebten Retro-Himmel

4. Dezember 2009, 16:45
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Wie eine russische Billig-Kamera und das Sofortbild-Wunder auch heute noch begeistern

Wir befinden uns im Jahr 2009. Die ganze Welt fotografiert mit Digicams und Handys. Die ganze Welt? Nein! Eine unbeugsame Community hört nicht auf, mit ihren geliebten, aber in die Jahre gekommenen Gadgets zu fotogafieren: mit der Lomo und der Polaroid-Kamera.

Mut zur Schliere

Technisch und historisch haben Lomo und die Sofortbildkameras von Polaroid nicht viel gemeinsam. Und doch verbindet sie vieles. Bei beiden Kameratypen geht es nicht um hochauflösende, gestochen scharfe Bilder mit möglichst realistischen Farben. Es geht um den Spaß am Fotografieren und Fotos mit Flair, die an so manch grausige aber liebgewonnene Farb- und Musterkombination der 70er und 80er erinnern. Hyperreale Farben, Verwackelungen, verzerrte Perspektiven, Farbschlieren - es kommt eben wie es kommt.

Bild, sofort!

Polaroids erste Sofortbildkamera für den Massenmarkt wurde schon 1965 eingeführt, 1972 kam mit der SX-70 die erste Kamera mit dem bekannten Integral-Film auf den Markt. Fotografieren mit Sofortbildkameras ist nicht nur ein technischer Ablauf, sondern ein Ereignis - wenn nach der Aufnahme der Film surrend das Kameragehäuse verlässt und der Fotograf erwartungsvoll das Foto trockenwachelt. Das Interesse an Sofortbildkameras begann am Massenmarkt jedoch zunächst mit dem Aufkommen von kompakteren Kameras und Fotolabors, die Kleinbild-Filme schneller entwickeln konnte, und später mit den Digicams zu sinken. 2001 war das Unternehmen bankrott, 2005 wurde der Name verkauft. 2008 wurde die Produktion der Filme schließlich eingestellt. Unter dem Namen Polaroid werden mittlerweile Digicams hergestellt - auch ein Modell mit integriertem Drucker für Sofortbilder gibt es.

Restposten

Doch in vielen Haushalten haben die alten Modelle überlebt. Vor allem in der Kunst ist der unverwechselbare Stil von Sofortbildfotos mit dem klassischen weißen Rahmen sehr gefragt - wie die Galerien auf Polanoir.com beweisen. Kameras und Fotomaterial sind derzeit nur mehr gebraucht bzw. aus Restbeständen erhältlich. eBay ist natürlich eine Beschaffungsquelle. Wer aber zum Fachmann will, findet sich auf Polapremium.com im Polaroid-Himmel wieder. Einige Kameras sind hier noch erhältlich - der Klassiker SX-70 kostet rund 300 Euro. Und auch Filme gibt es hier.

Neustart 2010

Viele Produkte sind bereits ausverkauft, nachproduziert werden die Filme nicht mehr. Vorerst. Denn 2010 will The Impossible Project den Kult mit einer Kamera und einem neuen, modernen Standards entsprechenden Film (zunächst monochrom) wiederaufleben lassen. Im Lauf des Jahres sollen ein weiteres Modell und ein neuer Farbfilm folgen. Ein Massenmarkt ist zwar nicht zu erwarten, doch die treue Anhängerschaft könnte um ein paar Fans wachsen und der Polaroid-Kult wird auch ins kommende Jahrzeit hinübergerettet.

Der ungebrochene Kult

Ganz anders liest sich die Biografie eines weiteren Kultobjekts der vergangenen Jahrzehnte. Das Unternehmen Leningradskoye Optiko Mechanichesckoye Obyedinenie fertigte bereits 1930 erste Kameras. Die bekannte Lomo LC-A wurde ab 1984 in Russland als Gegenstück zu einem japanischen Modell verkauft. Der Fotoapparat zeichnet sich durch eine variable Blende und eine Belichtungsautomatik aus, mit der lange Belichtungszeiten möglich sind. 1991 nach der Wende wurde die Lomo von begeisterten Studenten aus Wien in die ganze Welt exportiert - die Geburtsstunde der Lomografie als Fotokult. Das Erfolgsmodell aus der ehemaligen Sowjetunion hat damit bereits ein viertel Jahrhundert auf dem Plastikbuckel.

Kameras ab 30 Euro

Verkauft werden die Kameras unter anderem in weltweiten Museums- und Embassy-Shops und natürlich im Web. Im Shop von Lomography.com findet der Lomo-Liebhaber Kameras, Filme, Zubehör und Fanartikel (ja, auch Bekleidung). Die klassische LC-A-Serie ist ab 250 Euro erhältlich. Feilgeboten werden aber auch Kameras ab 30 Euro mit mehreren Linsen, die gleichzeitig mehrere Fotos schießen, oder Premium-Modelle wie die Horizon mit einer Schwinglinse für Fotos mit einem Winkel von 120 Grad, zum Preis ab 300 Euro.

Lomo-Regeln

Die Kunstwerke der Community sind natürlich online zu finden, oder aber im Lomo LC-A Big Book, das zum 25-jährigen Jubiläum mit rund 3000 Fotografien veröffentlicht wurde. Wer sich Tipps für eigene lomografische Experimente holen will, findet auf Lomography.com die zehn goldenen Regeln, die man allerdings auch auf einen Punkt zusammenfassen könnte: nicht viel überlegen, einfach knipsen und Spaß haben - und das gilt auch für die Sofortbildknipserei. (Birgit Riegler/derStandard.at 4. Dezember 2009)

 

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    Retrofotos wie Polaroids Sofortbilder haben auch 2009 noch ihre Anhängerschaft

  • Der Lomo-Kult hält bereits ein Vierteljahrundert an
    foto: lomographischen ag

    Der Lomo-Kult hält bereits ein Vierteljahrundert an

  • Polaroid SX_70
    foto: polapremium

    Polaroid SX_70

  • Lomo LC-A
    foto: lomographischen ag

    Lomo LC-A

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