Journalisten sollen das Internet nicht verteufeln

3. Dezember 2009, 13:44
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Ausgerechnet Journalisten fehlt oft die Medienkompetenz bei neuen Medien - trotz der vielen Möglichkeiten - Eine Veranstaltung versuchte Abhilfe zu schaffen

Was müssen JournalistInnen von heute können? Das war die zentrale Frage bei einer bei einer Spezialausgabe der Veranstaltungsreihe "Digitalks" im Wiener Museumsquartier, deren Ziel es ist, Medienkompetenz für Menschen über 26 zu vermitteln. "In den letzten Jahren hat es unter Journalistinnen und Journalisten um sich gegriffen, das Internet zu verteufeln. Da wurde geschrieben, auf Facebook tummeln sich nur Leute, die schreiben, dass sie jetzt gleich auf das Klo gehen. Damit möchte ich aufräumen", sagt die Journalistin Sonja Bettel.

Sachlicher Umgang

Bettel plädiert für einen sachlichen Umgang mit dem Thema, schließlich seien Journalisten immer dazu angehalten, Dinge zu hinterfragen und von mehreren Seiten zu betrachten. "Ich weiß eigentlich gar nicht mehr wie ich früher gearbeitet und recherchiert habe." Bettel nennt den Irakkrieg und die damalige Rolle des Bloggers Salam Pax, die Proteste im Iran und auch die jüngsten Studentenproteste als Schlüsselereignisse, bei denen JournalistInnen immer wieder in Kontakt mit den so genannten neuen Medien kommen. Dort könne man sehen, wie Plattformen genutzt werden und was die jeweiligen Akteure machen. "Es gibt so immer wieder Quellen, an die wir sonst nicht bekommen würden."

Quellenkritik immer wichtig

Zweifelhafte Glaubwürdigkeit der Internet-Quellen lässt sie nicht als Ausrede gelten. "Quellenkritik ist schon immer wichtig gewesen." Im Internet ginge das unter anderem mit einer WHOIS-Abfrage, mit der festgestellt wird, auf wen eine Domain registriert ist. "Als Journalist soll man diese Werkzeuge kennen und nutzen", sagt Bettel und meint damit nicht nur Facebook und Twitter, die sich eignen, um Kontakte zu knüpfen, zu recherchieren und herauszufinden, wer in einem gewissen Bereich der Meinungsführer ist. Auch RSS-Feeds, deren Nachrichten Titel und Anreißer von Websiteeinträgen enthalten, würden einen guten und schnellen Überblick geben, was sich in der Welt der Blogs und Nachrichten so tut. 

Informantenschutz

Bei Wikipedia empfiehlt die Ö1-Journalistin vor allem auch die Diskussionsseiten zu Artikeln zu lesen, um so unter die Oberfläche zu blicken. Eine weitere Fähigkeit, die Journalisten beherrschen sollten, sieht Bettel darin, anonym im Internet kommunizieren zu können um so Informantenschutz zu wahren und heikle Information zu schützen. Sie empfiehlt das Anonymisierungsnetzwerk TOR besonders bei heiklen Fällen zu nutzen. Das Problem von Journalisten, sehr wenig über das eigene Publikum zu wissen, glaubt Bettel mit Kommunikationskanälen wie Facebook und Twitter begegnen zu können, außerdem würde es sich anbieten Werbung für eigene Geschichten zu machen.

Fluch und Segen

Die Beraterin und Bloggerin Lena Doppel konzeptionert gemeinsam mit Bettel ein Buch zum Thema Publizieren im Internet. Sie sieht in diesem Bereich einen Nachholbedarf, obwohl das Publizieren immer leichter werden würde. "Manche sehen das als Segen, manche als Fluch." Bettel ist die Diskussion Blogger gegen Journalisten leid. "Markus Beckedahl hat mehr Kompetenz als mancher Journalist, er behauptet aber selbst nicht Journalist zu sein. Man muss kein Feind sein." Sie glaubt, dass das Internet-Manifest, das Blogger und Journalisten verfasst haben, bezüglich Medienkompetenz für Journalisten noch länger diskutiert werden wird.

Sowohl Doppel als auch Bettel sehen die Beschäftigung mit neuen Medien pragmatisch. Erstens würde der richtige Umgang damit signalisieren, dass man modern und an den neuen Medien dran ist, das sei besonders für das junge Publikum wichtig und zweitens sei es vor allem in Zeiten von Jobabbau eine wichtige Zusatzqualifikation, die den eigenen Job retten könne. (krm, derStandard.at, 03.12.2009)

Die "Digitalks"-Vorträge sind auf der Plattform ustream sowohl live als auch im Nachhinein abrufbar.

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