Hippie yeah!

3. Dezember 2009, 17:02
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US-Songwriter Devendra Banhart bringt mit "What Will We Be" die Räucherstäbchen zurück in die Diskotheken. Der nächste Trend heißt Hippie-Rock

Mit der Musik kamen immer schon die Spinner. Und Devendra Banhart zählt historisch gesehen zumindest zu jener seit den frühen 1970er-Jahren ausgestorben geglaubten Superspezies, die das Ganze auch noch mit Ausflügen in den Kosmos, ins Takatukaland, in die Fingerfarbentöpfe und hin zu den nach Ounsch stinkenden Räucherstäbchen anreicherte. Kurz, Devendra Banhart ist zu jener ehemaligen subkulturellen Erscheinung zu zählen, deretwegen der Punkrock einst zu Recht erfunden wurde. Devendra Banhart ist tatsächlich ein Hippiekind. Als solches verabsäumte er es im Guten wie im Schlechten, gegen seine Eltern zu revoltieren, borgte sich lieber ab und zu einmal ein bisschen Gras von ihnen aus - und wurde selbst Hippie.

Seit einigen Jahren schon kommt das beim heutigen jungen Menschen gut an. Immerhin wären derzeitige Szenestars wie die Folk-Tanten Joanna Newsom und Alela Diane oder junge männliche Wandergitarrensensibelchen wie Boy Omega oder Jose Gonzalez mit ihren introvertierten Meditationen über die Stille oder närrische Freaks aus der New Yorker Weird-Folk-Szene vor noch nicht allzu langer Zeit von sämtlichen Bühnen gelacht worden.

Devendra Banhart muss in dieser Szene zweifellos als der Häuptling angesehen werden. Mit seinem jetzt vorliegenden sechsten Studioalbum What Will We Be hat es der US-amerikanische Songwriter mit seiner charakteristisch meckernden Gesangsstimme nicht nur geschafft, bei einem Großkonzern unterzukommen. Die Songs des neuen Albums besitzen erstmals, wohl auch zum großen Erstaunen ihres Kompositeurs, eine Stringenz und Klarheit, die man dem freundlichen Spinner aufgrund vorhergehender Arbeiten wie Smokey Rolls Down Thunder Canyon oder Nino Rojo nicht mehr zugetraut hätte.

Verhuschtes Gitarrengezupfe im 2009 brüllend-modischen afrikanischen Highlife-Stil wackelt hier in die Indie-Disco. Brasilianische Rhythmen treffen auf breitbeinigen Bluesrock der britischen Schule der späten 60er-Jahre. Die Doors und Jim Morrison erheben ihr schreckliches Haupt. Es jazzelt, folkt und orgelt, nasenbohrt, meckert, daddelt und zirpt. Der gerne mit Wohlfühl-Schmusesound verwechselte Reggae schunkelt um die Ecke. Die Song-Suite Chin Chin & Muck Muck ist ein Monument des Wahnsinns, welches von Banhart zudem mit der Gesangstechnik des US-sizilianischen Heldentenorschlunzens im Sinne von Dean Martin behübscht wird. Der Song Baby wird demnächst auch in Ihrem Internet-Radio laufen. Sogar ein Streicherensemble wird bei einigen Liedern aufgefahren und besticht durch merkwürdig verhuschte Arrangements.

Dass Devendra Banhart 2010 ausgerechnet mit dieser antiquiert wie zeitlos wirkenden Musik zum neuen Darling der internationalen Alternative-Szene aufsteigen wird, ist einerseits bemerkenswert. Andererseits war das Kommen dieser ebenso späten wie dekadenten, sanften wie streichwurstweichen, weil stilistisch alles zulassenden Neo-Hippiekunst als neuestes Phänomen im Mainstream wohl absehbar. Wenn nichts mehr geht, geht dann eben alles. Demnächst als Geheimtipp auch in Ihrer Frauenzeitschrift! (Christian Schachinger / DER STANDARD, Printausgabe, 4.12.2009)

 

Devendra Banhart - What Will We Be (Warner)

  • US-Songwriter Devendra Banhart lässt sein Haupt- und Barthaar wallen. Den Zimt- und Patschuligeruch muss man sich jetzt einfach mal dazudenken
    foto: xl recordings

    US-Songwriter Devendra Banhart lässt sein Haupt- und Barthaar wallen. Den Zimt- und Patschuligeruch muss man sich jetzt einfach mal dazudenken

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